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„Man zwingt sie, Kuh-Urin zu trinken“

Indiens Christen sehen sich zunehmender Gewalt von fanatischen Hindus ausgesetzt. Die Unruhen haben zur Vertreibung zehntausender Christen aus ihren Dörfern geführt. Leo Cornelio, Erzbischof von Bhopal, über die Lage, das „kastenlose“ Christentum und die Maoisten als Sammelbecken der Unterprivilegierten.

Offiziell sind 59 Menschen bei Unruhen im westindischen Bundesstaat Orissa getötet worden, inoffizielle Quellen sprechen von mindestens 500. Nach der Ermordung des radikalen Hinduführers Swami Laxmananda wurden mehr als 50.000 Christen von Hindus aus ihren Dörfern vertrieben. Die Christen wurden für den Mord verantwortlich gemacht, obwohl maoistische Rebellen längst die Verantwortung für die Bluttat übernommen hatten. Leo Cornelio, Erzbischof der zentralindischen Metropole Bhopal, schildert Hintergründe und Auswirkungen der Ausschreitungen.

Die Furche: Herr Erzbischof, was ist der Hintergrund der jüngsten Gewalt gegen Christen in Orissa und anderen indischen Bundesstaaten?

Erzbischof Leo Cornelio: Die BJP (Indische Volkspartei) genießt die Unterstützung radikaler nationalistisch-hinduistisch gesonnener Gruppen. Sie haben den Regierungschef von Orissa in der Hand. Als Swami Laxmananda Saraswati am 23. August ermordet wurde, gab es eine lange Trauerprozession (über 130 km). Es kam zu Ausschreitungen, die Regierung sah tatenlos zu.

Die Furche: Wo stand Laxmananda politisch?

Cornelio: Seine Ermordung war nur der Funke ins Pulverfass. Er war ein Sadu, ein hinduistischer Heiliger. Er war Fanatiker, stand der BJP nahe. Er wollte dafür sorgen, dass das Christentum in den nächsten Jahren ausgelöscht würde. Im vergangenen Jahr hatte er zu Weihnachten die Christenverfolgungen in Orissa angefacht. Danach bekam er Todesdrohungen von Maoisten. Gerüchtweise wurde seine Ermordung Christen angehängt — eine Diffamierung. Jedenfalls breiteten sich die Unruhen schnell auch in anderen Bundesstaaten aus. Es gab dutzende von Toten, viele Verletzte, hunderte von Flüchtlingen etc. In meiner Nachbardiözese Jabalpur wurde versucht, die Kathedrale anzuzünden.

Die Furche: Was ist das Ziel der Diffamierungen?

Cornelio: Das betrifft vor allem Muslime und Christen. Diese Religionen werden als Fremdkörper gesehen, die die indische Kultur und das indische Ethos bedrohten. Dagegen werden Buddhismus, Jainismus, die Sikhreligion unter anderem als Bestandteile des indischen Ethos betrachtet. Sie wollen einen hinduistischen Staat, in dem es keinen Raum mehr für Säkularismus und die multireligiöse, multikulturelle Gesellschaft gibt.

Die Furche: Entscheidet die Zugehörigkeit zu einer Religion des „indischen Ethos“ über kulturelle Identifikation?

Cornelio: Genau das. Aber das ist ein Unding. Die Bandbreite, der Reichtum und die Vielfalt in der indischen Kultur sprechen dagegen. Eine Vielfalt von Sprachen, ethnischer Herkunft und eigenständiger Kulturen machen Indien als Nation aus. Das lässt sich nicht auseinanderdividieren. Wir haben es hier mit einer politischen Ideologie zu tun, mit der die BJP die Alleinherrschaft in Indien anstrebt und dafür Extremisten einspannt.

Die Furche: Kommt es nur in BJP-regierten Bundesstaaten zu Ausschreitungen gegen Minderheiten?

Cornelio: Überwiegend ja, doch nicht ausschließlich.

Die Furche: Wird das Christentum oder der Islam von den hinduistischen Nationalisten als bedrohlicher gesehen?

Cornelio: Den Christen wird vorgeworfen, sie würden Hindus bekehren. Wenn aus Dörfern mittellose Menschen zu Christen werden, steht immer fest, dass sie mit Geld, Bildung, medizinischer Versorgung oder anderen Anreizen geködert wurden … Für uns ist das ganz anders: Die Bibel, unsere Religion lehren uns, den Armen, Bedürftigen und Benachteiligten zu helfen. Das Kastensystem ist nicht unantastbar. Wir bemühen uns vor allem um Bedürftige, Dorfbewohner und Dalits (Unberührbare). Diese Menschen fragen sich dann, warum wir dies tun und wollen dann oft selbst Christen werden. Diese Freiheit steht ihnen zu. Falls beim Religionswechsel aber Anreize im Spiel wären, gibt es Gesetze dagegen. In Orissa nehmen sie das Gesetz jedoch selbst in die Hand und versuchen, zum Christentum Konvertierte mit Gewalt zum Hinduismus zurückzuholen. Man zwingt sie, sich den Kopf kahl zu rasieren oder Kuh-Urin zu trinken. Die Kuh ist ja heilig …

Die Furche: … Kuh-Urin trinken: Gibt es das als Ritual?

Cornelio: Nein. Natürlich nicht. Das ist einfach frei erfunden. Es geht um Demütigung. Es gilt nur die Macht des Stärkeren. Wer nicht zum Hinduismus zurückkehrt, wird umgebracht.

Die Furche: Und wie wird der Islam von diesen Leuten angesehen?

Cornelio: Der Islam wird ganz anders wahrgenommen. Im Unterschied zu den Christen wehren sich die Muslime sehr schnell gegen ihre Verfolger. Sie sind sofort bereit zu töten und getötet zu werden und gelten deshalb als militant. Physische Gewalt macht Angst.

Die Furche: Werden Christen generell wegen ihrer „soft power“ als bedrohlich erlebt?

Cornelio: Durchaus. Wir streben eine Gesellschaft ohne das hinduistische Kastensystem, ohne Klassen etc. an. Wir bieten den Armen und Bedürftigen Bildung an. Wir wenden uns ländlichen Gebieten zu. Wir bemühen uns, ihnen zu Selbstvertrauen zu verhelfen. Dabei befreien sie sich aus traditioneller Unterwürfigkeit gegenüber den Reichen und Mächtigen. Anders in den Städten, wo unsere Schulen und Krankenhäuser beliebt sind. Über 80 Prozent der Schüler sind keine Christen, die Mehrheit davon sind Hindus. Wir bieten die beste Schulbildung an. Unsere Krankenhäuser haben den höchsten medizinischen Standard. Wir machen gute Sozialarbeit.

Die Furche: Betrifft die Gewalt gegen Christen vor allem die ländlichen Gebiete?

Cornelio: Ja, auch in jüngster Zeit wieder. Zwar versuchen es die Extremisten auch in den Städten, aber mit wenig Erfolg. Dort leben die Gebildeten, die sich von Extremisten nicht überzeugen lassen. Aufs Ganze gesehen sind die Extremisten ohnehin eine kleine Minderheit.

Die Furche: Wie ist das Verhältnis der Christen zu den Maoisten?

Cornelio: Unzufriedene, unterprivilegierte Menschen schließen sich den Maoisten an. Dazu zählen Muslime, Christen, Hindus etc.Nicht die Ideologie, sondern die Not eint sie. Die Not ist überhaupt ein Motor des Terrorismus, auch bei hinduistischen Extremisten.

Die Furche: Wie sollten sich Regierungen und die Zivilgesellschaft im Ausland verhalten?

Cornelio: Ausländische Regierungen sollten auf der Achtung der Menschenrechte, der Religionsfreiheit und anderer Grundrechte bestehen. In Indien lassen Frauen- und Kinderrechte viel zu wünschen übrig. Da bieten indische Wirtschaftsinteressen einen Hebel. Auch die Medien müssen sich engagieren. Die US-Regierung hat radikalen Regierungschefs von Bundesstaaten, die zu Unruhen angestiftet oder Ausschreitungen nicht verhindert hatten, die Einreise verweigert. Das erregte Aufsehen in Indien. Diese Praxis sollten auch andere Staaten übernehmen.

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