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Religion

Nagelprobe der HUMANITÄT

1945 1960 1980 2000 2020

Umstrittene Herberge: Wegschauen ist eine der Strategien, um sich Verwundbarkeit anderer vom Leib zu halten. Dagegen steht das Weihnachtsfest. Eigentlich.

1945 1960 1980 2000 2020

Umstrittene Herberge: Wegschauen ist eine der Strategien, um sich Verwundbarkeit anderer vom Leib zu halten. Dagegen steht das Weihnachtsfest. Eigentlich.

Ist tatsächlich kein Platz mehr in der Herberge, als Maria und Josef nach Bethlehem kommen? Das Lukas-Evangelium schärft den Blick. Es sagt, dass Maria ihr neugeborenes Kind in eine Krippe legt, "weil in der Herberge kein Platz für sie war"(Lk 2,7). Die Herberge mag voll sein, weil viele Menschen wegen der Volkszählung unterwegs sind. Aber ist das ein überzeugender Grund, ausgerechnet der Hochschwangeren, die ihr Kind nicht im Schutz eines "Zuhause" zur Welt bringen kann, den Zutritt zu verweigern? Denn Eines ist sicher. Stünde der König Herodes vor der Tür, so wären alle selbstverständlich bereit, ihm großzügig Platz zu machen.

Brüchiger Schutz vor Verwundung

Maria erhält keinen Einlass, obwohl - oder gerade weil sie kurz vor der Niederkunft steht. Jede Geburt ist eine Herausforderung, denn sie macht Arbeit, erzeugt Lärm, stiftet Unruhe und ist insgesamt eine riskante Sache. Die Herbergsgäste wollen nachts ihre Ruhe haben. Man weiß nicht, ob die Fremden Krankheiten, Ungeziefer oder sonstigen Ärger mit ins Haus bringen. Maria und Josef mussten aus steuerpolitischen Gründen ihr Zuhause verlassen und können in der Fremde nicht auf die Unterstützung von Verwandten, Freundinnen und Freunden zurückgreifen. Wer zahlt die Rechnung, wenn während der Geburt ein Arzt gebraucht wird?

Da ist es schon leichter zu sagen, dass leider kein Platz mehr in der Herberge sei. Die Frau, die wegen ihrer Schwangerschaft höchst verwundbar ist und am meisten Schutz bedarf, wird aus den Schutzräumen der Gesellschaft ausgeschlossen. Wenig später, so erzählt es das Matthäus-Evangelium, müssen die Eltern mit dem Neugeborenen sogar vor Mord und Totschlag einer skrupellosen Staatsmacht nach Ägypten fliehen.

Es ist schon frappierend, wie genau die weihnachtliche Herbergsfrage die aktuelle soziale und politische Situation trifft. Immer mehr Menschen, die aufs äußerste verwundet sind und Schutzräume brauchen, drängen an den Grenzen auf Einlass. Sie hoffen, dass Europa ihnen zur Herberge wird. Denn sie haben ihre Heimat verloren und wollen nagende Armut sowie Gefährdung durch Krieg und Terror hinter sich lassen. Wenn Menschen keine Alternative sehen und sich auf eine Flucht ins Ungewisse machen, so erhöht sich ihre Verwundbarkeit. Unzählige Menschen überleben dieses Risiko nicht.

Aber Verwundbarkeit ist nicht nur für diejenigen ein Thema, die auf der Flucht sind. Auf der anderen Seite stehen jene Menschen in Europa, die sich von dieser Flucht so Vieler in ihrer eigenen Verwundbarkeit angetastet sehen. Sie wollen ihre Lebensressourcen schützen - für sich selbst, für die eigene Familie, Gesellschaft oder Religion. Muss Europa seine Grenzen rigoros für Flüchtlinge schließen und damit das Ansinnen auf Herberge verweigern?

Man will sich vor Verwundung schützen, wohl wissend, dass man damit Andere gnadenlos der Verwundbarkeit aussetzt. Sicherungsstrategien erzeugen damit ein eigenes Gewaltpotenzial. Die gängige Entgegensetzung "verwundbar oder abgesichert" wird brüchig. Nicht zuletzt der Terror in Paris zeigt, dass Sicherungsstrategien allein die Grenzen Europas nicht sicher machen.

Wie gehen Menschen mit ihrer Verwundbarkeit um, und zwar nicht nur mit der eigenen, sondern auch mit der Verwundbarkeit anderer, schutzbedürftiger Menschen? Mit dieser Frage konfrontiert die Herbergsproblematik. Wenn Nahestehende wie Verwandte, Freundinnen und Freunde an die Türen klopfen, so haben sie größere Chancen auf Einlass. Bei Fremden fällt es leichter, sich deren Verwundbarkeit vom Leib zu halten. Wegschauen ist eine verbreitete Strategie, für die die biblischen Herbergsleute stehen.

Schlimmer agiert der König Herodes, der bereit ist, Andere zu töten, um seinen Herrschaftsanspruch unverletzt zu bewahren. Andere verwunden, um eigene Verwundung zu verhindern -die klassische "Herodes-Strategie".

Herbergs-und Herodes-Strategien

Die Evangelien führen narrativ jene Selbstschutzmechanismen vor Augen, die auch heute an den Grenzen Europas betrieben werden. Migration offenbart sich als Zeichen unserer Zeit, das auf allen Seiten von Verwundbarkeit durchzogen ist. Dies verschärft die Herbergsfrage. Mit neuen Mauern und Grenzen, Militär und Waffen will Europa das Eigene vor tatsächlicher oder auch nur vermeintlicher Bedrohung schützen. Die Grenzen zwischen Herbergs-und Herodes-Strategien werden fließend. Dabei sind die Debatten um Flucht und Herberge, Vulnerabilität und Sicherheit längst religionspolitisch bestimmt.

Als kürzlich führende Politiker Ungarns, Estlands und der Slowakei die Aufnahme muslimischer Migranten verweigerten, führte der ungarische Bischof László Kiss-Rigó die Bewahrung christlicher Werte ins Feld. So wird ein religiöser Sicherungsdiskurs etabliert, der lieber die muslimischen Flüchtlinge der Lebensgefahr preisgibt, als die eigene Werteordnung der Verwundbarkeit einer interreligiösen Debatte auszusetzen.

Selbstschutz ist verständlich und sogar lebensnotwendig. Allerdings muss man feststellen, dass er allein nicht zur Krippe führt. Die Herbergsleute werden nicht beschuldigt, angeklagt oder verurteilt. Aber für den Fortgang der Geschichte spielen sie keine Rolle mehr. Indem die Herberge die Bedürftigen ausgeschlossen hat, schließt sie sich selbst von jener Heilsgeschichte aus, die mit der Krippe beginnt.

Zu Weihnachten 2015 stellt uns die Migrationsproblematik besonders drängend vor die Frage, wie wir mit der Verwundbarkeit anderer Menschen umgehen. Dabei verweist die Geburt Jesu auf Alternativen zur Strategie der Ausschließung. In Jesus, dem verletzlichen Kind, wird Gott selbst Mensch. Auf die Wunden der Welt antwortet Gott nicht, indem er sich unverwundbar hält, sondern indem er das Wagnis der Verwundbarkeit eingeht. In einer gewagten Gabe seiner selbst stellt er sich den vielfachen Verletzungen menschlichen Lebens. Dass er damit ein Zeichen der Humanität setzt, davon erzählen die Weihnachtsgeschichten.

Kind mit Migrationshintergrund

Den Evangelien zufolge kommt Jesus in einer Outdoor-Geburt zur Welt und wird später zum Kind mit Migrationshintergrund, das den Gefährdungen des Lebens in besonderem Maß ausgesetzt ist. Um zu überleben, braucht es die Bereitschaft seiner Mutter Maria zu einer hoch riskanten Geburt; sowie die beharrliche Zuwendung des sozialen Vaters Josef, der das Kind vor dem tödlichen Zugriff des Diktators schützt. Die Eltern sind ohne Zögern bereit, ihre eigene Verwundbarkeit zu riskieren, um dem Neugeborenen den Weg ins Leben zu eröffnen. Unterstützung erhält die junge Familie von den dahergelaufenen Sterndeutern, die ihre Schätze nicht dem machtvollen Herrscher überlassen, sondern der schutzbedürftigen Familie bringen. Auch die Hirtinnen und Hirten riskieren viel, als sie ihre Herden zurücklassen, und durchbrechen so die soziale Ausschließung der jungen Familie.

Mit der Bereitschaft dieser Menschen, das Neugeborene mit eigenen Ressourcen zu unterstützen, verwandelt sich die Krippe. Zuvor war sie von Armut und Ausschließung bestimmt. Nun aber wird sie zur eigentlichen Herberge, wo das verletzliche Leben Schutz und Unterstützung erhält. Dabei spiegeln die Menschen an der Krippe das wider, was Gott in der Menschwerdung tut. Gott wird Mensch. Und die Menschen werden Mensch, wo sie im Zeichen von Liebe, Respekt und Wertschätzung Hingabe wagen. Mitten in der Unbehaustheit des Lebens stellt sich an der Krippe eine Geborgenheit ein, die allein die Liebe zu schenken vermag.

Der Blick auf das neugeborene Kind offenbart, wie verletzlich und zugleich schutzwürdig jeder Mensch ist. Im Leben ist es unbestreitbar wichtig, sich vor Verletzungen zu schützen. Aber dies allein reicht nicht für ein humanes Leben. Die unausweichliche Verwundbarkeit erfordert Menschen, die sich in der Liebe verletzlich machen.

Erst die korrespondierende Bewegung, die Weihnachten vor Augen führt, macht menschliches Leben human: die gewagte Hingabe. Wer sich ausschließlich vor Verwundungen schützen will, braucht immer höhere Mauern, stärkere Rüstungen und schärfere Waffen. Man wird unberührbar, die Gesellschaft gnadenlos.

An die Krippe gelangen Menschen mit ihrer Bereitschaft, die eigene Verwundbarkeit für Andere zu riskieren. Ihre Erfahrung lautet: Teilen macht reich. Denn als sie zur Krippe kommen, ereignet sich jener mystische Moment, um dessentwillen Weihnachten bis heute gefeiert wird. Die Hirten denken nicht mehr voll Sorge an die zurückgelassenen Schafe; die Sterndeuter, Maria und Josef grübeln nicht, ob sie von ihrer gefährlichen Reise wohlbehalten zurückkehren werden. Alle Sorgen und Nöte, die ansonsten den Alltag bestimmen, verlieren gänzlich ihren Zugriff. Als die Menschen das neugeborene Kind erblicken, fließt ihnen das Leben zu. Sie leben hingebungsvoll.

Hingebungsvoll leben

Solch hingebungsvolles Leben ist auch in säkularen Gesellschaften relevant. Wo sind wir heute bereit, Herbergen zu schaffen und neue Lebensräume zu eröffnen? In den aktuellen Migrationsdebatten ist dies höchst umstritten. Alltäglich erinnern uns Versicherungen, politische Parteien und lautstarke Demonstrationen an die Notwendigkeit, die eigenen Ressourcen zu schützen. Um der Humanität willen ist es jedoch unumgänglich, zugleich diese andere Frage zu stellen: Wo ist es notwendig, die eigenen Ressourcen zur Verfügung zu stellen und auch umstrittene Herbergen zu schaffen, um Andere in ihrer Verwundbarkeit zu schützen? Diese Frage hält das Weihnachtsfest wach. Wie wir sie beantworten, wird heute zur Nagelprobe der Humanität.

Die Autorin leitet die Arbeitsstelle für Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz

Weihnachten. Das Wagnis der Verwundbarkeit

Von Hildegund Keul. 2. Auflage, Patmos 2015. 144 Seiten, geb., € 13,40

Ist tatsächlich kein Platz mehr in der Herberge, als Maria und Josef nach Bethlehem kommen? Das Lukas-Evangelium schärft den Blick. Es sagt, dass Maria ihr neugeborenes Kind in eine Krippe legt, "weil in der Herberge kein Platz für sie war"(Lk 2,7). Die Herberge mag voll sein, weil viele Menschen wegen der Volkszählung unterwegs sind. Aber ist das ein überzeugender Grund, ausgerechnet der Hochschwangeren, die ihr Kind nicht im Schutz eines "Zuhause" zur Welt bringen kann, den Zutritt zu verweigern? Denn Eines ist sicher. Stünde der König Herodes vor der Tür, so wären alle selbstverständlich bereit, ihm großzügig Platz zu machen.

Brüchiger Schutz vor Verwundung

Maria erhält keinen Einlass, obwohl - oder gerade weil sie kurz vor der Niederkunft steht. Jede Geburt ist eine Herausforderung, denn sie macht Arbeit, erzeugt Lärm, stiftet Unruhe und ist insgesamt eine riskante Sache. Die Herbergsgäste wollen nachts ihre Ruhe haben. Man weiß nicht, ob die Fremden Krankheiten, Ungeziefer oder sonstigen Ärger mit ins Haus bringen. Maria und Josef mussten aus steuerpolitischen Gründen ihr Zuhause verlassen und können in der Fremde nicht auf die Unterstützung von Verwandten, Freundinnen und Freunden zurückgreifen. Wer zahlt die Rechnung, wenn während der Geburt ein Arzt gebraucht wird?

Da ist es schon leichter zu sagen, dass leider kein Platz mehr in der Herberge sei. Die Frau, die wegen ihrer Schwangerschaft höchst verwundbar ist und am meisten Schutz bedarf, wird aus den Schutzräumen der Gesellschaft ausgeschlossen. Wenig später, so erzählt es das Matthäus-Evangelium, müssen die Eltern mit dem Neugeborenen sogar vor Mord und Totschlag einer skrupellosen Staatsmacht nach Ägypten fliehen.

Es ist schon frappierend, wie genau die weihnachtliche Herbergsfrage die aktuelle soziale und politische Situation trifft. Immer mehr Menschen, die aufs äußerste verwundet sind und Schutzräume brauchen, drängen an den Grenzen auf Einlass. Sie hoffen, dass Europa ihnen zur Herberge wird. Denn sie haben ihre Heimat verloren und wollen nagende Armut sowie Gefährdung durch Krieg und Terror hinter sich lassen. Wenn Menschen keine Alternative sehen und sich auf eine Flucht ins Ungewisse machen, so erhöht sich ihre Verwundbarkeit. Unzählige Menschen überleben dieses Risiko nicht.

Aber Verwundbarkeit ist nicht nur für diejenigen ein Thema, die auf der Flucht sind. Auf der anderen Seite stehen jene Menschen in Europa, die sich von dieser Flucht so Vieler in ihrer eigenen Verwundbarkeit angetastet sehen. Sie wollen ihre Lebensressourcen schützen - für sich selbst, für die eigene Familie, Gesellschaft oder Religion. Muss Europa seine Grenzen rigoros für Flüchtlinge schließen und damit das Ansinnen auf Herberge verweigern?

Man will sich vor Verwundung schützen, wohl wissend, dass man damit Andere gnadenlos der Verwundbarkeit aussetzt. Sicherungsstrategien erzeugen damit ein eigenes Gewaltpotenzial. Die gängige Entgegensetzung "verwundbar oder abgesichert" wird brüchig. Nicht zuletzt der Terror in Paris zeigt, dass Sicherungsstrategien allein die Grenzen Europas nicht sicher machen.

Wie gehen Menschen mit ihrer Verwundbarkeit um, und zwar nicht nur mit der eigenen, sondern auch mit der Verwundbarkeit anderer, schutzbedürftiger Menschen? Mit dieser Frage konfrontiert die Herbergsproblematik. Wenn Nahestehende wie Verwandte, Freundinnen und Freunde an die Türen klopfen, so haben sie größere Chancen auf Einlass. Bei Fremden fällt es leichter, sich deren Verwundbarkeit vom Leib zu halten. Wegschauen ist eine verbreitete Strategie, für die die biblischen Herbergsleute stehen.

Schlimmer agiert der König Herodes, der bereit ist, Andere zu töten, um seinen Herrschaftsanspruch unverletzt zu bewahren. Andere verwunden, um eigene Verwundung zu verhindern -die klassische "Herodes-Strategie".

Herbergs-und Herodes-Strategien

Die Evangelien führen narrativ jene Selbstschutzmechanismen vor Augen, die auch heute an den Grenzen Europas betrieben werden. Migration offenbart sich als Zeichen unserer Zeit, das auf allen Seiten von Verwundbarkeit durchzogen ist. Dies verschärft die Herbergsfrage. Mit neuen Mauern und Grenzen, Militär und Waffen will Europa das Eigene vor tatsächlicher oder auch nur vermeintlicher Bedrohung schützen. Die Grenzen zwischen Herbergs-und Herodes-Strategien werden fließend. Dabei sind die Debatten um Flucht und Herberge, Vulnerabilität und Sicherheit längst religionspolitisch bestimmt.

Als kürzlich führende Politiker Ungarns, Estlands und der Slowakei die Aufnahme muslimischer Migranten verweigerten, führte der ungarische Bischof László Kiss-Rigó die Bewahrung christlicher Werte ins Feld. So wird ein religiöser Sicherungsdiskurs etabliert, der lieber die muslimischen Flüchtlinge der Lebensgefahr preisgibt, als die eigene Werteordnung der Verwundbarkeit einer interreligiösen Debatte auszusetzen.

Selbstschutz ist verständlich und sogar lebensnotwendig. Allerdings muss man feststellen, dass er allein nicht zur Krippe führt. Die Herbergsleute werden nicht beschuldigt, angeklagt oder verurteilt. Aber für den Fortgang der Geschichte spielen sie keine Rolle mehr. Indem die Herberge die Bedürftigen ausgeschlossen hat, schließt sie sich selbst von jener Heilsgeschichte aus, die mit der Krippe beginnt.

Zu Weihnachten 2015 stellt uns die Migrationsproblematik besonders drängend vor die Frage, wie wir mit der Verwundbarkeit anderer Menschen umgehen. Dabei verweist die Geburt Jesu auf Alternativen zur Strategie der Ausschließung. In Jesus, dem verletzlichen Kind, wird Gott selbst Mensch. Auf die Wunden der Welt antwortet Gott nicht, indem er sich unverwundbar hält, sondern indem er das Wagnis der Verwundbarkeit eingeht. In einer gewagten Gabe seiner selbst stellt er sich den vielfachen Verletzungen menschlichen Lebens. Dass er damit ein Zeichen der Humanität setzt, davon erzählen die Weihnachtsgeschichten.

Kind mit Migrationshintergrund

Den Evangelien zufolge kommt Jesus in einer Outdoor-Geburt zur Welt und wird später zum Kind mit Migrationshintergrund, das den Gefährdungen des Lebens in besonderem Maß ausgesetzt ist. Um zu überleben, braucht es die Bereitschaft seiner Mutter Maria zu einer hoch riskanten Geburt; sowie die beharrliche Zuwendung des sozialen Vaters Josef, der das Kind vor dem tödlichen Zugriff des Diktators schützt. Die Eltern sind ohne Zögern bereit, ihre eigene Verwundbarkeit zu riskieren, um dem Neugeborenen den Weg ins Leben zu eröffnen. Unterstützung erhält die junge Familie von den dahergelaufenen Sterndeutern, die ihre Schätze nicht dem machtvollen Herrscher überlassen, sondern der schutzbedürftigen Familie bringen. Auch die Hirtinnen und Hirten riskieren viel, als sie ihre Herden zurücklassen, und durchbrechen so die soziale Ausschließung der jungen Familie.

Mit der Bereitschaft dieser Menschen, das Neugeborene mit eigenen Ressourcen zu unterstützen, verwandelt sich die Krippe. Zuvor war sie von Armut und Ausschließung bestimmt. Nun aber wird sie zur eigentlichen Herberge, wo das verletzliche Leben Schutz und Unterstützung erhält. Dabei spiegeln die Menschen an der Krippe das wider, was Gott in der Menschwerdung tut. Gott wird Mensch. Und die Menschen werden Mensch, wo sie im Zeichen von Liebe, Respekt und Wertschätzung Hingabe wagen. Mitten in der Unbehaustheit des Lebens stellt sich an der Krippe eine Geborgenheit ein, die allein die Liebe zu schenken vermag.

Der Blick auf das neugeborene Kind offenbart, wie verletzlich und zugleich schutzwürdig jeder Mensch ist. Im Leben ist es unbestreitbar wichtig, sich vor Verletzungen zu schützen. Aber dies allein reicht nicht für ein humanes Leben. Die unausweichliche Verwundbarkeit erfordert Menschen, die sich in der Liebe verletzlich machen.

Erst die korrespondierende Bewegung, die Weihnachten vor Augen führt, macht menschliches Leben human: die gewagte Hingabe. Wer sich ausschließlich vor Verwundungen schützen will, braucht immer höhere Mauern, stärkere Rüstungen und schärfere Waffen. Man wird unberührbar, die Gesellschaft gnadenlos.

An die Krippe gelangen Menschen mit ihrer Bereitschaft, die eigene Verwundbarkeit für Andere zu riskieren. Ihre Erfahrung lautet: Teilen macht reich. Denn als sie zur Krippe kommen, ereignet sich jener mystische Moment, um dessentwillen Weihnachten bis heute gefeiert wird. Die Hirten denken nicht mehr voll Sorge an die zurückgelassenen Schafe; die Sterndeuter, Maria und Josef grübeln nicht, ob sie von ihrer gefährlichen Reise wohlbehalten zurückkehren werden. Alle Sorgen und Nöte, die ansonsten den Alltag bestimmen, verlieren gänzlich ihren Zugriff. Als die Menschen das neugeborene Kind erblicken, fließt ihnen das Leben zu. Sie leben hingebungsvoll.

Hingebungsvoll leben

Solch hingebungsvolles Leben ist auch in säkularen Gesellschaften relevant. Wo sind wir heute bereit, Herbergen zu schaffen und neue Lebensräume zu eröffnen? In den aktuellen Migrationsdebatten ist dies höchst umstritten. Alltäglich erinnern uns Versicherungen, politische Parteien und lautstarke Demonstrationen an die Notwendigkeit, die eigenen Ressourcen zu schützen. Um der Humanität willen ist es jedoch unumgänglich, zugleich diese andere Frage zu stellen: Wo ist es notwendig, die eigenen Ressourcen zur Verfügung zu stellen und auch umstrittene Herbergen zu schaffen, um Andere in ihrer Verwundbarkeit zu schützen? Diese Frage hält das Weihnachtsfest wach. Wie wir sie beantworten, wird heute zur Nagelprobe der Humanität.

Die Autorin leitet die Arbeitsstelle für Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz

Weihnachten. Das Wagnis der Verwundbarkeit

Von Hildegund Keul. 2. Auflage, Patmos 2015. 144 Seiten, geb., € 13,40