Neue Kirchenchefs für Slowakei

Rom verfügte eine drastische Änderung der Diözesanstrukturen beim östlichen Nachbarn: Römisch- wie griechisch-katholische Slowaken sind von der Neuordnung betroffen.

Da bedurfte es schon eines päpstlichen Legaten, um die Neuigkeiten zu verkünden: Per 14. Februar 2008 ist das Territorium der bisherigen Erzdiözese Bratislava-Trnava auf vier Diözesen aufgeteilt - Bratislava, Trnava, Nitra und Banská Bystrica - und eine Diözese im Norden des Landes - in Žilina - völlig neu errichtet worden. Der Metropolitansitz der westlichen Kirchenprovinz wird von Trnava nach Bratislava verlegt, wobei Tyrnau/Trnava, das "slowakische Rom", aber nicht völlig abgehalftert wird, sondern - eine weltkirchliche Rarität - zur suffraganen, also dem Metropolitansitz untergeordneten Erzdiözese mutiert.

Mindestens ebenso brisant sind die personellen Entscheidungen, die der emeritierte slowakische Kurienkardinal Jozef Tomko in der Pressburger Nuntiatur bekannt gab: Der bisherige Erzbischof von Bratislava-Trnava, Ján Sokol, ist vom Metropoliten zum Erzbischof von Tyrnau herabgestuft worden, nur das Pallium, das Kennzeichen des Metropoliten, darf er bis an sein Lebensende tragen. Sokol selbst äußert zwar, er habe nicht mehr nach Pressburg umziehen wollen, bloß um womöglich in ein paar Monaten abermals die Koffer packen zu müssen - er wird im Herbst dieses Jahres 75 und muss demnächst das vorgeschriebene Rücktrittsgesuch nach Rom schicken. Doch gerade dass man nicht diese Gelegenheit abwartete, macht deutlich, dass es sich um eine Degradierung handelt.

Rote Schatten

Sokols Zusammenarbeit mit dem kommunistischen Staatssicherheitsdienst, über die im Lauf der Jahre immer neue Details an die Öffentlichkeit drangen, zumindest aber sein Umgang mit diesem Kapitel seines Lebens sowie seine Verteidigung des Slowakischen Staates von Hitlers Gnaden haben den jovialen Prediger offenbar auch für den Vatikan zur Belastung werden lassen. Die neue Orgel im Pressburger Martinsdom, die zu seinem 75. Geburtstag erstmals erklingen sollte, wird wohl schon sein Nachfolger einweihen.

Auch dieser, Stanislav Zvolenský, scheint in einem Verzeichnis der Stasi als Vertrauensmann auf, doch ist dies nach einem Urteil des Verfassungsgerichts nicht als Kategorie der Mitarbeit zu betrachten, und die Medien schenken den diesbezüglichen Versicherungen des Sprechers des "Nationalen Gedenkinstituts" Glauben. Dies wohl schon deshalb, weil der neue Erzbischof zum Zeitpunkt der Wende von 1989 erst 31 Jahre alt war.

Generationenschub

Der neue Oberhirte in Pressburg wie auch der erste Bischof von Žilina, der 58-jährige Tomáš Gális, markieren nämlich einen echten Generationenwechsel. Beide waren bisher Weihbischöfe - Zvolenský in Trnava, Gális in Banská Bystrica. Beide haben beachtliche pastorale Erfahrung in Pfarren gesammelt - Zvolenský acht, Gális vierzehn Jahre lang. Und beide haben auch im Ausland studiert - Zvolenský in Innsbruck und an der Gregoriana in Rom, Gális in Krakau. Zvolenský ist promovierter Kirchenrechtler, Gális war neun Jahre lang Regens des Priesterseminars in Badín unter den Fittichen von Bischof Baláž, der zusammen mit dem früheren Nuntius Nowacki bei der diözesanen Neuorganisation federführend war.

Dass diese so lang auf sich hat warten lassen, lag wesentlich an der Widerspenstigkeit der Diözese Nitra, deren Bischofsstadt fast völlig von der Erzdiözese Bratislava-Trnava umklammert war, während ihr Hauptgebiet weit entfernt lag. Erst mit dem Rücktritt von Kardinal Ján Chryzostom Korec, der sich als Diözesanbischof entschieden gegen jede Veränderung des historischen Zustands gewehrt hatte, wurde es möglich, Žilina von Nitra abzutrennen. Zum Ausgleich reicht die Diözese Nitra jetzt bis zur Donau.

Leuchtet die Leitlinie bei der neuen Grenzziehung, wonach die Bischöfe ihren Gläubigen nahe sein sollten, durchaus ein, so wurde auf einen Teil derselben jedenfalls nicht Rücksicht genommen: Anstatt den slowakischen Ungarn einen eigenen Bischof zu geben, wie die SMK, die Partei der ungarischen Koalition, erst vor kurzem vehement gefordert hatte, ist die Volksgruppe jetzt statt auf drei auf sechs Diözesen verteilt. Zu tief sitzt die Angst vor Autonomie- oder gar Sezessionsbestrebungen an der südlichen Landesgrenze. Ein Bischofssitz in Žilina, der Hochburg der Slowakischen Nationalpartei, ist zu verkraften, einer im geografisch ebenso zentralen Komorn an der Grenze zu Ungarn hingegen undenkbar.

Go West

Unzufrieden sind auch die slowakischen Ruthenen, doch da die griechisch-katholische Kirche in der Ostslowakei mittlerweile großteils slowakisiert ist, überwog bei den Feierlichkeiten zur Erhebung Prešovs/Preschaus zur Metropolie und Košices zur Eparchie am 17. und 18. Februar eindeutig die Freude. Für die Unierten, die 1950 gewaltsam der orthodoxen Kirche einverleibt worden waren, ist ihre kirchenrechtliche Aufwertung eine Satisfaktion, ein Wunder der Auferstehung. Sie erleben derzeit eine wahre Blütezeit - alljährlich muss im Preschauer Priesterseminar die Hälfte der Bewerber aus Platzgründen abgewiesen werden. Und auch diese Kirche ist jetzt in der Hauptstadt angekommen, zwingt doch die hohe Arbeitslosigkeit in ihrem Stammgebiet viele Gläubige zu einem Exodus Richtung Westen: Kardinal Tomko weihte Peter Rusnák zum ersten Bischof der neu errichteten Eparchie Bratislava.

Die doppelte Aufwertung Pressburgs bedeutet für die katholische Kirche beider Riten nicht nur die Anerkennung der Urbanisierung des Landes, sondern auch eine Öffnung nach Westen. Schon beim Ad-Limina-Besuch der slowakischen Bischöfe im Vorjahr war diesen eingeschärft worden, sie mögen die Zeichen der Zeit erkennen; zumal Ján Sokol dürfte das gar nicht gern gehört haben, hatte er doch alles getan, seine Theologische Fakultät von westlichen Einflüssen abzuschotten. Nicht dass jetzt in der Slowakei die liberale Theologie Einzug halten solle, aber man müsse sich ihr stellen, so die von Benedikt XVI. vorgegebene Losung. Bewusst wurde für die Bekanntgabe der kirchlichen Neuorganisation der Festtag der Slawenapostel Kyrill und Method gewählt, die von Johannes Paul II. auch zu Mitpatronen Europas erklärt worden waren.

Neuer starker Mann

Der neue Pressburger Metropolit dürfte dem römischen Anforderungsprofil optimal entsprechen. Er sei "geschickt und redegewandt, aber auch mit spirituellem Tiefgang", so Bischof Baláž über Stanislav Zvolenský, und er verstehe es, sachlich zu argumentieren. Auf jeden Fall geht die Zeit der Gerontokratie zu Ende - alle drei Diözesanbischöfe der östlichen Kirchenprovinz nähern sich so wie Ján Sokol der Altersgrenze von 75 Jahren, die beiden Kardinäle Tomko und Korec sind schon 84.

Und vielleicht hat der neue Mann in der Hauptstadt, der am 8. März in sein Amt eingeführt wird, auch das Zeug zur Führungspersönlichkeit. Denn seit der Samtenen Revolution 1989 weiß niemand, wer in der katholischen Kirche der Slowakei eigentlich das Sagen hat: Ist es Bischof Tondra, der in der fernen Zips sitzende derzeitige Vorsitzende der Bischofskonferenz, oder sein Vorgänger Baláž? Ist es Ján Sokol oder ist es der als Bischof emeritierte Kardinal Korec, der vom linkspopulistischen Ministerpräsidenten Fico in nachgerade aufdringlicher Weise hofiert wird?

Für die slowakischen Medien ist jedenfalls klar: Der neue Chef heißt Stanislav Zvolenský.

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