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„Mater, si; Magistrą, no“

Unter den Amerikanern, die als „Ultrakonservative“ bezeichnet werden, weil der Ausdruck „reaktionär“ verpönt ist — andere Länder, andere Sprachsitten —, findet man verhältnismäßig viele Katholiken. Das erklärt sich soziologisch. Die katholischen Einwanderer fingen weiter „unten" an als die protestantischen. Wenn man die deutsche Amerikaliteratur des vorigen Jahrhunderts betrachtet, sieht man, wie die zum größten Teil bettelarmen und stumpfsinnigen Iren verachtet wurden, sie taten sich schwer, die soziale Leiter hinaufzuklettern, und mußten sich besonders anstrengen, um zu beweisen, daß ihr Glaubensbekenntnis sie nicht verhinderte, gute Amerikaner zu werden. Jetzt sind sie arriviert und wollen das so mühselig Erworbene bewahren. Sie bilden sich ein, sie könnten in Gruppen, für die Besitz und Altar zusammengehören, so wie in anderen Ländern und in anderen Zeiten Thron und Altar, Sicherheit finden. Da diese Gruppen außerdem dem Wahn verfallen sind, sie allein seien die Gralshüter des Patriotismus, brauchen sich ihre katholischen Mitglieder bei keinen nationalistischen Schreihälsen mehr zu entschuldigen.

Unter diesen Katholiken ragt der junge William C. Buckley hervor, dessen zahlreiche Gegner ihm ehrliche Überzeugung, Geistesschärfe, stilistische Begabung und unbändige Energie zugestehen. Schon als Student machte Buckley sich mit dem Buch „God and Man at Yale“ einen Namen, einer ebenso geistreichen wie aggressiven Auseinandersetzung mit der liberalen Philosophie der großen Universität. Jetzt ist er Chefredakteur der Wochenschrift „National Review“, dem bedeutendsten Organ der Ultrakonservativen, dessen intellektuelles Niveau allgemein anerkannt wird. Die „New York Times“ behauptete kürzlich, daß Buckley und der Journalist Stephen Shadegg zusammen mit Senator Gold- water, dem „Vorläufer in die Vergangenheit", ein publizistisches Team bilden, zu dem der Senator hauptsächlich seinen Namen beiträgt.

Begreiflicherweise begeisterte William C. Buckley sich für die Enzyklika Papst Johannes’ XXIII., „Mater et Magistrą“, nicht. Er kritisierte: „ … Dies umfangreiche und weitschweifige Dokument … wird jahrelang studiert werden und zu Streitigkeiten führen. Möglicherweise wird es in das Zentrum der Gesellschaftslehre der katholischen Kirche rücken; oder, wie der Syllabus …, zu einer Quelle verlegener Erklärungen werden … In diesem geschichtlichen Zeitpunkt muß es einem als ein Wagnis in Belanglosigkeit Vorkommen.“ (Im Original heißt es „venture in triviality“. Venture kann entweder Unternehmen oder Wagnis bedeuten. Wagnis scheint besser zu dem ironischen Ton der Kritik zu passen.)

Mr. Buckley fährt fort: „Die hervorstechenden gesellschaftlichen Phänomene sind in diesem Augenblick gewiß die andauernden und dämonischen Erfolge der Kommunisten, die kaum erwähnt werden: der außergewöhnliche Wohlstand, den solch freie Wirtschaftssysteme, wie die Japans, Westdeutschlands und unser eigenes, erzeugen, die, wie man meinen möchte, ungenügend beachtet werden; und die Entmenschlichung der Rolle des Individuums im Leben unter der Technologie cum Etatismus, die zwar angedeutet wird, aber ohne die rhetorische Hervorhebung, die andere Dinge auszeichnet … es ist nicht unwahrscheinlich, daß in den kommenden Jahren .Mater et Magistrą’ einen Vergleich mit der Hierarchie der Werte, die von den amerikanischen katholischen Bischöfen im November 1960 verkündet wurde, nicht aushalten wird“.

In der folgenden Nummer des „National Review“ wurde scherzhaft behauptet, unter amerikanischen konservativen Katholiken sei es zum geflügelten Wort geworden: „Mater, si; Magistrą, no.“ Dies ist eine Abwand-

lung des kubanischen Schlachtrufes: „Cuba, si; Yankee, no.“

Antwort der Gesellschaft Jesu

Die von den Jesuiten herausgegebene Wochenschrift „America“, die auf säkularem Gebiet eine offene Gesellschaft befürwortet, nahm den Fehdehandschuh auf. Die Zeitschrift war wohl auch gereizt, weil „National Review“ einige Wochen vorher einen Artikel gebracht hatte, in dem im Rahmen einer Auseinandersetzung mit den katholischen Liberalen, einer von „Americas“ leitenden Redakteuren als ein Geistlicher apostrophiert worden war, der die Heilsbotschaft Christi und die materialistische Heilsverkündigung des Marxismus nicht genügend auseinanderhalte.

Der Artikel Buckleys enthält einen so aufschlußreichen integralistischen Syllogismus, daß er in gedrängter Form erwähnt werden muß. Dem Westen sei demnach der göttliche Auftrag erteilt worden, eine perfekte Ordnung zu exemplifizieren. Wenn er auch oft in der Ausführung dieses Auftrages saumselig gewesen sei, entbinde ihn das nicht von der Pflicht, ihn durchzuführen. Früher habe die Kirche heilige Kriege zur Erreichung dieser Ordnung für zweckmäßig gehalten. Sei etwa der Kommunist von heute eine geringere Bedrohung als der Ungläubige von damals? Daher sei sogar der Atomkrieg gerechtfertigt, denn seine gesteigerte Zerstörungskraft befreie den Einzelmenschen nicht von der Pflicht, ebenso wie früher, sein Leben für dieses Ziel einzusetzen.

In ihrem Leitartikel bemerkt nun „America“ ironisch: „Mr. Buckley ist kein Durchschnittsmensch. Es bedarf einer erschreckenden Selbstsicherheit, damit ein katholischer Schriftsteller eine Enzyklika Johannes’ XXIII. so abtut, als ob sie von einem links- stehenden Journalisten geschrieben sei. Mr. Buckley zeigte sich dieser Aufgabe gewachsen. Man muß ein wagemutiger junger Mann sein, um ein päpstliches Dokument als ,ein Wagnis in Belanglosigkeit’ zu charakterisieren …”

Dann nimmt die Zeitschrift die Behauptung, konservative Katholiken sagten: „Mater, si; Magistrą, no“, aufs Korn. „Wir halten diese Behauptung für eine Verleumdung. Wie wir alle, mögen sogenannte katholische Konservative in ihrer Beurteilung moderner Strömungen sich ehrlich irren; sie mögen über dieses oder jenes Prinzip der katholischen Soziallehre verwirrt sein, aber sie sind nicht illoyal … Sie werden sie — die Enzyklika — also mit kindlichem Respekt akzeptieren.

Auf diese sehr amerikanische Erweiterung der Glaubenspostulate hin behielt Buckley das letzte Wort. Er erklärte, er habe schon in der Schule gelernt, Enzykliken müßten im historischen Zusammenhang verstanden werden, „ … und daß es falsch und voreilig sei, irgendeine Enzyklika zum Dogma zu erheben, nur weil sie anscheinend den eigenen politischen oder wirtschaftlichen Anschauungen vorübergehend Hilfestellung leiste“. Er fragte, ob „America“ noch Gregors XVI. Verdammung einer freien Presse, Leos XIII. Verurteilung der Trennung von Kirche und Staat sowie Pius’ XI. Syllabus, der „die meisten politischen Institutionen, die die Redakteure von .America’ lieben, verdammte“, anerkenne …

So viele Köpfe, so viele Meinungen

Im übrigen vermied die amerikanische katholische Presse es größtenteils die Enzyklika zu kommentieren. Einige Blätter stellten mit Genugtuung fest, daß sie „der äußersten Rechten keinen Trost“ böte, aber „für eine gemäßigte konservative Position Raum läßt, nachdem sie absichtlich vermeidet, eine Zwangsjacke zu sein”. Ein Diözesanblatt machte sich unter der Überschrift: „Ist Papst Johannes ein .Consymp’?“ („Consymp“ ist der Ausdruck der äußersten Rechten für Leute, die angeblich mit den Kommunisten sympathisieren), gemeinschaftlich mit einem protestantischen Pfarrer Gedanken darüber, wie die John-Birch-Gesellschaft (eine Organisation der äußersten Rechten) die Enzyklika aufgenommen hätte, wenn sie von dem protestantischen Nationalrat der Kirchen veröffentlicht worden wäre.

Das sehr konservative „Brooklyn Tablet“, die größte und bekannteste Diözesanzeitung, legte das Hauptgewicht auf die Ermahnung des Heiligen Vaters an Laienapostel, nicht Kompromisse in bezug auf Religion und Moral zu schließen, wenn sie in sozialen Angelegenheiten mit Nichtkatholiken Zusammenarbeiten.

Der deutsch-amerikanische „Wanderer“ meinte, das „grundlegende Thema“ der Enzyklika sei „persönliche Initiative, nicht staatliche Hilfe“.

Dagegen proklamierte „The Ca- tholic Star Herald“: „Mit atemberaubender Kühnheit hat Papst Johannes die Sozialisierung gesegnet."

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