Natürlich künstlich

Chemikalien erleichtern das Leben erheblich. Sie schaffen allerdings eine Art zweiter Natur, die in Konflikt mit dem naturgegebenen Lebensraum gerät.

Als ich die Bücher, die mein Vater bei seinem Tode hinterlassen hatte, durchgesehen habe, waren viele Prospekte, Firmendarstellungen und Sachinformationen über die chemische Industrie dabei. Danach hat die Chemie das Leben farbig, bequemer, sicherer und längerlebig gemacht.

Diese Behauptungen lassen sich aus meiner Lebenserfahrung gut belegen. Da gab es Farben für Textilien: die hielten der UV-Strahlung stand. Sie waren nicht nur lichtbeständig, sondern auch beliebig mischbar und schweißecht und waschbar. Oder Pestizide, die das mühselige Kartoffelkäferlesen, das Zupfen der Gewächse zwischen den Pflastersteinen im Hof, die Sicherung der Lebensmittellager gegen Schädlinge und das Schrubben der Schiffsrümpfe gegen die Seepocken ersparten. Oder imprägnierte Kunststoffteile, die ein schnelles Verbrennen von Fernsehern oder Computern verhinderten oder die Naturfasergewebe, die tropensicher waren, also dem biologischen Zerfall Widerstand entgegensetzten, usw.

Und schließlich gab es den alten Sebastian Kneipp mit seinen Naturheilverfahren, an die man glauben konnte oder auch nicht. Heute wirft der Kranke sich dank der Chemie eine Pille rein oder schluckt einen Saft und schon geht es zu wie bei den Heinzelmännchen: eh man's gedacht, ist man gesund und kann weitermachen wie bisher, ohne sich ändern zu müssen.

Der Januskopf der Chemie

Es waren wunderbare Zustände. Die Argumente sprachen alle für die Chemie und ihre Produkte. Bis, ja bis Rachel Carson ihr berühmtes Buch "Der stumme Frühling" veröffentlichte. Immer deutlicher trat der Januskopf der chemischen Produkte zu Tage: Wir stellen den Umschlag guter Absichten in schädliche Ergebnisse, die Anreicherung im Fettgewebe durch die Nahrungsketten, die Nebenwirkungen toxischer, gentoxischer, mutagener und terratogener Eigenschaften, die unbeabsichtigten hormonellen Wirkungen, die Verteilung in der natürlichen Umwelt, die Verdriftung in kalte Klimazonen fest. Es gibt keine Wirkung ohne Nebenwirkung. Die Arbeit der letzten 50 Jahre bestand eigentlich im Wesentlichen darin, der erwünschten Wirkung der chemischen Produkte die unerwünschten Nebenwirkungen gegenüber zu stellen und Vor- und Nachteile abzuschätzen. Der Fortschritt zeigt nicht mehr so eindeutig vorwärts.

32 Eierdotter-Farben

Die Beurteilung wurde deshalb immer schwieriger, weil nicht mehr von den Produktionsanlagen der Chemie die eigentliche Gefahr ausging, sondern von den vielen Produkten, wie Arzneien, Pestiziden, Weichmachern, Tensiden, die aus gutem Grund verwendet werden und die sehr negative Wirkungen auf die Umwelt mit sich bringen können. Meine Lieblingslektüre ist immer noch der Feinchemikalienkatalog der Firma "Röhm und Haas". Da werden die Segnungen der Chemie erst richtig offenkundig, wenn man erkennt, dass 32 Eierdotter-Farben bei der EU zugelassen sind, dass 8.000 Textilchemikalien angewendet werden oder etwa 1.000 Chemikalien die Qualität der Backwaren erhöhen sollen.

Die Chemie erleichtert unser tägliches Leben. Sie verspricht uns Zeit- und Lustgewinn, macht das Leben bunt. Sie schützt die Vorräte vor Schädlingen. Sie tröstet bei Enttäuschungen und Frust und schließlich fördert sie unser Wohlbefinden und manchmal sogar die Gesundheit. Für viele von uns bringt die Chemie erst die Erleichterungen, die wir als fortschrittlich empfinden.

Aber chemische Produkte liefern häufig eine ganz andere Lebensqualität, als wir bisher kannten. Es ist die Qualität einer zweiten Natur, mit der wir erst umzugehen lernen müssen. Und sie haben einen Januskopf, wie wir heute wissen. Keine Wirkung ist ohne Nebenwirkung. Man muss diese allerdings kennen und bei der Anwendung die Entscheidung treffen, ob die erwünschte Wirkung die unerwünschten Nebenwirkungen rechtfertigt.

Der Januskopf ist häufig anfänglich nicht sichtbar und erst wissenschaftliche Beobachtung und Neugier beschreibt Jahre später die nicht erwarteten Wirkungen.

Einem Zeitungsausschnittdienst entnehme ich wahllos ein paar Meldungen aus der ersten Hälfte des Jahres 2003, die die Wirkung von Chemikalien beschreiben:

" Die angeblich beobachtete hormonelle Wirkung in der Umwelt unter anderem durch Waschmittelzusätze wie Nonylphenol, den Antibabypillenwirkstoff Ethinyl-Estradiol und den Weichmacher Diethylhexylphthalat (DEHP).

" Abbau des Desinfektionsmittels Triclosan mittels Sonnenlicht zu Dioxin.

" Die Entwicklung von Antibiotikaresistenzen durch antibakterielle Putzhilfsmittel und sonstige Desinfektionsmittel (Biozide).

" Halone und die Auswirkungen auf das Ozonloch, wobei der Ozonschild der Erde der Schutz vor UV-Strahlung ist; in den Fällen, wo der Schutzschild fehlt, wird die Erde und ihre Lebewesen ungeschützt mit UV-Strahlung bestrahlt.

" Duft- und Riechstoffe fördern Allergien. Die Zunahme von allergischen Reaktionen in der Bevölkerung ist erschreckend. Die Anzahl der als Allergene erkannten Stoffe nimmt zu.

Stets neue Überraschungen

Ich denke diese unvollständige Auflistung reicht aus, um daraus eine Reihe von Schlüssen zu ziehen:

" Es gibt ein enges Zusammenspiel zwischen Xenobiotika (das sind künstlich synthetisierte Chemikalien) und der Natur. Teilweise ist es bekannt, teilweise kennen wir es noch nicht. Wir können deshalb nur die Wirkungen prüfen oder vorhersagen, die wir kennen.

" Das Zusammenspiel wirkt in einem chaotischen, komplexen System, das nicht vorhersehbar reagiert und uns immer wieder überrascht.

" Untersucht und geprüft wird, was man ohnedies schon weiß und erkannt hat. Was aber noch lange nicht heißt, dass aus den Untersuchungsbefunden Konsequenzen gezogen werden.

" Neue Erkenntnisse sind häufig das Ergebnis von Zufällen, persönlicher "Neugier" und zunehmender Kenntnis über die Bedeutung von Zusammenhängen im cartesianischen Denken. Eine systematische Datenerfassung (Registrierung) und schnelle Einschätzung ist dringend erforderlich.

" Um solche Erkenntnisse systematisch zu gewinnen, wäre eine große Anstrengung nötig, die Interesse, Geld, Know how und Kapazitäten bündelt. Es entstünde eine Quelle der Innovation.

" Die Wirkung von Chemikalien ist oft unabhängig von der Zeit, den Räumen und dem Zweck ihrer Anwendung. Das Wissen von heute ist häufig das Unwissen von gestern - und warum sollte dies heute nicht mehr so sein, wenn man die Zukunft betrachtet.

" Die Beobachtung, dass, wenn von einem Stoff jährlich etwa 80.000 Tonnen hergestellt und vermarktet werden, dieser sich weltweit verteilt, scheint zuzutreffen. Es gibt keine Gegend unseres Erdballs mehr, die von Xenobiotika frei wäre.

Es ist wie beim Krimi ...

Der von der Chemie gestaltete Fortschritt geht somit oft mit einem Misserfolg, die Umwelt betreffend, einher. Die Grenze ist außerordentlich flexibel und der Beurteilende darf nicht schon beim ersten Anschein den Stab brechen. Es ist wie beim Krimi: Die Lösung ist häufig ganz anders, als das anfängliche Problem vermuten ließ. Man könnte die These vertreten, bestimmte Stoffe und Produkte sind nur solange fortschrittlich, solange man ihre Nachteile nicht kennt. Nicht einmal die Einsicht von Paracelsus wäre noch gültig: "dass es von der verwendeten Konzentration abhängt, ob ein Stoff ein Gift ist oder nicht", wenn man an die Aufkonzentrationen von Stoffen in Nahrungsketten denkt.

Die Chemie und ihre Produkte wurden so lange nicht kritisiert, als ihr Januskopf nicht erkannt war. Keine Wirkung ist aber ohne Nebenwirkung. Wenn sich diese Nebenwirkungen als schädlich, als nicht akzeptabel für das natürliche System erweisen, in dem wir leben und dessen Teil wir sind, dann wird aus dem Erfolg ein Misserfolg, dann brauchen wir Veränderungen: von den Herstellungsverfahren, von den Produkten und Gütern, von der chemischen Industrie, von der Bürokratie und von uns.

Der Autor war Direktor und Professor beim Umweltbundesamt in Berlin. Sein Beitrag ist ein Auszug aus dem Eröffnunsvortrag beim Oberösterreichischen Umweltkongress 2003.

Natürlich - künstlich - chemisch

Wo bleibt die Lebensqualität?

lautet das Generalthema des Oberösterreichischen Umweltkongresses 2003. Er findet vom 3. bis 5. September im Kongress & TheaterHaus in Bad Ischl statt. Info und Anmeldung: Oö. Akademie für Umwelt und Natur, 4021 Linz, Stockhofstr. 32, Tel. (0732) 7720 144 02.

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