"Mehr als Geld und Logo-Austausch"

Boris Marte, Direktor von "Kontakt. Die Kunstsammlung der Erste Bank-Gruppe" über eine Region mit 120 Millionen Menschen, deren Kunstgeschichte ignoriert wurde.

Die Furche: Herr Marte, Die Erste Bank hat mit dem Slogan geworben: "Im Osten geht die Rechnung auf". Ist für die Bank die Rechnung so gut aufgegangen, dass sie jetzt auch in Kunst investieren kann? In welchem Verhältnis stehen der Erfolg der Bank und die Kunstsammlung?

Boris Marte: Die Erste Bank hat eine lange Tradition, wie sie sich gesellschaftlich engagiert. Sie hat schon in ihrer Gründungsurkunde festgehalten, dass sie ein Unternehmen ist, das sich besonders aufmerksam, wach und engagiert in seinem gesellschaftlichen Umfeld bewegt. Deswegen ist die Rechnung nicht so einfach: Hier Geschäft - hier Engagement, sondern es ist ein Lebenskreis und eine Identität, die sich aus der Grundverfassung der Bank erklärt.

Die Furche: Deswegen beschäftigt sie sich nicht nur mit der Kunst der mittelosteuropäischen Länder, sondern will mit dem "Kontakt"-Programm die Zivilgesellschaft unterstützen.

Marte: Unsere Aktivitäten im Kunst- und Kulturbereich sind Teil einer Verantwortungsstrategie, die vor allem von drei Elementen ausgeht: Dass wir erstens mit den zivilgesellschaftlichen Institutionen intensiv zusammenarbeiten, um abzuklären, welche gemeinsamen Ziele und Interessen wir in der Region verfolgen können; es geht um wesentlich mehr als um Geld und Logo-Austausch. Das zweite ist, dass wir uns sehr genau die einzelnen Länder ansehen, die Menschen dort besuchen, die Netzwerke nach ihren Bedürfnissen abfragen, um unser Engagement sehr punktgenau und zielgerecht umsetzen zu können. Und drittens geht es uns darum, in dieser Region der Grenzen, der vielen Sprachen, auch der Konflikte und Vorurteile in Bezug auf die unterschiedlichen Ethnien und Völker, ein deutliches Zeichen für Zusammenarbeit und gemeinsame Perspektiven zu setzen.

Die Furche: Handelt es sich überhaupt um eine Region oder haben beispielsweise slowakische und slowenische Kunst wenig miteinander zu tun?

Marte: Wir glauben, dass diese Region auch kulturell zusammenwachsen muss, und wir haben gesehen, dass es sehr wenige Initiativen gibt, die dafür als Plattform zur Verfügung stehen. Daher sind wir initiativ geworden und haben so die größte kulturelle Kooperationsplattform, die es in der Region gibt, aus der Taufe gehoben.

Die Furche: Ist es nicht auch ein Erbe dieser Zeit, dass sich ein Künstler aus Belgrad lieber in Wien präsentiert als in Prag? Dass jeder lieber den Sprung in den "Westen" schafft, als dass man sich füreinander interessiert?

Marte: Das galt sicher eine Zeit lang nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, weil die Orientierungen klar in Westeuropa lagen. Allerdings sind die Künstlerinnen und Künstler sehr schnell draufgekommen, wo ihre Wurzeln sind. Natürlich hat der Kommunismus diese Länder sehr stark synchronisiert, ohne dass deswegen auch die Kunst synchronisiert wurde, sondern da gab es voneinander völlig isolierte Entwicklungen, die sich aber zum Teil auf dasselbe Konzept der Moderne berufen haben. Und das ist jetzt für uns das Interessante, diese Linien nachzuvollziehen, hier zu forschen, Dinge aus den Archiven herauszuholen, für die sich bisher der "Westen" kaum interessiert hat.

Die Furche: Wer erkundet diese Kunstszene für die Erste Bank?

Marte: Wir haben einen Sammlungsbeirat - ausgewiesene Experten und Persönlichkeiten aus der Region, die uns in den Sammlungs- und Ankaufsentscheidungen beraten. Es geht aber auch um Diskussionen über den Wert der Bilder, die wir erwerben, weil wir hier immer auch Qualitätsentscheidungen treffen; es geht um Diskussionen über die Region insgesamt und welche kunsthistorischen Linien hier seit 1945 gezogen werden müssen, um eine Kunstgeschichte der Region schreiben zu können.

Die Furche: Was hat die Sammlung bis jetzt gekostet und was ist sie heute wert?

Marte: Wir nehmen ungefähr ein Budget von 400.000 Euro pro Jahr in die Hand und wir wissen, dass sich der Wert der Sammlung seit Beginn nicht nur verdoppelt, sondern vervierfacht oder verfünffacht hat. Das ist ein gutes Zeichen dafür, dass wir mit den Ankäufen in der richtigen Richtung arbeiten.

Die Furche: Das gehört ja auch zur Strategie: den Künstlern einen Marktwert zu sichern, damit sie für Galerien interessant werden.

Marte: Das waren die hitzigsten Diskussionen im Sammlungsbeirat, weil wir quasi einen Markt antizipieren mussten, wo es keinen gab. Wir wollten aber faire Preise anbieten, die den Künstlern und ihrer Arbeit der letzten Jahrzehnte gerecht werden - Künstlern, die aufgrund der langen Zeit des Kommunismus und der Transformation der Gesellschaften nie wirklich eine Chance hatten, ihre Kunstwerke unter die Menschen zu bringen, geschweige denn zu verkaufen.

Die Furche: Es geht also um zweierlei: Eine Kunstszene in den mittelosteuropäischen Ländern zu etablieren und in Österreich Interesse dafür zu wecken. Was ist eher gelungen?

Marte: Ich würde sagen, es ist wirklich beides gelungen. Wir konnten auch einen Beitrag zur infrastrukturellen Absicherung von Künstlerinnen und Künstlern leisten, die dort zunächst einmal ein Servicebüro und auch eine kuratorische Professionalität vorfinden, die es sonst in diesen Ländern kaum gibt. Und auf der anderen Seite konnten wir mit unseren Aktivitäten auch hier in Wien und weit darüber hinaus das Interesse und die Neugierde für eine riesengroße Region mit über 120 Millionen Menschen wecken, deren Kunstgeschichte der letzten Jahrzehnte einfach ignoriert und nicht wahrgenommen wurde.

Die Furche: In der Sammlung wird auch der Bezug zur österreichischen Kunst gesucht. Sie enthält ja u. a. auch Werke von Valie Export, Peter Weibel oder Heimo Zobernig.

Marte: Wir wollten hier nicht schon wieder eine Isolation schaffen, sondern die Linien ziehen und die Verbindungen zeigen, die nicht wahrgenommen werden. Wir wollten auch die Möglichkeit nützen, das Konzept einer Moderne in der Region sichtbar zu machen mit bereits bekannten Formen und Interventionen, wo im Vergleich oder in der gemeinsamen Lesbarkeit plötzlich klar wird, was für großartige Kunst da jenseits der Grenze geschaffen wurde, die wir alle nicht kennen. Und insofern war die Integration der österreichischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte auch fixer Bestandteil der ganzen Initiative.

Die Furche: Was ist für Sie persönlich der bisher schönste Erfolg?

Marte: Das war sicher die Ausstellung in Belgrad, als wir erkannt haben, wie wichtig unsere Arbeit für diese Stadt war, weil wir viele Künstlerinnen und Künstler quasi nach Belgrad zurückgebracht haben - Künstler, die in Belgrad angefangen haben zu arbeiten in den 1960er und 70er Jahren. Es wurden wichtige Themen in der Ausstellung abgehandelt, die mit dem jetzigen Serbien, den heutigen Diskussionen und Problemstellungen, mit derzeitigen Identitätsfindungen in diesem Land zu tun haben. Das war das schönste Erlebnis: Zu sehen, wie hier die Kunst einen wirklichen Auftrag hat, teilzunehmen an der Entwicklung dieser neuen Staaten und der jungen Demokratie.

Das Gespräch führte Cornelius Hell.

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