#Sexueller Missbrauch

Missbrauch in der Kirche

Missbrauch - © iStock / VikaValter
Religion

"Mein Fall" von Josef Haslinger: Weite Wege zur Katharsis

1945 1960 1980 2000 2020

Der Schriftsteller Josef Haslinger stellt im Buch „Mein Fall“ seine Missbrauchscausa im Stift Zwettl dar, Theologe Wolfgang Treitler fiktionalisiert Nämliches rund ums Benediktinerstift Seitenstetten.

1945 1960 1980 2000 2020

Der Schriftsteller Josef Haslinger stellt im Buch „Mein Fall“ seine Missbrauchscausa im Stift Zwettl dar, Theologe Wolfgang Treitler fiktionalisiert Nämliches rund ums Benediktinerstift Seitenstetten.

Am 28. Jänner jährt sich die Aufdeckung der Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg zum zehnten Mal. Die vom deutschen Jesuiten Klaus Mertes angestoßene Öffentlichmachung einer Unzahl von Causen hatte ihre Entsprechung auch in Österreich, eine große Zahl, nicht zuletzt in Internaten von Ordenseinrichtungen kam ans Licht. Zu Ostern sind es auch zehn Jahre, dass Kardinal Christoph Schönborn in einer denkwürdigen Initiative Waltraud Klasnic, die frühere „Frau Landeshauptmann“ der Steiermark, mit der Gründung der Unabhängigen Opferschutz-Anwaltschaft und der Unabhängigen Opferschutz-Kommission beauftragt hat, die aus nichtkirchlichen Prominenten und Fachleuten besteht, und die sich als möglichst unbürokratische Anlauf- und Unterstützungsstelle für Opfer kirchlichen Missbrauchs versteht.

Eines der Opfer der Missbrauchs-Umtriebe, der Schriftsteller Josef Haslinger, hat nun im Buch „Mein Fall“ seine Causa und seine Erfahrung mit dem kirchlichen Umgang damit offengelegt und in einer Art autobiografischen Reflexion zugänglich gemacht. Eine wichtige Auseinandersetzung – und ein in mehrerer Hinsicht für sich sprechender Versuch, viele Jahre nach den Missbrauchsereignissen im Stift Zwettl, wo Josef Haslinger als Sängerknabe im Internat war, und eben zehn Jahre nach Einrichtung der Klasnic-Kommission.

Haslinger beschreibt darin, wie er im Jahr 2018 – viel später als andere Opfer – den Versuch macht, bei der Unabhängigen Opferschutz-Anwaltschaft mit seinem Anliegen vorstellig zu werden. Und er erlebt seine blauen Wunder: Zuerst nimmt er Kontakt mit dem Kommissions-Mitglied Brigitte Bierlein, damals Präsidentin des Verfassungsgerichtshofs, auf – und bekommt schnell einen Termin bei ihr. Die Frau Präsidentin hört Haslinger genau zu, notiert sich zu seiner Überraschung nichts, und sagt, dass er sich direkt an die Leiterin der Kommission Waltraud Klasnic wenden soll.

Gut gemeint ist selten gut

Auch Klasnic hat schnell ein Ohr für Haslinger, auch sie hört interessiert zu, auch sie notiert sich nichts bei dem Gespräch – und verweist Haslinger dann an den Psychiater Johannes Wancata, der in der Erzdiözese Wien als Zuständiger für Missbrauchsfälle firmiert. Der Herr Primarius und Haslinger finden allerdings keinen gemeinsamen Termin, weswegen Letzterer dann einem Beauftragten der Erzdiözese Wien gegenübersitzt und ihm nochmals seine Geschichte erzählt. Dieser Mitarbeiter schreibt bei dem Gespräch endlich mit, lässt Haslinger aber am Ende wissen: „Herr Haslinger, Sie sind doch ein Schriftsteller. Sie können das ja alles
viel besser formulieren, als ich das kann.“

Allein in der Beschreibung der Erlebnisse mit der Klasnic-Kommission zeigt sich, wie nüchtern und genau Haslinger als Chronist in eigener Sache verfährt – und wie gerade durch diese Form der Zugangsweise offenbar wird: Gut gemeint ist selten gut. Der Leser kann sich ausmalen, wie es anderen, nicht so sprachmächtigen Missbrauchsbetroffenen ergeht. Schon allein diese Dokumentation entlarvt, dass im Umgang mit Missbrauch längst nicht das professionelle Stadium erreicht ist, das eigentlich notwendig wäre.Haslinger ist zugutezuhalten, dass er auch in der Schilderung des Missbrauchs und seiner Reflexionen und Gefühle dazu differenziert bleibt: Er enthält sich der Schwarzweißmalerei. Allerdings bleibt dem Leser auch bei seinem Fall der Mund offen, was sich geistliche und im Dienst des Stiftes auch weltliche Herren so alles leis­ten konnten (im Falle Haslingers u. a. ein im Stift Zwettl tätiger Zisterzienserpater, der bald wieder in sein Ursprungskloster Heiligenkreuz zurückgekehrt und 2014 verstorben ist).