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Naturwissenschaft und ihre Grenzen

1945 1960 1980 2000 2020

Erst wenn sich alle über die Grenzen von Erkenntnis und Wissenschaften einigen, ist eine unpolemische Diskussion zu Naturwissenschaft und Religion möglich. Erwiderung auf Johannes Huber (FURCHE 3/19).

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Erst wenn sich alle über die Grenzen von Erkenntnis und Wissenschaften einigen, ist eine unpolemische Diskussion zu Naturwissenschaft und Religion möglich. Erwiderung auf Johannes Huber (FURCHE 3/19).

Die Entstehung moderner Wissenschaften in der europäischen frühen Neuzeit war - sehr grob skizziert -durch drei Prozesse gekennzeichnet. Der erste war jener der Säkularisierung im Sinne einer Trennung der wissenschaftlichen Disziplinen und ihrer Emanzipation von der Vorherrschaft der Theologie und Scholastik. Die funktionale Differenzierung von religiöser und säkularer Sphäre implizierte, dass Trennungen in verschiedene wissenschaftliche Disziplinen wechselseitig anerkannt wurden. Der Jurist Alberico Gentili forderte daher sinngemäß: "Mögen sich die Theologen aus Fachgebieten heraushalten, die nicht die ihren sind." Im Gegenzug hielten sich die neu etablierten Wissenschaften aus der Theologie heraus.

Der zweite Prozess war die zunehmende Orientierung an Erfahrung. Der Bezug auf Anschauungen, Tatsachen und Beweise ermöglichte eine gemeinsame Welt, in der man sich auf grundlegende Erkenntnisse einigen und miteinander kommunizieren konnte. Aus diesen beiden Prozessen ergab sich die allmähliche Trennung von Wissen (das sich auf wissenschaftlich systematisierte Erfahrungen beruft) und Glauben, der sich auf jenen Bereich bezog, der jenseits der Erfahrung lag, also "erfahrungstranszendent" war. In diesem Bereich des Glaubens und der Metaphysik gibt es keine Erkenntnisse mehr, die letztlich immer auf Erfahrung -die Empirie - Bezug nehmen.

Grenzüberschreitungen

Gegen diese sehr nachvollziehbare Wissenschaftstheorie formierte sich im 20. Jahrhundert Kritik, unter den Bannern "Wissenschaftskritik", "reduktionistisches Verständnis" und "Postmoderne". Sie macht es in der Gegenwart einfach, das Spiel der Grenzüberschreitungen zu pflegen: etwa mit dem Argument, dass alles "irgendwie" zusammenhänge und die moderne Wissenschaft künstliche Trennungen vollzogen habe, die den Phänomenen nicht gerecht werde (das wäre etwa ein holistischer Ansatz).

Beispiele für Grenzüberschreitungen gibt es viele. So argumentierte der Psychologe und Schamane August Thalhamer in der Debatte um den "Schutzring" für das neue Wiener Krankenhaus Nord für die Legitimität esoterischer Annahmen ("Ein Schutzring ist kein Humbug", Standard, 7.4.2018). Sie sind die neuen Metaphysiker der Gegenwart. Die empirisch orientierte Naturwissenschaft wird als reduktionistisch und einseitig abgelehnt, wahre Erkenntnis liegt angeblich jenseits von Erfahrung und methodisch vorgehender Naturwissenschaft. Inhaltlich ist dieses Lager sehr heterogen, hier wird fast alles behauptet, denn in der Metaphysik können wir uns alles denken, "solange ich mir nicht selbst widerspreche", wie Kant einmal angemerkt hat. Fallweise wird auch mit eklatanten Selbstwidersprüchen eher locker umgegangen. Jedenfalls ist eine metaphysische Spekulation keine Erkenntnis.

Auch der Mediziner und Theologe Johannes Huber ist ein Vorkämpfer für diese neue Metaphysik. Wer einmal seine eigenen Scheuklappen ablege, würde einsehen, dass die Wissenschaft "das Unsichtbare entdeckt"(so ein Buchtitel) und sogar die Ewigkeit (!) erforscht werden könne. Grenzen der Erkenntnis gibt es offensichtlich keine mehr. Wer möchte kann "hinter das Hirn", "hinter die Organe", sogar "hinter unser Menschsein" oder "hinter die Natur" schauen (Johannes Huber, "Es existiert. Die Wissenschaft entdeckt das Unsichtbare", 2016).

Nicht ganz klar ist, was Huber eigentlich will. Möchte er nachweisen, dass der Glaube an metaphysische Inhalte "intellektuell redlich" sein kann (FURCHE 3/2019)? Dazu ist die Naturwissenschaft nicht nötig; dazu braucht man eine gediegene Philosophie. Der Glaube an Engel wird weder plausibler noch unplausibler, weder vernünftiger noch unvernünftiger durch den Hinweis, wie Photonen agieren. Soll der Glaube durch die Naturwissenschaft gestützt, vielleicht sogar bewiesen werden, etwa mit einem apodiktischen bzw. dogmatischen "Es existiert"? Was ist das dann für ein Glaube? Soll der Glaube verteidigt werden, und hat er das überhaupt nötig? Jede seriöse Wissenschaftlerin wird die Grenzen ihrer eigenen Disziplin sowieso anerkennen und sich davor hüten, metaphysische Aussagen in einem Fachgebiet zu machen, das nicht das ihre ist.

Argumente, die nicht überzeugen

Die Ergebnisse von Hubers Überlegungen sind schon aus methodischen Gründen enttäuschend. Die Grenzen zwischen Hypothesen und Tatsachen, zwischen Denken und Erkennen, zwischen möglichen und wirklichen Welten, zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft verschwimmen. Hier ist Alwin Schönberger zuzustimmen ("Wenn Forscher haarsträubenden Unsinn verbreiten", Profil, 27.12.2017). Huber führt in seinem FURCHE-Artikel zwei Argumente an, die auch nicht überzeugen. Das erste Argument ist eine psychologische Unterstellung. Moderne Menschen hätten eine "Aversion gegen alles Übernatürliche", der Skeptizismus werde "zum Dogma erklärt", es gebe einen "Hurrikan der Rechthaberei","Leugnen ist die neue Religion"(so im neuesten Buch "Woher wir kommen. Wohin wir gehen"). Das ist leider unsachlich. Das zweite Argument geht so: die anderen -wie etwa Stephen Hawking -betreiben auch Metaphysik "ohne Bodenhaftung", warum soll ich dann nicht auch das Gleiche tun? Die Antwort kann nur lauten: den Physikern zeigen, wo sie nicht mehr empirisch vorgehen und die Grenzen des Erkennbaren überschreiten -statt ihnen bei der unzulässigen Grenzüberschreitung zu folgen.

Johannes Huber hat als Mediziner und Theologe ein sinnvolles Anliegen, nämlich den Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie in Gang zu bringen. Dieser Dialog wird nicht stattfinden, wenn die Naturwissenschaft durch Huber so verbogen wird, dass am Ende eine Pseudowissenschaft herauskommt. Stattdessen wird es weiter viel Polemik geben, wo der Theologe Huber seinen Gegnern Scheuklappen oder Blindheit vorwirft und diese ihn -in Anlehnung an Nietzsche - als "Hinterweltler" verspotten. Für den gibt es nämlich hinter, über oder unter der Welt noch eine zweite, unsichtbare,"eigentliche" oder "wirkliche" Welt, die nur ausgewählten Weisen zugänglich sein soll.

Holm Tetens ("Gott denken: Ein Versuch über rationale Theologie", 5. Aufl., 2015) und Volker Gerhardt ("Der Sinn des Sinns. Versuch über das Göttliche", 4. Aufl., 2017) haben in den letzten Jahren gezeigt, wie der Dialog mit der Naturwissenschaft funktionieren kann. Ausgangspunkte sind in beiden Fällen die grundsätzlichen und unhintergehbaren Unterscheidungen zwischen empirischer Wissenschaft und philosophischer Reflexion, zwischen Erkennen und Denken, zwischen dem Versuch, den Glauben zu überdenken und dabei die Wissenschaft Wissenschaft bleiben zu lassen.

Beide Male ist bescheiden von "Versuchen" die Rede. Tetens weist die innere Widersprüchlichkeit von naturalistischen und monistischen Philosophien nach. Er sieht die theistische These als die stärkere Möglichkeit im Vergleich zur naturalistischen These auch im Blick auf die Resultate der Naturwissenschaft. Bei Gerhardt ist es genau unsere Einsicht in die immer schon begrenzte Erkenntnis und damit in die Grenzen der Wissenschaften, die nach einer Sinnperspektive verlangt. Den Sinn könne man "in Übereinstimmung mit einer zweieinhalbtausendjährigen philosophischen Tradition das Göttliche nennen, das in der Suche nach einem personalen Gegenüber als Gott angesprochen werden kann". Diese umfassende Sinnperspektive ist allerdings eine Sache des Glaubens und der Hoffnung.

Hier wird versucht, eine rationale Theologie zu begründen, ohne den modernen Wissenschaften den Krieg zu erklären. Das hilft wohl mehr dem Anliegen des Glaubens als unsystematische metaphysische Spekulationen, die als solche nicht selbstreflexiv ausgewiesen werden.

Der Autor ist Dozent und Lehrbeauftragter für Philosophie an der Universität Wien

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