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Moral nicht auf zwei Ebenen

Die österreichischen Bischöfe, die sich am 20. und 21. September in Graz zu einer außerordentlichen Konferenz versammelten, um eine Stellungnahme zur Eheenzyklika Papst Pauls VI. „Humanae vitae“ auszuarbeiten, standen vor keiner leichten Aufgabe. Und sie dürfen gewiß auch die Überzeugung haben, daß sie sich diese Aufgabe selbst nicht leicht gemacht haben. Die mehrmalige Umtextierung ihrer Erklärung, auch auf Kosten der sprachlichen Geschlossenheit, ist ein Beispiel dafür. Auf der einen Seite stand die Tatsache einer päpstlichen Enzyklika, also eine authentische Äußerung des höchsten kirchlichen Lehramtes, auf der anderen Seite die Kritik, die diese Äußerung auch in weiten Kreisen des katholischen Volkes gefunden hat. In der Einleitung ihrer Stellungnahme wiesen die Bischöfe auch ausdrücklich auf die Unruhe hin, die die Enzyklika bei nicht wenigen Katholiken ausgelöst habe und auf die zahlreichen Schreiben — gewiß auch mündlichen Vorsprachen und Petitionen, dürfen wir hinzufügen —, in denen Fragen anklingen und Probleme aufgerissen werden, deren •Beantwortung im gegenwärtigen Zeitpunkt sicherlich nicht leicht ist.

Kein Egoismus

Man hat manchmal den österreichischen Bischöfen den Vorwurf gemacht, sie hätten sich zu spät zur Enzyklika geäußert. Das stimmt nicht ganz. Sofort nach Erscheinen des päpstlichen Rundschreibens hat Kardinal König in einer Erklärung festgehalten, daß mit der Aufstellung wichtiger und richtiger ethischer Normen und Grundsätze (durch die Enzyklika) das Problem für den einzelnen Menschen, das einzelne Ehepaar, noch nicht gelöst sei. Hier müßten noch eine Reihe anderer Überlegungen maßgebend sein: das persönliche Gewissen, die spezielle Situation, die., Errungenschaften,der, Medizin. Erzbischof Honrach naf erklärt, daß durch die Enzyklika in seiner Diözese keine Änderung in der bisherigen Art der Ehevorbereitungskurse eintreten werde. Inzwischen haben Sich die belgischen, deutschen und italienischen Bischöfe mit der Enzyklika befaßt. Die Erklärung der österreichischen Bischöfe nimmt darauf ausdrücklich Bezug. Sie geht

aber — das mag ein persönlicher Eindruck sein — über die Erklärung der genannten Bischofskonferenzen hinaus.

Die Stellungnahme der österreichischen Bischöfe gliedert sich in drei Abschnitte: das Leitbild der Ehe, die Frage der Verpflichtung einer päpstlichen Botschaft und drittens die praktischen Richtlinien. Nach einer Würdigung des hohen Leitbildes der Ehe, das der Papst in seiner Enzyklika aufgestellt hat, wird den Eltern bestätigt, daß nur sie selbst in dem vor Gott gebildeten Gewissen die Zahl der Kinder bestimmen können. Also verantwortliche Elternschaft. Die Gründe für eine solche Geburtenplanung und Geburtenregelung müßten allerdings sittlicher Natur sein. Das ist eine Selbstverständlichkeit, nicht nur für den Christen. Hier können die österreichischen Bischöfe der Zustimmung aller Menschen guten Willens sicher sein, an die Sich bekanntlich die Enzyklika „Humanae vitae“ wendet, ebenso wenn es später heißt, daß es schuldhaft sei, aus egoistischer Einstellung grundsätzlich die Nachkommenschaft in der Ehe auszuschließen. Eine solche Einstellung ist aber heute gerade in der jungen Generation zum Unterschied von früher nicht vorhanden. Die jungen Ehepaare — und die Enzyklika wendet sich ja an die Ehepaare, obwohl das meist vergessen wird — wollen Kinder. Sie wollen aber Zeit und Zahl selber bestimmen.

Ebenso selbstverständlich ist die Verurteilung der direkten Schwangerschaftsunterbrechung sowohl in der Enzyklika als auch in der Erklärung der Bischöfe. Nicht wenig hat zur Verwirrung der Katholiken beigetragen, daß sie in der Enzyklika die ausdrückliche Differenzierung zwischen Schwangerschaftsunterbrechung und Empfängnisverhütung vermißt haben. Wenn in der Enzy- kclika gewissermaßen ip piagm Atem "u-so ist' zummaesf “der Eindruck' — Schwangerschaftsunterbrechung, Sterilisation und Empfängnisverhütung sozusagen gleichwertig als absolut ausgeschlossen bezeichnet werden (Kapitel 14), so sind doch viele Katholiken der Meinung, daß zwischen diesen drei Verhaltensweisen sehr wesentliche Unterschiede bestehen.

Nicht unfehlbar

Besonders in einem werden die österreichischen Katholiken ihren Bischöfen dankbar sein: für die Feststellung, daß derjenige, der gegen die Lehre der Enzyklika verfehlt, sich nicht in jedem Fall von der Liebe Gottes getrennt fühlen muß. Er habe damit keine schwere Sünde begangen und dürfe ohne Beichte zur Kommunion gehen. Hier gehen die österreichischen Bischöfe weiter als ihre Amtsbrüder in anderen Ländern.

Warum dann überhaupt eine, Enzyklika, warum überhaupt eine päpstliche Lehräußerung zur Ehe, könnten sich manche fragen. Die österreichischen Bischöfe sind auch der Frage nach der Tragweite einer, päpstlichen Botschaft nicht aus dem Weg gegangen. In einem eigenen Abschnitt ihrer Erklärung sagen sie,, daß das kirchliche Lehramt den Gläubigen eine Hilfe sein will. Dieses Lehramt erstreckt sich nicht nur auf die übernatürliche Offenbarung, sondern auch auf die natürliche: Der Gott der Offenbarung ist auch der Gott der Schöpfung. Und sie folgern daraus: „Es gibt Gewissensfreiheit, aber nicht Freiheit der Gewissensbildung.“ Damit, ist wohl gemeint,, daß die . Gewissensbildung eine Pflicht ist, also nicht etwas, was ich tun, aber auch lassen kann. Nur das richtig informierte Gewissen kann richtig entscheiden. Zur richtigen Information des Gewissens gehören auch die Äußerungen des kirchlichen Lehramtes. Aber das allein genügt nicht. Daß für die persönliche Entscheidung auch noch andere Gesichtspunkte in Betracht gezogen werden können und müssen, darauf hat schon Kardinal König in seiner

Erklärung mit deutlichen Worten hingewiesen.

Was ist aber dann, wenn jemand das lehramtliche Urteil der Kirche, das ja kein unfehlbares Glaubensurteil ist, nicht annehmen zu können glaubt? Die österreichischen Bischöfe sagen dazu in ihrer Erklärung: Wer auf diesem Gebiet fachkundig ist und durch ernste Prüfung zu einer abweichenden Überzeugung kommt, dürfe dieser Überzeugung folgen, er verfehlt sich nicht, wenn er bereit ist, seine Untersuchungen fortzusetzen und der Kirche im übrigen Ehrfurcht und Treue entgegenzubringen. Er sei jedoch nicht berechtigt, mit dieser seiner Meinung unter seinen Glaubensbrüdern Verwirrung zu stiften. Auch hier also eine deutliche und klare Feststellung. Niemand, die österreichischen Bischöfe am wenigsten, werden jenen, die nach ernster Prüfung und in Ehrfurcht und Treue zur Kirche zu einer abweichenden Meinung gekommen sind und diese Meinung auch vertreten, unterstellen wollen, daß sie darauf aus seien, Verwirrung zu stiften.

Jugend Will Ehrlichkeit

Die österreichischen Bischöfe verweisen in ihrer, Erklärung ausdrücklich auf die in der Diskussion kaum beachtete Tatsache hin, daß der Papst selber in der Enzyklika von der Erlaubtheit therapeutischer Mittel zur Heilung beziehungsweise zur Ordnung biologischer Vorgänge gesprochen hat. Diese Tatsache wurde oft übersehen. Man erwartete von der Kirche eine klare Rezeptur. Das heißt nicht, daß man sich an eine solche Anweisung auch immer ge

halten hätte. Die Eheenzyklika Pius XI. „Casti conubii“ war in Ton und Inhalt viel schwerer, viel drük- kender und verurteilender. Und doch hat sich in den dreißiger Jahren kaum jemand darüber aufgeregt. Man hat sie zur Kenntnis genommen und hat weitergelebt wie bisher. Nicht ein Kind mehr ist deswegen geboren worden in jenem katholischen Österreich, das damals die geringste Geburtenrate in Europa hatte. Warum also heute diese Auf

regung über eine Eheenzyklika, .die selbst doch einen wesentlichen Fortschritt gegenüber den bisherigen Lehräußerungen der Kirche bedeutet? Das mag zwei Gründe haben. Zum ersten hat die Kirche heute viel mehr Ansehen als in den dreißiger Jahren. Eine Kirche, die sich selbst der ganzen Welt verpflichtet weiß, darf mit Dank das Interesse der ganzen Welt konstatieren, auch wenn sich ein solches Interesse vielfach in Kritik kundtut. Zweitens ist heute eine neue Generation am Wort auch unter den Katholiken. Sie ist, was immer man sonst gegen sie sagen kann, vor allem eines: Sie ist ehrlicher. Die jungen Katholiken wollen moralisch nicht mehr auf zwei Ebenen leben. Sie wollen auch eine

päpstliche Enzyklika nicht bloß mit Lippen bekennen, in ihrem praktischen Leben aber sich nicht darum kümmern wie ihre Väter und Vorväter. Sie wollen das, was sie als richtig erkennen, auch tun, sie wollen sich aber auch nur zu dem bekennen, was sie nicht als eine unerträgliche Last empfinden. Sie wollen eine Autorität, aber eine, zu der sie nicht nur aus Disziplin, sondern auch mit dem Verstand ja sagen können, eine Autorität, die argumentiert und nicht bloß dekretiert. Sie wollen eine Moral, die nicht lax zu sein braucht, aber erfüllbar sein soll. Sie wollen Kinder, aber nicht nur als automatische Folge eines biologischen Naturgesetzes, sondern als Frucht der Liebe und der Freiheit.

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