Über Jahrhunderte hat die Bibel Schriftsteller und Dichter inspiriert. Auch in den letzten Jahren blühten die literarischen Versuche, die Jüdische Bibel, das Alte Testament der Christen, neu zu buchstabieren.

Sie werden lachen: die Bibel." Wann immer über die Wirkung der Bibel auf Literatur gesprochen oder geschrieben wird, wird Brechts längst schon legendäre Antwort auf die Frage nach seinem stärksten literarischen Eindruck zitiert. "Die Mutter der Dichtung", wie Hilde Spiel die Bibel nannte, fasziniert nicht nur selbst als Weltliteratur mit Bestsellerrang, sondern verlockte in ihrer Rätselhaftigkeit und Vieldeutigkeit Schriftsteller und Dichter aller Zeiten, sie poetisch zu bearbeiten. Die biblischen Texte als Erzählungen über Vergangenes drängen nach Aktualisierung, als Modelle zur Konkretisierung, als komplexe Sprachwelten zu Übersetzung und Übertragung ins Heute.

Grenzenlose Phantasie

Deshalb reicht die Palette der höchst unterschiedlichen Zugänge von der schlichten Nacherzählung über die Paraphrasierung (freie Übersetzung und erweiternde Umschreibung), über Aktualisierung in Sprache, Wirklichkeit, Vorstellungen und Bildhaftigkeit heutiger Zeit bis zu Verfremdung und Parodie. Vor allem die biblischen Figuren haben ein langes literarisches Leben. Aber es waren und sind nicht nur die Themen und Inhalte, die die Dichter lockten, sondern auch biblische Poesie und Erzählformen, wie etwa Psalmen oder Prophetensprüche.

Die Bedeutung Heiliger Schriften hat sich gewandelt in einer Zeit, in der für viele Menschen institutionelle Religionen ausgedient haben, aber zugleich Esoterikbooms und ein "Megatrend Religion" wahrgenommen werden. Der schriftstellerische Umgang mit der Bibel ist im kulturellen Umfeld der spielerisch aufgelegten Postmoderne, die ja auch mit Mythen respektlos umgeht, frei und kreativ. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt! Ein Blick auf die Veröffentlichungen der letzten Jahre macht zudem deutlich: Das Interesse der Schriftsteller an der Bibel hat keineswegs nachgelassen! Auch um die Jahrtausendwende blühen die literarischen Versuche, vor allem das von den Christen so genannte Alte Testament, die Jüdische Bibel, neu zu buchstabieren.

Arnold Stadler etwa, Theologe und Germanist, hat die Psalmen in lebendige Poesie übertragen (Warum toben die Heiden. Und andere Psalmen", 1995; "Die Menschen lügen. Alle' und andere Psalmen", 1999). Der Niederösterreicher Ferdinand Schmatz hat sich in "Das grosse Babel,n" (1999) durch Genesis, Psalmen und die Apokalypse des Johannes geschrieben und die Sprache dabei selbst zum Thema gemacht. Er betreibt keine theologische (Pseudo-)Exegese, versucht auch keine direkte Übersetzung ins Heute, sondern wirft in den Gedichten, hinter denen man immer wieder die Vorlage zu erkennen meint, die Leser aufs Wort zurück, lässt sie über Sprache reflektieren.

Verstörende Naivität

In aller Munde sind Michael Köhlmeiers biblische Nacherzählungen. "Geschichten von der Bibel" nennt der Autor seine zwei Bände übers Alte Testament, in denen er keineswegs nur aus der oder über die Bibel erzählt, sondern aus Sagen, Mythen und apokryphen Schriften ein Gesamtbild malt, das mit dem Alten Testament schließlich nicht mehr viel zu tun hat. Die Literatur ist ja frei, was auch Anne Weber in ihren Texten "Im Anfang war" (2000) demonstrierte, in denen sie unter Aussparung jeglicher theologischer, religionswissenschaftlicher oder historischer Forschungsergebnisse mit einer verstörenden Naivität das Alte Testament wörtlich nahm und eigenwillig kommentierte.

Für gelungene Literatur sind nicht unbedingt wissenschaftliche Kenntnisse des Autors entscheidend oder gar eine richtige Exegese, sondern vor allem die gestalterische Leistung. Köhlmeiers Erzählungen leben vor allem von seinem gesprochenen Wort, als niedergeschriebene wirken sie hingegen wenig kunstvoll, stellenweise platt, ja trivial.

Alte Geschichten aus der Jüdischen Bibel neu erzählen will auch der israelische Schriftsteller und Journalist Meir Shalev. Er schreibt im Vorwort seines Buches "Der Sündenfall - ein Glücksfall?" (hebräisch 1985, deutsch 1997), er wolle die biblischen Geschichten nicht wie die traditionelle Exegese beschönigen und die Helden glorifizieren, sondern hervorheben, dass die Verfasser der Bibel ebenso wie die literarischen Figuren Menschen aus Fleisch und Blut sind: "Meine Bibel wurde weder von Gott geschrieben, noch sind ihre Helden heilig oder rein von Sünde." Shalevs von weltlichem Verständnis geprägte Nacherzählungen präsentieren die Bibel als aufregendes Buch mit politischen, religiösen, philosophischen und erotischen Botschaften.

Zeit-Trend Lebensweisheit

Auch für Paulo Coelhos Roman "Der fünfte Berg" (brasilianisch 1996, deutsch 1998) bildet eine biblische Geschichte - die des Propheten Elia- den Ausgangspunkt: Von Königin Isebel ins Exil getrieben, überlebt Elia dort die Zerstörung der Stadt Akbar und den Tod einer geliebten Frau, kämpft und hadert gegen Gott, kehrt schließlich aber geläutert nach Israel zurück. In dieser Trostgeschichte wird eine einfache Antwort auf die schwierige Frage nach der Ursache des Leides gegeben: Gott mutet uns nur Mögliches zu. Überflüssiges Vergangenes soll vergessen werden: Ein einfaches Rezept für das Bewältigen großer Tragödien. Der Bestsellerautor stillt in seinen Romanen gekonnt die Sehnsucht nach einfachen, gleichnishaften Geschichten, schlichter Sprache und klaren Lösungen. Lebensweisheit ist dabei wichtiger als die literarische Form. Damit schreibt er im Trend der Zeit. Die Bibel ist dafür Vehikel.

In Franco Ferruccis "Die Schöpfung. Das Leben Gottes, von ihm selbst erzählt" (italienisch 1986, deutsch 1988) wird, wie der Titel schon sagt, Gott zum Schreiber seiner eigenen Memoiren. Gott sitzt im Flugzeug und erinnert sich. Zunächst an die Schöpfung, als er ein kleines Kind war, und das Geschaffene selbstständig zu werden und ihm aus der Hand zu gleiten begann. Sehr bald stellt Gott fest, dass seinen schöpferischen Möglichkeiten Grenzen gesetzt sind. Inkognito - er personifiziert sich in unterschiedlichsten Gestalten - und einsam reist Gott herum und schämt sich der Mängel in der Schöpfung. Alle Kontakte zu Menschen wie Moses, Xenophanes, Parmenides, Heraklit, Buddha, Sokrates, Plato, Seneca, Augustinus ("Das letzte Mal sah ich ihn bei seiner Weihe zum Bischof von Hippo."), Franz von Assisi, Thomas von Aquin, Dante, Hölderlin, Freud, Einstein, Mussolini und dem Papst helfen Gott nicht, sich selbst zu finden. Die Menschen - auch die Theologen - erkennen ihn nicht.

Satirisch nähert sich Daniel Katz in seinem Roman "Lots Töchter" (finnisch 1999, deutsch 2001) der Jüdischen Bibel: Da verspielt der vergessliche Hankonen die Welt an Donadoni, Sohn eines Mafia-Chefs, und die Schöpfung beginnt ein weiteres Mal. Einiges läuft wie bisher, anderes aus der Bahn. So opfert etwa Abraham seinen Sohn um seinem Volk die weitere Geschichte zu ersparen. Am Ende verliert Donadoni das Interesse und will die Welt wieder zurückgeben.

Der Glaube an Gott ist keine Voraussetzung (mehr), das Alte Testament als Vorlage für literarisches Schreiben zu nutzen. Und ein "Wissen von Gott als literarischer Gestalt schließt den Glauben an Gott weder aus, noch erfordert es ihn." Unter diesem Gesichtspunkt schrieb auch Jack Miles 1995 sein vielgelesenes Buch "Gott. Eine Biographie".

Denk-Impulse und Klischees

Die Zugänge der Schriftsteller sind kreativ und spielerisch, ergründen Bedeutungen und untersuchen Sprachmuster. Gerade im Sinne der biblischen Vorlage kann provokante Literatur dabei gewollt oder ungewollt wichtige Denk-Impulse auch für Gläubige geben.

Das Beispiel Coelho zeigt aber, dass Literatur, die mit Glaubensfragen verbunden wird, in Gefahr steht, betulich, flach und banal zu werden. Ein Zeichen dafür, dass es für den Glauben heute kaum Worte gibt? Eine Sprachlosigkeit, die nur durch Klischees überwunden werden kann?

Möglicherweise erschließen gerade Schriftsteller, die Balanceakte wagen, ihren Lesern neue Zugänge zum Alten Testament. Postmoderne Spieler wie Franco Ferrucci sollte man nicht unterschätzen in dem, was sie - die Leser dabei gut unterhaltend - zum Nachdenken geben. Und vermutlich gibt es ja Leser, die danach gefragt, wonach sie nach der Lektüre des neuen Romans von Autor Y gegriffen haben, in Abwandlung des Brecht-Zitats antworten: "Sie werden lachen, zur Bibel".

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