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Religion

Nach dem Koran sind alle Menschen gleich

1945 1960 1980 2000 2020

Heiliger Krieg, Islamismus, Kopftuchzwang für Frauen: Viele stereotyp mit Muslimen verbundene Traditionen stammen nicht aus dem ursprünglichen Islam.

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Heiliger Krieg, Islamismus, Kopftuchzwang für Frauen: Viele stereotyp mit Muslimen verbundene Traditionen stammen nicht aus dem ursprünglichen Islam.

Nicht ursprüngliche, sondern abgeleitete Lehrquellen machen es dem Islam schwer, den Eingang in das dritte Jahrtausend klaglos zu finden. Zu solchen Quellen gehört die Tradition des sunnitischen Islam, der die überwiegende Mehrheit der Muslime anhängen.

Konstitutiv für den Glauben ist jedoch allein die Offenbarung, die sich im islamischen Fall mit einer etwas verklärten und in einigen Punkten abgeänderten Bibellehre deckt: Die Lektüre des Koran, vermittelt ein weiter ausgeformtes Bild, ein "refomiertes" der biblischen Tradition.

Darauf baut die These des Religionswissenschaftlers Gustav Mensching (1901-78), daß der Prophet Muhammad im Grunde genommen ein Reformer sei: Der Auserwählungsgedanke des Islam geht mit dem Bekenntnis zu einer besonderen Berufung zusammen. Bedingung der Auserwähltheit ist die Förderung des Guten und die Bekämpfung des Übels (Koran 3:110).

Alle Menschen sind nach dem Koran gleich. "Wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr euch auseinanderkennt, aber der Vornehmste bei Gott ist derjenige, der die Selbstbeherrschung übt" (49:13).

Korrektur der Bibel Der Mensch ist Stellvertreter Gottes auf Erden (2:30). Seine Verantwortung ist entsprechend groß. Der Wert des menschlichen Lebens läßt sich nicht ermessen. Diesen Gedanken drückt der Koran mittels einer der jüdischen Weisheit entlehnten Metapher aus: "Wer einen Menschen zu Unrecht und ohne daß dieser Unheil auf der Erde angerichtet hätte, tötet, der wird so beurteilt, als hätte er die ganze Menschheit getötet" (5:32).

Hier wird offenkundig die hebräische Bibel korrigiert, die bekanntlich die Übertretung der Menschenrechte unter den Feinden nicht besonders abstoßend findet. Auch die Vorstellung vom "heiligen Krieg" und das Paradigma von der totalen Vernichtung der Feinde ist im Koran überwunden. Der Dschihad - dem Islam als "heiliger Krieg" unterschoben - ist ein Behauptungskampf in Situationen existentieller Bedrohung - kollektiver oder individueller Natur. Der Dschihad ist daher keine Dauerverpflichtung und hat nichts mit der Verbreitung des Islam zu tun: "Es gibt keinen Zwang im Glauben" (2:256) und "Wer da glauben will, der soll glauben; wer es nicht will, der soll eben bei der Verdeckung der Wahrheit bleiben" (19:29).

Ein anderer, etymologisch verwandter Ausdruck, Idschtihad, ist Behauptungskampf in Situationen der theologischen Not, um zeitgemäße Lösungen zu finden, die noch dem Geist des Islam entsprechen: Das ist also die Suche nach dem Aggiornamento.

Die Zweiteilung der Welt in das "Haus des Islam" und das "Haus des Krieges" ist in den bitteren Erfahrungen der Erstzeit des Islam entstanden. Er war von Feinden umgeben, die auf seine Auslöschung hin arbeiteten. So wurde die außerislamische Welt als "Domizil der Gewalt" (där al-qahr), wie das "Haus des Krieges" noch genannt wird, empfunden. Die Lage hat sich später nicht wesentlich gebessert. Heute aber ist Europa und die übrige demokratische Welt für alle Religionen, die die Menschenrechte und die Demokratie respektieren, offen. Folglich ist die gegenständliche Zweiteilung der Welt, die an die Unterscheidung der zivilisierten Welt von jener der Barbaren erinnert, hinfällig.

Der Koran kennt keine Exklusivität des Heils außer dem Götzendienertum gegenüber, das er als Grundübel - der Verneinung der Menschlichkeit gleich - ansieht. "Diejenigen, die glauben, die Juden, die Christen und die Sabier - alle, die an Gott und den jüngsten Tag glauben und tun, was recht ist, werden ihren Lohn beim Herrn finden", heißt es im Koran: "Sie brauchen keine Angst zu haben, und sie werden nicht traurig bleiben" (2:62). Es gibt keinen Anlaß zur Animosität, wenn es auch sonst massive Vorwürfe wegen Irrglauben gibt.

Historisch bedingt ist die koranische Anweisung: "Nehmt euch nicht die Juden und die Christen zu Sachwaltern! Sie sind untereinander Sachwalter" (5:51). Dieser Vers ist ein Beispiel des fundamentalistischen Umgangs mit dem heiligen Text: Sie geben ihm eine Bedeutung außerhalb der Zeit im Sinne einer zeitlosen Richtlinie und versehen ihn obendrein mit falscher Übersetzung, indem sie das Wort awliya (Sachwalter) mit "Freunde" übersetzen. Es sei daran erinnert, daß die Eheschließung eines Muslims mit Christinnen und Jüdinnen vollkommen legitim ist. Die Kinder aus solchen Ehen haben offenkundig ihre besten Freundinnen in ihren Müttern - nicht anders, als in vergleichbar ähnlichen Fällen der rein muslimischen Familien.

Zeitdokument Koran Der Vorstoß der Osmanen nach Europa war nicht durch religiöse, sondern durch machtpolitische Beweggründe ausgelöst. Eine Staatsidee sollte verwirklicht werden ohne Rücksicht, welche Glaubensformen in dem erstrebten Staatsgebilde vertreten sein dürften. Ähnlich gelagert waren die Eroberungszüge der Araber in Europa und der Mogulas in Indien (1526-1858). Der Prozeß der Islamisierung eines Landstriches oder eines Volkes ist von der militärischen Ausweitung muslimischer Staaten streng zu unterscheiden. Das waren voneinander getrennte Prozesse.

Um den Koran richtig zu verstehen, muß man mit den Inhalten der Kausalkunde der Offenbarung ('ilm asbab an-nuzul), die die äußeren Umstände der Entstehung des Korans aufzeigt, vertraut sein. Diese zeigt eindeutig, daß auch die Offenbarung des Koran in Raum und Zeit eingebunden ist. Damit ist der Abbau mancher Schärfe im Koran möglich. Wenn man ferner berücksichtigt, daß Muhammads Botschaft mündlich und aus dem Stegreif vorgetragen wurde, wird man ihren Lebensbezug leichter begreifen. Die vorgetragenen Offenbarungssegmente, die ursprünglich als Buch im geläufigen Sinne nicht konzipiert worden sind, wurden von der ersten Gemeinde der Gläubigen wortgetreu aufgenommen und verzeichnet. Das ist nun der Koran, zu deutsch: die Lesung, das Nachgesprochene. Folglich ist dieses Buch im mancher Hinsicht ein Zeitdokument.

Buchstabengläubigkeit Der Islam definiert sich als Lebens- und Leidensbewältigung im Zeichen der Hingabe an Gott. Er sollte für den Gläubigen eine ständige Aufgabe sein. Ein Irrtum ist es, diese Religion mit der Scharia gleichzusetzen. Die Scharia ist die Gesamtheit der islamischen Lebensregeln. Sie ist zu 80 Prozent eine Ableitung aus dem Koran und der Sunna. Somit gehört sie zum Überbau des Islam und ist hauptsächlich von den Rechtsgelehrten geschaffen.

Der strafrechtliche Teil der Scharia - ob im göttlichen Recht begründet oder im Wege einer nachträglichen Rechtsbildung darin Platz gefunden - wurde nie vollständig angewendet. Das hat auch mit dem Rechtsverständnis orientalischer Kulturen zu tun, wo es am Herrscher liegt, zu bestimmen, was an Rechtsbestimmungen durchzuführen, und was zu unterlassen ist. Die religiöse Praxis der dortigen Völker kommt meist dem Vollzug der Tradition gleich. Der Rigorismus dieser Praxis ist gewöhnlich in der Buchstabengläubigkeit begründet.

Die Bildung der Scharia war im 10. Jahrhundert abgeschlossen. Es ist natürlich, daß sich in ihr viele alte Rechtsvorstellungen eingefunden haben. Manche gehen auf jüdisches und urchristliches Rechtsdenken zurück, etwa das minutiös ausgearbeitete Sklavenrecht. Ferner gehören dazu die Bestrafung der Ehebrecherin mit Steinigung (das auch heute mitunter noch angewandt wird), Todesstrafe für den Abfall vom Islam im Falle des Mannes, Gefängnis im Falle der Frau, die vorher erwähnte Zweiteilung der Welt, der degradierte, wenn auch durchaus gesetzlich geschützte, Personenstand der Juden und Christen in einem islamischen Staat, wo sie die Klasse der "Schutzbefohlenen" bildeten, und das vermeintlich verpflichtende Kopftuch der Frauen in der Öffentlichkeit. "Und doch das Schutzkleid des Selbstwahrens ist besser" (7:26).

Es ist aber nicht vorstellbar, daß heutzutage die Frau auf Dauer von allen Lebensläufen abgeschnitten werden kann. Auch eine Lebensführung nach Mönchsart (unzählige zeitaufwendiger Gebetsrituale, Abwürgung der freien Meinungsäußerung, das Festhalten an Scheidungsmerkmalen des Standes, des Geschlechts und der Religion ...) sind nicht mit dem Geist der Zeit in Einklang zu bringen. Erschütterungen sind unvermeidbar.

Seit je konnte man in islamischen Ländern neben Moscheen noch Kirchen, Synagogen und - in Indien - Tempel sehen. Durch fremde Religionen hat er sich bekanntlich bereichern lassen. Er steuert keinen Konfrontationskurs, wie ihn etwa Samuel Huntington in seiner eingeengten Perspektive sieht.

Die Fundamentalisten im Islam, die er bei seiner Betrachtung hauptsächlich im Visier hat, sind atypisch für den historischen Islam. Die Leute, die sich selbst Islamisten nennen, stehen unter dem Verdacht, über den Islam hinaus einem zusätzlichen gedanklichen Überbau verpflichtet zu sein. Ihre Sonderart ist es, die Religion zu politischen Zwecken zu instrumentalisieren. Sie vernachlässigen das Jenseits und somit auch die Religion (din) zugunsten der Innerweltlichkeit (dunya). Somit verlassen sie in ihren Handlungen zwangsweise den gebotenen rechten Weg.

Religion als Politikum Die größte Bedrohung für den Islam bildet zur Zeit die absichtliche Umbiegung der Religion zum Politikum. Der materielle Schaden allein ist sichtbar: Vernichtung der ägyptischen Touristenwirtschaft infolge terroristischer Überfälle, die Auslöschung von Zehntausenden Unschuldiger in Algerien, ständige Bruderkriege in Afghanistan im Zeichen eines mißverstandenen Islam, zusätzliche Blamage des gemeinsamen Glaubens durch skandalöse Haltung der Taliban zu den Frauen ... Äußerungen wie: "Die Taliban sind Esel!", die die weltberühmte islamische Universität Al-Azhar in Kairo hat fallen lassen, sind der Tragödie, die sich abzeichnet, gar nicht angemessen. Eine gewaltige Wende ist fällig. Mir scheint, daß der Islam von Haus aus den Menschenrechten nahe stand, obwohl er sie freilich nicht in Einzelheiten kannte. Aber wem war es schon vor der Aufklärung beschieden, sich dieser Rechte bewußt zu werden?

Der Autor, Oberstaatsbibiothekar i.R., ist Kulturhistoriker und Islamexperte (u.a. war er Chefredakteur von "Islam und der Westen").