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Menschwerden

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Religion

Mensch sein bedeutet MENSCH WERDEN

1945 1960 1980 2000 2020

Innerhalb der biblischen Theologie bleibt die Frage nach dem Leid ohne Antwort. Ein Blick auf die Evolution kann helfen, ihr auch in christlicher Perspektive näherzukommen.

1945 1960 1980 2000 2020

Innerhalb der biblischen Theologie bleibt die Frage nach dem Leid ohne Antwort. Ein Blick auf die Evolution kann helfen, ihr auch in christlicher Perspektive näherzukommen.

Dass Gott Leiden zulässt, steht außer Frage, denn überall auf unserem Globus wird gelitten, unter Menschen und unseren Mitgeschöpfen. Also hat es nur Sinn zu fragen, ob Gott Leiden verursacht.

I. Diese Frage wird vor allem dann gestellt, wenn Katastrophen geschehen, die den Menschen jenen "großen Schrecken" einjagen. Ob Tsunamis oder Vulkanausbrüche oder ähnliche Katastrophen - sie alle gehen auf natürliche Ursachen zurück. Aber weil die Menschen lange glaubten, dass das Handeln der Gottheiten wesentlich als belohnende oder bestrafende Reaktion auf das Handeln der Menschen zu verstehen sei, wurden Katastrophen als göttliche Strafen verstanden.

II. Für Juden und Christen hat sich allerdings an diesem Modell Wichtiges geändert. Im jüdischen Buch Genesis endet bekanntlich die Katastrophengeschichte über die Sintflut nicht (wie noch die Erzählung vom Sündenfall) mit einem Fluch, sondern mit der großen Verheißung an Noach: "Ich will hinfort nicht mehr die Erde um der Menschen willen verfluchen Solange die Erde steht, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht."(Gen 8,21f.). Damit ist die Grundregel "Jeder kriegt von Gott, was er verdient hat", also das Prinzip der Vergeltung als Richtschnur für Gottes Handeln, aufgehoben. Der Fortbestand des Lebens hängt von Gottes Willen zum Leben ab.

Davon spricht auch Jesu Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1-15). Denn es ersetzt "Jeder kriegt, was er verdient hat" durch "Jeder soll bekommen, was er zum Leben braucht". Wir brauchen zum Leben nicht nur "das tägliche Brot", sondern auch Vergebung, um nicht in der Vergangenheit unserer Schuldfestgehaltenzuwerden.Vergebungbefreit, schenkt Leben, ermöglicht Neuanfang.

Gott benutzt Leiden nicht, um zu strafen

Von beiden Überlieferungen her ist klar, dass Gott Leiden nicht benutzt, um Menschen zu strafen. Im Gegenteil: "Was ihr getan habt einem meiner geringsten -also leidenden, liebebedürftigen -Brüder [und Schwestern], das habt ihr mir getan", sagt der Weltenrichter in Jesu Gleichnis (Mt 25,40.45).Gott leidet mit den Leidenden mit, egal, ob sie ihr Leiden selbst verursacht haben oder nicht. Gott ist nicht nur solidarisch mit den Leidenden, sondern identifiziert sich mit ihnen.

III. Leiden dürfen wir deshalb nicht mehr als Strafe Gottes verstehen. Und wir müssen auch nicht mehr glauben, Sterblichkeit und Tod wären eine Quittung Gottes für unser sündhaftes Wesen, wie noch Paulus dachte: "Der Tod ist der Sünde Sold", also Sündenstrafe (Röm 6,23). Vielmehr gehört Sterblichkeit zum von Gott geschaffenen Leben hinzu. Sie bewahrt uns davor, dass das Leben vergreist und am eigenen Wachstum erstickt. Der Tod sorgt dafür, dass sich alles Leben sterbend in seiner Gestalt verwandelt, aber nicht in nichts auflöst. Die große Potenzialität des Lebens, die als "Geist" das "Eigentliche des Wirklichen" ist (C. F. v.Weizsäcker), drängt nicht auf die ewige Reproduktion der bekannten Gestalten von Leben, sondern auf ihre Weiterentwicklung.

Wenn wir diesen Entwicklungsgedanken theologisch ernstnehmen, können wir unseren Glauben mit der Evolutionstheorie verbinden. Denn ohne sie ist die Geschichte des Lebens bis hin zur Menschwerdung von Primaten ja nicht mehr zu denken. Eine glaubwürdige Antwort auf die Frage, warum es Leiden gibt, ist in der Verbindung mit einer evolutiven Anthropologie zu finden.

IV. Der Weg dahin führt theologisch über die Einführung des Entwicklungsgedankens in die überlieferte Schöpfungserzählung (Gen 1f.). Die biblischen Theologen leiteten alle Geschöpfe aus einem je eigenen Schöpfungswort Gottes als fertige Wesen her, die keiner Entwicklung mehr bedurften. Am Ende eines jeden "Schöpfungstages" wurde deshalb festgestellt, dass Gott alle seine Geschöpfe "gut" beurteilte. Etwas Böses hatte darin keinen Platz, denn es wäre ja von Gott geschaffen und auch "gut" genannt worden.

Entsprechend werden die einzelnen Menschen verantwortlich gemacht für alles, was sie tun oder lassen. Heil und Unheil der Menschen hängen von ihrem Gehorsam ab: ob sie das Gebotene tun und das Verbotene lassen. Entsprechend wimmelt es (Dtn 27-30) von Forderungen, die von den Menschen totalen Gehorsam gegen die Tora verlangten.

Trotzdem lehrte die Erfahrung auch die biblischen Theologen, dass kein Mensch alle Ge-und Verbote der Tora befolgen könnte. Denn obwohl der Mensch Gut und Böse unterscheiden kann, tut er (oft) nicht das Gute, das er tun will, sondern das Böse, das anderen und ihm selbst schadet. Da das Böse weder von Gott noch aus dem guten Willen der Menschen kommt, hat auch Paulus das Böse auf jene schon am Anfang der Bibel vorgestellte (Gen 4,7) dritte Macht zurückgeführt: die Sünde (Röm 7,17-20). Sie fungiert als eine Art Anti-Gott, der im Menschen handelt und ihn spaltet. Der Preis für diese Lösung ist hoch: die Spaltung der Wirklichkeit in einem dualistischen System: Über weite Strecken hin liest sich die Bibel wie der Kampf der Giganten "Gott" und "die Sünde" als Anti-Gott um den Gehorsam der Menschen. Da Gott aber weiter als "guter" Allschöpfer geglaubt werden sollte, ist die Frage nach dem Woher des Bösen (das er nicht geschaffen hat!) und nach Gottes Gerechtigkeit innerhalb der biblischen Theologie nicht zu beantworten.

V. Eine evolutive Anthropologie kann aus dieser Sackgasse führen. Sie sieht alle jetzt bekannten Lebewesen aus einer gemeinsamen Herkunft kommen. Sie sind Ergebnis unendlich vieler und langer Prozesse, in denen sich Leben in unterschiedliche Lebensgestalten hinein ausdifferenziert hat. Schöpfung wird also als ein bis heute unabgeschlossener Prozess verstanden.

Das Menschsein ist also nichts Fertiges. Auch Jesus hat sich samt seiner Botschaft während seines kurzen öffentlichen Auftretens entwickelt. Menschsein ist Mensch werden. Diese Einsicht gilt für die biologische wie für die kulturelle Evolution der Menschen und ist der Grund für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft des Menschengeschlechts.

Die Evolution als Hoffnung für die Zukunft

Hinzu kommt, dass in allen Lebensgestalten die jeweiligen evolutionären Vorfahren über einen Teil ihrer DNA und über die gemeinsame Teilhabe an dem wirksam sind, was ich das "Herkunftsgedächtnis" nenne. Was der Homo sapiens sapiens an spezifisch menschlichen Erfahrungen dazu beigetragen hat, wurde auf dem Boden dieses Herkunftsgedächtnisses gespeichert, das wir mit den Vorfahren gemeinsam haben. Je weiter sich der Mensch von seinen tierlichen Vorfahren entfernt hat, desto größer wurde die Kluft zwischen der "wilden", vor allem auf das Recht des Stärkeren setzenden, vorkulturellen Existenz und seinem Selbstverständnis als Mensch, für den die Kooperation (bzw. Liebe) eine immer größere Rolle spielte.

Wo verläuft aber die Trennlinie zwischen tierlich-wilder und menschlicher Existenz? Wieviel (Raub-)Tier musste der Mensch noch sein, um (eiweißreiche Nahrung zu finden und) zu überleben, und wieviel Mensch musste er schon sein, um nicht in die vormenschlich-wilde Existenz zurückzufallen? Mehr und mehr wurde es zum Problem, dass bestimmte tierliche Verhaltensweisen wilder Existenz nicht mehr zur neuen Identität der Menschen passten -und als "böse" gebrandmarkt wurden. Die neuen Grenzen verlangten Konventionen über deren Verlauf.

VI. Wenn wir wissen wollen, wie tief das Herkunftsgedächtnis in uns verankert ist, müssen wir den Alltag im Straßenverkehr betrachten. Denn vernünftig im Sinne von vorsichtig und rücksichtsvoll sind weder das Drängeln vor Ampeln um die erste Reihe noch das Drängeln auf Autobahnen, um Minutenvorteile zu erreichen, noch die aberwitzigen PS-Zahlen der Motoren. Denkt man sich aber hinzu, was den Steinzeitmenschen auf der Jagd nach Beute Vorteile brachte, gewinnt dieses Verhalten durchaus Sinn. Deshalb suchen wir Rat beim Herkunftsgedächtnis: Das rät uns, die kulturellen Normen der Kooperation in Gestalt der Verkehrsregeln zu missachten und stattdessen Stärke zu zeigen.

Gott ist auch ein leidender Gott

Aus dem Herkunftsgedächtnis spricht aber weder die personifizierte Sünde noch eine andere außermenschliche Macht. Es sind Erfahrungen, die in einer frühen Phase der Evolution lebensdienlich waren, heute aber lebensfeindlich sein können. Wollen wir die Menschwerdung der Menschen weiterbringen, müssen wir die kooperativen Verhaltensweisen priorisieren.

VII. In einer evolutiven Theologie ist "gut" nur etwas, was auch die Perspektiven der anderen, vor allem der Schwächeren, ernstnimmt. Gott macht, "dass die Dinge sich machen" (Teilhard de Chardin): Gott macht, dass alles Glück und alles Leiden werden kann, aber Gott teilt auch alles Glück und alles Leiden in dieser Welt. Und er macht, dass sich das Leben -das Menschsein -weiter entwickelt: Erst diese drei Aussagen lassen angesichts der Wirklichkeit des Leidens von Gottes Liebe reden: Gott liebt die Welt, weil er sie leiden kann. So wie der Homo sapiens auch ein Homo patiens (leidender Mensch) ist, ist Gott auch ein Deus patiens. Wir gehören in einer Wirklichkeit zusammen. Und hoffen auf den Fortgang der Menschwerdung.

Der Autor ist em. Professor für evang. Prakt. Theologie a. d. Humboldt-Uni Berlin
Redaktion: Otto Friedrich