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Mitt Romney sucht seine Wähler: Wie man sich Evangelikale angelt

In den USA stellen die Evangelikalen seit Langem auch einen wichtigen politischen Faktor dar. McCain verlor 2008 auch, weil viele Evangelikale Obama wählten - oder zu Hause blieben.

A ls Barack Obama kürzlich seine Unterstützung für die Ehe von homosexuellen Paaren in den USA zugesagt hatte, sah sein Kontrahent im Rennen um das Weiße Haus, Mitt Romney, dies als Chance für seine Kampagne. Nur kurz darauf schwor der Republikaner in Virginia eine der wichtigsten Wählergruppen der USA, nämlich evangelikale Christen, auf traditionelle Werte ein. "Amerikanische Werte werden immer wieder von Demokraten infrage gestellt. Diesmal ist es die Ehe als Institution ausschließlich zwischen einem Mann und einer Frau!“, so Romney.

Mit etwa 23 Prozent der Bevölkerung sind evangelikale Christen ein zentraler Part der US-Gesellschaft und ein wichtiger Stimmenanteil in der Politik. Romneys Rede an der evangelikalen Liberty University war wohl mehr als eine nette Geste für die graduierenden Studenten: Es schien, als wollte Romney Evangelikale an ihre religiöse Grundüberzeugung erinnern und politisch mobil machen. Diese Christen sind eine der am weitesten verbreiteten Gruppen in den USA und jener Politiker, der die Personen dieser Bewegung mit seiner Meinung überzeugt, kann einen großen Teil der sonst sehr fragmentierten US-Wahlbevölkerung vereinigen und auf seiner Wahlrechnung verbuchen. Dass dies alles andere als einfach ist, zeigt jedoch die vergangene Wahl: John McCain konnte 2008 Evangelikale weder auf seine Person einschwören, noch für den Urnengang ausreichend mobil machen, was in der Folge ein wesentlicher Bestandteil des Obama-Triumphes war.

Nicht mit Fundamentalisten gleichzusetzen

Evangelikale stellen keine einheitliche Konfession vergleichbar mit der katholischen Kirche dar. Vielmehr handelt es sich bei der evangelikalen Überzeugung um einen Lebens- und Glaubensstil, der in fast allen protestantischen Kirchen und Gruppen gefunden werden kann. All diese unterschiedlichen Sparten an Evangelikalen haben zentrale Punkte gemeinsam, wie der Historiker David Bebbington analysiert hat: Wörtliche Auslegung der Bibel, Notwendigkeit einer bewussten Entscheidung zu Taufe und Glauben (spirituelle Neugeburt im Erwachsenenalter) und die aktive Verkündigung gehören zu ihrem Selbstbewusstsein. Evangelikale sollen nach dem "born-again“-Erlebnis beispielhaft das gesamte Leben im Sinne und im Dienste der christlichen Überzeugung leben.

Obwohl evangelikale Christen viele Lehren fundamentalistischer Kreise teilen, sind diese von ihnen zu unterscheiden. So sehen etwa Evangelikale zwar die Bibel als wörtliche Offenbarung Gottes, fordern jedoch nicht, dass sie auf alle wissenschaftlichen Fragen angewendet werden muss. Außerdem wollen evangelikale Christen aktiv in der Welt und der Gesellschaft mitarbeiten, um die erwartete Wiederkunft Christi zu beschleunigen, während Fundamentalisten sich oftmals von der negativ interpretierten Gesellschaft abkapseln wollen. Das Engagement des berühmten Predigers Billy Graham in aktuellen Themen während der 60er- und 70er-Jahre wurde zum Vorbild für den evangelikalen Aktivismus. Evangelikale Führer wie die TV-Prediger Pat Robertson und Jerry Falwell, der Gründer der Liberty University, nutzten auch Medien, um die Gesellschaft wieder auf den von Gott gewollten Weg zurückbringen. Billy Graham füllte mit seinen antikommunistischen Predigten ganze Stadien mit Tausenden Gläubigen.

Seit der Ära Reagan mächtig

Anders als traditionelle Fundamentalisten suchte Graham die Nähe zu anderen Konservativen außerhalb des Protestantismus, um liberalen Entwicklungen entgegen-zuwirken. Obwohl Graham von fundamentalistischer Seite für diese Zusammenarbeit scharf kritisiert wurde, sprach der Erfolg für ihn: Seine neokonservative Bewegung führte zum Aufstieg einiger Politiker in republikanischen Kreisen zwischen 1970 und 1990. Die Wahl Ronald Reagans zum US-Präsidenten wird von vielen Wissenschaftlern, etwa dem Historiker Darren Dochuk und dem Politologen Kenneth Walt, der neuen evangelikalen Bewegung zugerechnet.

Auch in der heutigen politischen Landschaft der USA sind evangelikale Wähler nicht zu unterschätzen. Gerade moralische und politische Fragen wie Verhütung, Abtreibung oder gleichgeschlechtliche Ehe gelten ihnen weiterhin als Herausforderungen, für eine bessere US-Gesellschaft zu kämpfen.

So stellt Romneys Rede zu evangelikalen Christen ein wohl durchdachtes politisches Mittel dar: Der gläubige Mormone konnte nur schwer Unterstützung unter Evangelikalen finden, da diese seine Religion bis heute entschieden ablehnen. Mit einer Diskussion um traditionelle Werte, die durch Obamas Unterstützung der gleichgeschlechtlichen Ehe angestoßen worden war, könnte Romney nun Evangelikale in ihrem Selbstverständnis als Mitarbeiter an der Gesellschaft ansprechen und Stimmen unter diesen sammeln. Nach den umstrittenen Entscheidungen Obamas zu Abtreibung und gleichgeschlechtlicher Ehe könnte der amtierende Präsident Romney in die Hände gespielt haben: Sollte dieser die Unterstützung der Evangelikalen erhalten, würde er einen wichtigen Schritt schaffen, den Wahlverlierer John McCain 2008 nicht vollbrachte.

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