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Mit untauglichen Mitteln

Carsten P. Thiede versucht, eine Frühdatierung des Markusevangeliums zu erzwingen.

Durch seine Argumentation wird die Kluft zwischen Wissenschaft und Glaube größer und nicht kleiner.

Ein kleines Papyrusfragment hält die Öffentlichkeit seit Jahren in Spannung. Der Bestsellerautor Carsten Peter Thiede ermöglicht unter Verwendung modernster Mikroskopiertechniken die angeblich zweifelsfreie Identifizierung eines sehr kleinen Fragmentes aus der Höhle 7 von Qumran (7Q5) als Stück des Markusevangeliums (Mk. 6,52-53).

Warum, so mag man fragen, findet gerade dieses knapp vier Zentimeter hohe und gut zwei Zentimeter breite Fragment regelmäßig seinen Weg in Tageszeitungen? Bereits viele Briefmarken sind größer. Wenn man sich vor Augen hält, dass allein die Österreichische Nationalbibliothek über 60.000 Papyrus- und Pergamentfragmente mit griechischem Text verwahrt, deren Größe zwischen dem bereits erwähnten "Briefmarkenformat" und mehreren Metern Länge variiert, wird vielleicht deutlicher, dass es mit der Identifikation von 7Q5 etwas Besonderes auf sich haben muss.

Vor oder nach Qumranflucht

Tatsächlich könnte dieses Fragment einen Meilenstein in der Forschung darstellen. Die Bedeutung lässt sich sehr einfach umreißen. Es ist eine wissenschaftlich gut begründete Annahme, dass die Evangelien rund vierzig bis sechzig Jahre nach der Auferstehung Jesu geschrieben wurden. Das Markusevangelium, so die Meinung der meisten Neutestamentler, sei mit einer Entstehungszeit um etwa 75 n. Chr. das älteste Evangelium. So manches in den Evangelien ist, so wird in der Wissenschaft vermutet, kein reiner Augenzeugenbericht, sondern enthält auch spätere Redaktion.

Die Bevölkerung von Qumran floh im Jahr 68 n. Chr. vor den heranrückenden römischen Truppen. Die Handschriften von Qumran wurden von ihnen in den Höhlen zurückgelassen, das Fragment muss also vor diesem Zeitpunkt entstanden sein. Falls in Qumran ein Fragment des Markusevangeliums zu finden wäre, würde eine wichtige Hypothese der neutestamentlichen Forschung wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzen, kann doch der Fall Jerusalems (70 n. Chr.) keine Spuren im Markusevangelium hinterlassen haben, wie dies viele Forscher behaupten. Dieses Evangelium würde hierdurch in größere historischer Nähe zu Jesus gerückt. Thiede titelt denn auch die englische Originalausgabe seines Bestsellers "Eyewitness to Jesus" - "Jesu Augenzeuge".

Für die einen geht es bei dieser Diskussion um die Richtigkeit der neutestamentlichen Textkritik, für die anderen um die Glaubwürdigkeit des Neuen Testamentes. Für viele stellt es einen Tabubruch dar, wenn Forscher an die heiligen Texte mit wissenschaftlichen Methoden herantreten und dann auch noch behaupten, Jesus hätte möglicherweise nicht alles ganz so gesagt, wie es in der Bibel steht, ist sie doch Gottes Wort. Die Identifikation des Fragments 7Q5 als Bruchstück eines Textes aus dem Markusevangelium kann also, so scheint es, zur Wasserscheide für die Glaubwürdigkeit der Evangelien werden. Kein Wunder, dass Thiedes Buch zum Bestseller wurde.

In den vier Zeilen des Fragments sind gerade einmal elf Buchstaben einigermaßen sicher zu lesen. Obwohl letztlich nur ein paar vereinzelte Buchstaben erhalten sind, benötigt Thiede für seine angeblich sichere Identifikation die Annahme von zwei Fehlern gegenüber dem überlieferten Evangelientext, um die vorhandenen Buchstaben überhaupt identifizieren zu können. Es handelt sich zum einen um die Verschreibung eines Buchstaben (Tau statt Delta) und um die Auslassung von drei Wörtern gegenüber dem zu erwartenden biblischen Text.

Beinahe Quellenfälschung

Natürlich ist es ohne weiteres möglich, auch für sehr kleine Fragmente Identifizierungen anzubieten. Von einem so kleinen Fragment wie 7Q5 jedoch bei diesen Voraussetzungen zu behaupten, es sei sicher identifiziert, ist kühn. So brauchen sich Vertreter dieser Meinung nicht zu wundern, wenn ihnen religiös motivierte Methodenblindheit unterstellt wird. Man könnte dies fast schon als Quellenfälschung bezeichnen.

Ein weiteres Problemfeld öffnet sich: Ein Indizienbeweis - und wir haben es hier mit einem solchen zu tun - muss alle Hinweise mit einbeziehen, um glaubwürdig zu sein. In den Qumranhöhlen wurde bisher kein einziges Fragment mit Text des Neuen Testaments gefunden, dessen Identifikation als sicher gelten darf. Es lassen sich jedoch alttestamentliche und profane Texte anführen, mit denen die paar vereinzelten Buchstaben von 7Q5 auch in Einklang gebracht werden können - beides Textgattungen, die in Qumran gefunden wurden. Ist es dann tatsächlich wahrscheinlich, dass 7Q5 ein Text aus einem Evangelium ist, selbst wenn man die Möglichkeit offen lässt, dass das Markusevangelium bereits zu dieser Zeit existierte? Carsten Peter Thiede bezeichnet diese alternativen Identifizierungsvorschläge jedoch als waghalsig. Was, so fragt man, ist dann seine Markushypothese?

Carsten Peter Thiede zeigt jedoch durch die Art, wie er mit den Fragmenten umgeht, dass er kein Papyrologe ist. Es gilt seit Jahrzehnten als schwerer Methodenfehler, einen Schreibfehler direkt vor dem Bereich anzunehmen, an dem der Papyrus abgebrochen ist, wenn dies zur Grundlage der Identifizierung eines Fragmentes benötigt wird. Mehr muss man eigentlich aus papyrologischer Sicht nicht anmerken. Allerdings, und da hat der Bestsellerautor recht, können Schlüsselwörter bei der Identifikation helfen. Und tatsächlich ist ein vollständiges Wort auf dem Papyrus erhalten: "und" - ein für die Identifizierung eines Textes wohl nicht unbedingt hilfreicher Begriff.

Der Bestsellerautor behauptet jedoch in verschiedenen Veröffentlichungen, dass die wissenschaftliche Diskussion vermehrt seine Position als richtig akzeptiert. Das stimmt so nicht ganz. Sie ist heiß umstritten. Wiederholt und nachdrücklich wurde in verschiedenen Fachzeitschriften auf die methodischen Probleme und wissenschaftlichen Mängel dieser Argumentation hingewiesen, wiederholt wurden diese mahnenden Stimmen von Enthusiasten, die sich oft durch mangelnde Fachkompetenz auszeichnen, zurückgewiesen.

Extrem unwahrscheinlich

Es bleibt festzuhalten: Natürlich kann die Identifikation von 7Q5 als ein Stückchen aus dem Markusevangelium nicht mit letztgültiger Sicherheit widerlegt werden, es sind ja nur ein paar wenige Buchstaben erhalten. Was dieser Text war, wird man, da die anderen Fragmente dieses Papyrusblattes nicht mehr existieren, wohl nie mit Sicherheit sagen können. Allerdings handelt es sich nicht um eine sichere, sondern um eine höchst spekulative und extrem unwahrscheinliche Identifizierungshypothese.

Unbestritten ist, dass so mancher Neutestamentler mit seiner wissenschaftlichen Kritik an den Evangelien wohl doch über sein Ziel hinausgeschossen ist. 7Q5 ist allerdings sicher kein Argument für die Glaubwürdigkeit der Evangelien. Wenn es nötig sein sollte, sich derartiger Methoden zu bedienen, um die Argumente derer zu widerlegen, die scheinbar oder tatsächlich den Evangelien ihre Glaubwürdigkeit nehmen, dann hat Thiede der Bibel einen Bärendienst erwiesen, dann werden alle, die vielleicht doch ein höheres Alter der Evangelien vermuten, in die fundamentalistische Ecke verwiesen. Ein tragisches Ergebnis des Versuchs, mit untauglichen Methoden eine Frühdatierung der Evangelien zu erzwingen. Durch diese Argumentation wird die Kluft zwischen Wissenschaft und Glaube größer und nicht kleiner.

Der Autor forscht an der Papyrussammlung der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien.

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