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Neue Sehnsucht nach Religion?

"Kirchliche" Religiosität nimmt rapide ab. Das bedeutet aber keinesfalls, dass Religion für die Menschen eine weniger wichtige Rolle spielt. Auszug aus der Analyse des Religionssoziologen winfried gebhardt beim Symposium "Sehnsucht nach Religion" in Stift Rein bei Graz.

Wenn man Religion ausschließlich als kirchlich verfasste Religion versteht, dann lässt sich von einer neuen Sehnsucht nach Religion - jedenfalls in Europa - kaum sprechen. Die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt weiter, ebenso die Zahl der Gottesdienstbesucher. Neuere Umfrageergebnisse zeigen, dass das Vertrauen in die Institution Kirche sich einem Tiefpunkt nähert und dass immer weniger Menschen an zentrale dogmatische Aussagen des Christentums glauben.

Daran ändern auch nichts jene medial hochgepeitschten religiösen Mega-Events wie der Weltjugendtag oder die Begräbnisfeierlichkeiten für Johannes Paul II., in denen nicht wenige Kirchenfürsten eine neue Sehnsucht nach Religion entdecken wollen. Nur um die Größenordnung richtig einzuschätzen: In Köln beim Weltjugendtag waren 400.000 fest angemeldete Besucher aus der ganzen Welt. Eine Woche vorher waren 1,3 Millionen aus der Schweiz, Österreich und Deutschland auf der Street-Parade, einem Techno-Spektakel, in Zürich.

Kirchlich verfasste Religion verliert also in Europa an Bedeutung. Heißt das aber wirklich, dass Religion für das Leben der Menschen immer weniger eine wichtige Rolle spielt? Oder heißt das nur, dass wir einen Prozess der Entkirchlichung erleben und dass sich die Sehnsucht nach Religion in anderen als den kirchlichen Formen Ausdruck verschafft?

Wenn man Religion nicht ausschließlich kirchlich verfasst versteht, sondern offener, als im Transzendenten verankerte Weltbilder, die dem Leben Sinn und Richtung geben, dann kann von einem Bedeutungsverlust der Religion keine Rede sein. Dann entdeckt man - jenseits der kirchlich verfassten Religion und teilweise auch schon in ihr - eine blühende religiöse Landschaft - freilich eine solche ohne feste und eindeutige Konturen.

Hier ist fast alles zu finden, was das Warenhaus des Religiösen so anbietet: von östlichen Glaubensfragmenten und Meditationstechniken - wie der Reinkarnationslehre, Reiki, Shiatsu, Tai Chi, Zen - über religiöse und esoterische Geheimlehren und Praktiken - wie die Kabbala, den Sufismus, das Wissen der keltischen Druiden, der alten Indianer oder der mittelalterlichen Hexen - bis hin zu christlich-mystischen Traditionsbeständen wie der frühchristlichen Gnosis, den Lehren Meister Eckeharts oder der Hildegard von Bingen.

Manchmal verdichten sich diese religiösen Sehnsüchte in so genannten religiösen Szenen (wie den Neuen Geistlichen Gemeinschaften, der Gothic-Szene oder den spezifischen Esoterik- oder Okkult-Szenen), in der Regel schweben sie aber eher frei im gesellschaftlichen Raum. Dieser Befund wird auch durch neuere Ergebnisse der empirischen Religionsforschung gestützt.

Das wichtigste Kennzeichen dieses Transformationsprozesses, dem die Religion - jedenfalls im westlichen Europa - unterliegt, lässt sich als die Selbstermächtigung des religiösen Subjekts bezeichnen. Gemeint ist damit Folgendes: In der Vergangenheit lag religiöse Kompetenz fast immer in den Händen von amtlich bestallten intellektuellen Hütern der religiösen Wahrheit, die diese Wahrheit - zumeist in Kooperation mit dem staatlichen Gewaltapparat - für sozial verbindlich erklärten und Abweichler sozial sanktionierten, teilweise unter Einsatz drastischer Mittel. Genau diese institutionelle Kompetenz wird aber heute immer stärker in Frage gestellt.

I. Der Trend zu "Verszenung" und "Eventisierung"

Religion wird zunehmend ortlos, die herkömmliche Kirchengemeinde löst sich als lebendige Einheit auf. Die bisherigen kirchlichen Organisationsstrukturen bestehen zwar weiter fort, werden aber zunehmend von "religiös Interessierten", gleich ob es sich dabei um Kirchenmitglieder handelt oder nicht, als "geistlos", "beengend", "kalt", "distanziert" und "unpersönlich" erlebt. Im subjektiven Empfinden vieler "religiös Interessierter" herrscht die Meinung vor, dass die "bürokratisierte Struktur" der Kirchen den "religiösen Geist", die "Spiritualität" abgetötet habe.

Dementsprechend sind neue Organisationsformen des Religiösen zu beobachten. Die Individualisierung der Religion führt nicht in Strukturlosigkeit, sondern zu neuen Umstrukturierungen des sozialen Lebens. Diese neuen Organisationsformen lassen sich als "Szenen" begreifen, als Gruppen von Menschen, die für eine gewisse Zeit ein gemeinsames Interesse teilen und deswegen zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten zusammenkommen. Im religiösen Feld gruppieren sich Szenen oftmals um "charismatische" Personen.

Der "etwas besondere Seelsorger und Prediger", zu dem die Leute in den Sonntagsgottesdienst von weither anreisen, sprengt ebenso das Pfarr-Prinzip und gründet religiöse Szenen wie Frère Roger Schutz mit seiner Taizé-Bewegung, Chiara Lubich mit ihrer Fokolare-Bewegung oder christlich-charismatische "Heiler" und "Zen-Meditations-Benediktiner", die Seminare und Tagungen anbieten. Religiöse Szenen gruppieren sich aber auch oft um "offene Institutionen", wie es der "Weltgebetsstag der Frauen" oder der Weltjugendtag sind.

In der Regel lässt sich sagen, dass Menschen, die sich in religiöse Szenen begeben, am Leben ihrer Herkunftsgemeinde nicht mehr interessiert sind. Denn im Vergleich zu herkömmlichen religiösen Sozialformen sind Szenen weitaus offener, in ihrem Normierungsanspruch unverbindlicher und in Weltdeutungsanspruch individualistischer. Wenn einem das Angebot nicht mehr gefällt, dann geht man wieder. In Szenen kann man seine religiösen Bedürfnisse befriedigen, ohne sich dauerhaft binden zu müssen. Dementsprechend häufig lässt sich auch ein "Wandern" von religiöser Szene zu religiöser Szene beobachten.

Eng mit der Verszenung hängt nun der Trend zur Eventisierung der Religion zusammen, weil locker und offen organisierte Szenen nur auf so genannten "Events" ihr zur Aufrechterhaltung der "Gemeinschaft" notwendiges Wir-Gefühl aktualisieren, herstellen und intensivieren können. Events sind Veranstaltungsformen, die - perfekt organisiert und zumeist monothematisch zentriert - unterschiedlichste Erlebnisinhalte und -formen zu einem nach primär ästhetischen Kriterien konstruierten Ganzen zusammenbinden.

In einer sich zunehmend differenzierenden, ja partikularisierenden Welt scheinen Events eine der wenigen Möglichkeiten zu sein, die es noch erlauben, die Erfahrung von "Einheit" und "Ganzheit" zu machen, weil sie Erlebnisformen anbieten, die nicht nur den Intellekt, sondern alle Sinne ansprechen. In den letzten Jahren können wir eine sprunghafte Zunahme von religiösen Events feststellen: die katholischen Weltjugendtage mit dem "Superpapst als Popstar", die europäischen Jugendtreffen von Taizé, die Missionsdiscos der evangelikalen Pro-Christ-Bewegung, Esoterikmesen mit christlich- mikrobiotischen Programm, das Wave-Gothic-Festival in Leipzig locken Hunderttausende an. Interessant ist die Beobachtung, dass an solchen Events sehr viele Menschen teilnehmen, die zu Hause mit ihrer lokalen Kirche nichts zu tun haben und auch nichts zu tun haben wollen.

II. Das schöne spirituelle Erlebnis suchen

Im Zentrum der heute zu beobachtenden Sehnsucht nach Religion stehen nicht mehr die diskursive, theologische Auseinandersetzung um die Verantwortung der Christen für Gesellschaft und soziale Gerechtigkeit. Die Befreiungstheologie ist ebenso "out" wie der politische Katholizismus. Die Menschen heute wollen nicht mehr diskutieren, sie wollen spirituelle Erlebnisse haben und sich dabei wohlfühlen.

Diese Trends hin zur Spiritualisierung und Ästhetisierung der Religion sind Teil einer umfassenderen gesellschaftlichen Entwicklung, der vom Soziologen Gerhard Schulze diagnostizierten akzelerierenden Erlebnis-Orientierung in "spätmodernen" Gesellschaften, die sich alle, wie er sagt, dem Projekt des "schönen Lebens" verschrieben haben: Bedingt durch das Ansteigen des Lebensstandards, die quantitative Zunahme der Freizeit, die Expansion der Bildung, den technischen Fortschritt im Allgemeinen, der revolutionären Vervielfältigung medialer Angebote im Besonderen und der Auflösung starrer biografischer Muster wandelt sich in allen sozialen Schichten und Milieus auch der Bedeutungsinhalt dessen, was ein Erlebnis sein soll.

Der verantwortungsvolle Außenbezug auf das Ganze geht zunehmend verloren. Erlebnis wird immer mehr als ein rein innenbezogener Vorgang begriffen. Das momentane Glücksempfinden, die den Alltag sprengende "außeralltägliche" Erfahrung, das "schöne Gefühl", der "ultimative Kick" - flüchtige Situationen dieser Art werden zum Inbegriff des Erlebnisses.

Der Trend zur Spiritualisierung der Religion muss im Rahmen dieser allgemeinen Entwicklung betrachtet werden. Er ist - jedenfalls im amtskirchlichen Kontext - nur angemessen als Protestbewegung zu verstehen, beinhaltet er doch deutlich zu erkennende anti-institutionelle (gegen Kirche und Universitätstheologie gerichtete), anti-intellektuelle (gegen die so genannte Wortfrömmigkeit gerichtete) und anti-rationalistische (gegen den Primat der Vernunft gerichtete) Elemente.

* Spiritualisierung verweigert sich der Unterwerfung unter die normativen Vorgaben der institutionalisierten Religion und dem Machtanspruch ihrer Führer und stellt die eigene religiöse Kompetenz in den Mittelpunkt. Es ist der Einzelne, der seinen eigenen Weg hin zu "Gott" zu finden hat - und der Weg, der dahin führt, ist ein individueller Weg.

* Spiritualisierung richtig sich gegen eine - unterstellte - starre und lebensfremde Universitätstheologie und Kirchendogmatik. In der einen (häufigeren) Variante vertritt sie eine ich-zentrierte Wohlfühl-Religion, in deren Mittelpunkt "individuelles Wohlbehagen" steht und die sich gegen "lebensfeindliche" und "lustfeindliche" Lehre und Praxis der "Amtskirche" richtet. Dementsprechend spielen hier die klassischen Fragen der Religion wie "Schuld", "Sünde", "Gerechtigkeit", "Vergebung", "Gehorsam" oder die Erklärung des "Bösen" nur eine unbedeutende Rolle.

* Spiritualisierung richtet sich gegen die Parzellierung der religiösen Erfahrung, gegen die Dominanz der Vernunft und des Wortes als einzig legitime Quelle religiöser Erkenntnis. Gesucht wird hingegen nach ganzheitlichen, authentischen, echten Erfahrungen des "Göttlichen" - was in der Regel entweder zur Orientierung an "pantheistischen", "naturreligiösen" Vorstellungsmodellen, zur geforderten Rückkehr zu den so genannten "Ursprungswahrheiten" oder zur "Reinheit der Schrift" oder aber zur Kombination von beidem führt.

Insbesondere aus diesem letztgenannten Widerstand leitet sich ein zweiter Trend hin zur Ästhetisierung der Religion ab, das heißt, dass zunehmend alte religiöse Rituale und Lebensformen oder neue religiöse Performances gesucht werden, die Religion auch körperlich und mit allen Sinnen, also anschaulich erfahren und gelebt werden lassen. Kerzengottesdienste, Lichterprozessionen haben Konjunktur.

Das mit Abstand attraktivste Angebot auf dem evangelischen Kirchentag in Frankfurt am Main war der "Feuergottesdienst". Auf dem Weltjugendtag war für die jugendlichen Teilnehmer das schönste und ergreifendste Erlebnis die spektakuläre Lichtinszenierung der Vigilfeier am Samstagabend. "Da ging mein Herz auf und ich habe Gott gespürt als ich die vielen Lichter gesehen habe!", sagte ein junges Mädchen. Kollektive Zen-Meditationen, liturgische und meditative Tänze, rhythmisches Klatschen und eingeübte, gestische Choreographien zu Sakro-Pop-Klängen finden immer mehr Interesse, weil sie im Bewusstsein der Teilnehmer die "ganzheitliche" Erfahrung von "Körper-Seele-Geist" ermöglichen. Gesucht wird überall das totale religiöse Erlebnis, das "ganz einfach schön ist", das einem "wohl tut" und einen für einen Moment "eins sein lässt mit dem Universum", oder die Geborgenheit einer in der Sicherheit der Tradition aufgehobenen festen Gruppe.

III. Ein magisches Religionsverständnis kehrt wieder

Das schöne spirituelle Erlebnis soll jederzeit abrufbar sein. Man will nicht darauf warten, man will nicht dafür arbeiten, vor allem will man dafür keine Entsagungen auf sich nehmen. Man will konsumieren. Deshalb geht die Selbstermächtigung des religiösen Subjekts mit einer zunehmenden Methodisierung und Technisierung des Religiösen einher. In entdogmatisierten, ich-zentrierten Frömmigkeitsstilen, in denen Wahrheit nicht mehr dogmatisch festgeschrieben und institutionell gesichert ist, wird "Wahrheit" individuell definierbar, interpretierbar und verfügbar und damit in letzter Konsequenz "unsicher" und "ungewiss".

Glaube besteht nicht mehr in der Akzeptanz vorgegebener Wahrheiten, sondern ist ein lebendiger Prozess - dynamisch, ungerichtet und unabgeschlossen. Der Weg wird zum Ziel, die Art und Weise, wie der Weg bewältigt wird, also die Methoden und Techniken des je spezifischen "Voranschreitens" treten in den Mittelpunkt des religiösen Erlebens. Die Form wird wichtiger als der Inhalt.

Gleichzeitig erobert eine pragmatische Einstellung zur Religion Terrain. Es geht darum, Angebote auszutesten. Dementsprechend gewinnen Bewusstseinssteigerungstechniken (wie Yoga, Zen etc.), Psychomethoden (wie Enneagramm, Märchen-Psychoanalyse à la Drewermann, Heilungsgottesdienste etc.), Körper- und Körpererfahrungstechniken (wie meditativer, liturgischer Tanz, Bibliodrama etc.) ebenso an Bedeutung wie die technisch vor- und durchorganisierte "totale" Spiritualitätserfahrung in religiösen Events oder die gewollte Unterwerfung unter traditionale Werte und Regeln nicht nur in Schweigeseminaren oder Erlebnis-Exerzitien. Das Religionsverständnis, das in solchen Praktiken zum Ausdruck kommt, ist aber ein explizit magisches: Ich gebe etwas dafür (in der Regel Geld), dass mir etwas gegeben wird, nämlich mein eigenes Wohlbefinden.

Die These vom Bedeutungsverlust der Religion in der modernen westlichen Gesellschaft greift zu kurz. Religion gibt es auch heute noch und wird es auch weiterhin geben. Ich gehe sogar davon aus, dass sie in ihrer offenen, kirchlich nicht gebundenen Form an Bedeutung weiter zunehmen wird. Entscheidend scheint zu sein, dass die institutionalisierte Religion, vor allem in Form der beiden christlichen Kirchen, ihr Kompetenzmonopol für Religion und damit ihre Herrschaft über das Verhalten und Handeln der Menschen weitgehend verloren hat.

Das heißt nicht, dass die Kirchen in nächster Zukunft verschwinden werden. Dazu sind sie als bürokratische Organisationen zu eng mit dem wohlfahrtsstaatlichen System moderner westlicher Gesellschaften verbunden. Sie werden als Dienstleistungsorganisationen auch weiterhin Anerkennung, als "moralische Mahner" in ökonomisch-politischen Auseinandersetzungen auch weiterhin Aufmerksamkeit finden. Als "Lebensführungsmächte", deren dogmatische Glaubensvorgaben und normative Handlungsanleitungen verbindlich zu befolgen sind, werden sie freilich immer unbedeutender.

Hier ist ihre Botschaft nur noch ein Angebot unter vielen. Klügere unter den Theologen und kirchlichen Amtsträgern haben diese Entwicklung hin zur Selbstermächtigung des religiösen Subjekts schon begriffen.

Der Autor ist Professor für Soziologie an der Universität Koblenz.

Redaktionell gekürztes Referat des Autors beim Symposium "Sehnsucht nach Religion" am 23. September in Stift Rein.

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