Tempelberg in Jerusalem - © Foto: iStock/lucky-photographer

Nach 10/7: Religionsdialog als Chance für Frieden nutzen

19451960198020002020

Eine Tagung des Weltverbands für jüdisch-christlichen Dialog in Salzburg beschäftigte sich Ende Juni mit dem Beitrag des Religionsdialogs bei der schwierigen Suche nach Frieden im Nahen Osten.

19451960198020002020

Eine Tagung des Weltverbands für jüdisch-christlichen Dialog in Salzburg beschäftigte sich Ende Juni mit dem Beitrag des Religionsdialogs bei der schwierigen Suche nach Frieden im Nahen Osten.

Werbung
Werbung
Werbung

Der Tag des Angriffs der Terrororganisation Hamas auf Israel, 10/7, hört nicht auf. Die Bilder der Vernichtung aus dem Gazastreifen bleiben medial allgegenwärtig. Ihre suggestive Macht verlangt Stellungnahme und überfordert zugleich jede Reaktion: politisch wie ästhetisch. Die unmittelbare Sympathie mit den Opfern der Gewalt hebt einerseits alle Unterschiede auf, die sich andererseits in der Notwendigkeit eigener Positionsbildung herstellen: zwischen Israelis und Palästinensern, zwischen Opfern und Tätern, zwischen den Akteuren des Terrors und Militärs. Im Namen der Humanität verschwinden Differenzen zwischen Menschen auf beiden Seiten, die man zugleich setzt, indem man Verantwortung zuschreibt. Ging nicht der Attacke der Hamas eine strukturelle Gewalt des Staates Israel voraus? Steht die Hamas nicht für den Widerstand gegen eine Politik der Vertreibung und Unterdrückung, die mit der militärischen Kampagne Israels auf ihr Finale zuhält – die Vernichtung jeder Hoffnung auf einen Palästinenserstaat?

Nicht nur in postkolonialen Debatten lassen sich die Umkehrmechanismen von Schuldzuschreibungen beobachten. Sie sind auch politisch wirksam: Israel steht in der Staatengemeinschaft zunehmend isoliert da. Die Suche nach einer humanitären Lösung des Nahostkrieges, der an der libanesisch-israelischen Grenze weiter zu eskalieren droht, macht sich zu Recht an der katastrophalen Lage der Menschen in Gaza fest. Die täglichen Nachrichtenbilder forcieren einen Handlungsdruck, der sich politisch auf Israel und seine Regierung richtet, damit aber zugleich die Ohnmacht der Situation nur verschärft. Welche Maßnahmen lassen sich denken, um Netanjahus Kurs zu ändern? Und wohin soll ein Waffenstillstand führen? Schon jetzt ist ein Ergebnis des Hamas-Terrors globalpolitisch zu notieren: dass sich weite Teile der Welt gegen Israel und gegen jüdisches Leben zusammenschließen – von Kritik über die Anerkennung des Staates Palästina bis zur völkerrechtlichen Klage in Den Haag.

In diesem Szenario schließen sich drei selbst verstärkende Momente zusammen: das Leiden der Opfer von 10/7 auf beiden Seiten, die Ohnmacht militärischer wie politischer Macht sowie gesellschaftlich tiefsitzende antisemitische und islamophobe Tendenzen. Die Macht der Gewalt trifft dabei nicht zuletzt Jüdinnen und Juden, Muslime und Muslima unabhängig von ihrer Nationalität, ungeachtet ihrer politischen Einstellung - ohne danach zu fragen, wie sie einschätzen und bewerten, was sich gerade im Nahen Osten vollzieht. Sie werden nicht gehört. Angesichts der Bilder des Leids vollstreckt sich das moralische Urteil allzu oft schneller, als das abwägende Argument kritischer Auseinandersetzung einsprechen kann.

Jüdisch-christliche Tagung

Vor diesem Hintergrund fand in Salzburg Ende Juni 2024 eine Konferenz statt, die jährlich vom International Council of Christians and Jews (ICCJ), dem Weltverband im jüdisch-christlichen Dialog engagierter Organisationen veranstaltet wird. Erstmals nach dem 7. Oktober trafen sich die Mitglieder. Ihr Thema: „Heiligkeit“. Die begleitende Frage lautete, wie sich „religiöser Imperativ und moralische Verpflichtung“ zueinander verhalten. Bewusst haben sich die Veranstalter entschieden, den Gottesbezug in seiner ethischen Dimension auf die Tagesordnung zu setzen. Panels und Workshops kreisten um ein Zentrum, an dem sich intellektuelle Orientierung und diskursive Auseinandersetzung aufluden – am Magnetismus der Heiligkeit des Lebens, die Juden wie Christen in der Schöpfung Gottes begründet sehen. Heiligung Gottes ist an die Heiligung des Lebens gebunden, an die Achtung der gesamten Schöpfung – und an den Respekt vor jedem Menschen.

FURCHE-Navigator Vorschau
Werbung
Werbung
Werbung