Mutter Teresa: Religiös gestrauchelt?

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Auch wenn sie schon Zeit ihres Lebens von vielen als heiligmäßig verehrt wurde, muss auch eine Mutter Teresa von Kalkutta das von der römisch-katholischen Kirche vorgesehene ordnungsgemäße Verfahren der Selig- und Heiligsprechung erfolgreich absolvieren, um dann offiziell als Heilige verehrt werden zu können. Dabei wird alles erreichbare Material gesammelt, das geeignet ist über sie als Person Auskunft zu geben.

Bei der Sichtung ihrer privaten Korrespondenz entsteht nun ein für die Medien und in den Medien ungewohntes Bild. War die Gründerin des Ordens der Missionarinnen der Nächstenliebe Jahre vor ihrem Tod schon zu einer Medien-Ikone ohne den Hauch eines Schattens (gemacht) geworden, so wird nun die Sensibilität und Differenziertheit ihrer Person deutlich. Aus einer erstarrten Form wird für viele überraschend eine lebendige, spannungsreiche Persönlichkeit.

Der Postulator im Seligsprechungsverfahren, Pater Brian Kolodiejchuk, sagte in einem Interview anlässlich des vierten Todestages, aus dem persönlichen Nachlass gehe hervor, dass Mutter Teresa viele Jahre in einem Zustand "innerer Finsternis" gelebt habe. Wie Jesus am Kreuz habe auch sie "unter großen Schmerzen und Leiden die Erfahrung des Verlassenseins durchlebt".

Ihre nun öffentlich gewordenen Glaubenszweifel, ihr Ringen und Hadern mit Gott sind für Menschen, denen christlicher Glaube in seiner ganzen Tiefe fremd ist, sichtlich nicht einordnebar und so wurden diese bisher unbekannten Seiten mit dem medialen Etikett des religiösen Strauchelns versehen - und somit völlig verkannt. Dahinter scheint die Vorstellung von frömmelnden Heiligen, die nichts mit dem Leben zu tun hat, zu stehen. Oder hat vielleicht mit Gott Hadern und Ringen, was in der Schule der Bibel lernbar ist, gar zuwenig selbstverständlichen Platz in der katholischen Tradition?

Martin Jäggle ist Professor an der Religions-pädagogischen Akademie Wien und Autor von Religionsbüchern. Zusätzlich engagiert er sich in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit.

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