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Neues zulassen, sich auf vieles einlassen

Austausch

Reflexion innerhalb und außerhalb der Gemeinschaften, in denen sie mitleben, gehört für die Teilnehmer(innen) am Ordensjahr mit dazu.

In Ordensgemeinschaften mitzuleben, ist immer ein personales Geschehen. Wie wir hören, wird das gesucht. Deshalb steht die Einladung nach allen Seiten, hier mitzumachen. (Sr. Beatrix Mayrhofer)

Heute bin ich meinem Ziel einen großen Schritt näher", freut sich Birgit (vollständiger Name der Redaktion bekannt). Ihre Augen strahlen vor Begeisterung. Bereits vor Jahren tauchte sie für ein Wochenende in den Ordensalltag ein. Doch ein Jahr lang in einem Orden zu leben - das war auch für Birgit Neuland. Im September begann die Wienerin das Ordensjahr bei den Missionarinnen Christi, einer Frauengemeinschaft in Wien-Mauer. Vom Ordensjahr erfuhr sie durch Zufall: Sie durchstöberte das Internet, las Berichte, sah Videoclips auf www.ordensjahr.at. Sie füllte hier das Bewerbungsformular aus und setzte das Motivationsschreiben auf. Birgit: "Bis ich es abschickte, brauchte ich mehrere Wochen".

Suche Partner auf Zeit

Schwester Ruth Pucher koordiniert das Freiwillige Ordensjahr. Von ihrem Büro im Kardinal König Haus leitet sie das Projekt. Hier langen alle Bewerbungen ein. Über 60 Einzelgespräche führte sie seit dem Start im September des Vorjahres mit Interessenten; über 15 davon verkuppelte sie mit einer Einrichtung, erzählt sie stolz. "Auch Birgit." Sr. Ruth Pucher: "Menschen sind auf der Suche und sehen Orden als eine Art Finde-Orte." Aber nicht jeder Bewerber wird genommen, schränkt sie ein. Bei den Vorstellungsgesprächen prüft sie vor allem die Gemeinschaftsfähigkeit, sie fragt nach Erfahrungen in der Herkunftsfamilie und gelebten Beziehungen. Sie erzählt etwa von einem Mann, der seine geschiedene Frau an Krebs verloren hat. Er bedauerte sein Leben. Sr. Ruth Pucher: "Ich vermittelte ihn in eine Trauergruppe." Zuerst müsse er trauern, dann könne er eventuell in einem Orden mitleben, findet Sr. Ruth Pucher. Psychisch belastete Menschen könnten die Gemeinschaften überfordern. Auch ein Mindestmaß an Religiosität setze sie bei ihren Teilnehmern voraus. Sonst wird das Experiment zu einer Überforderung für beide Seiten. Und Sr. Beatrix Mayrhofer, Vorsitzende der Frauenorden, sagt dazu: "In Ordensgemeinschaften mitzuleben, ist immer ein personales Geschehen. Wie wir hören, wird das gesucht - und es gelingt auch. Deshalb steht die Einladung nach allen Seiten, hier mitzumachen."

Auf der einen Seite betreut Sr. Ruth Pucher jene, die ein Jahr in einem Orden verbringen wollen; auf der anderen Seite Orden, die die Begegnung mit Neuen suchen. "Es bewerben sich auch die einzelnen Standorte", so die Ordensfrau. Sie sei daher eine Art Partnervermittlung. Keiner der Bewerber müsse sich auf ein Jahr verpflichten. Auch wenige Monate seien möglich.

Bei den vielen Gesprächen, beim Essen und beim Teilnehmen an den Gebeten erlebt Birgit das Klosterleben und die Gemeinschaft hautnah. Berufstätig sei sie aber weiterhin - als Lehrerin in einer Handelsakademie in Wien. Ihre Wohnung habe sie aber bereits aufgegeben, zog im August bei den Missionarinnen Christi ein. Birgit: "Als meine Familie von mir erfuhr, dass ich in ein Kloster gehe, dachte sie, ich drehe durch." Ihre Freunde reagierten aber positiv auf ihren Entschluss. Das Mitleben von Birgit führte laut Schwester Joanna zu einer "Intensivierung des Gemeinschafts-und Gebetslebens."

Neuen Schwung hereingebracht

Auch Gisela suchte nach Veränderung und einer Großfamilie. Beides fand sie im Kloster. Drei Monate verbrachte sie bei den Tertiarschwestern der Franziskaner in Hall in Tirol. Sie erinnert sich an die vielen gemeinsamen Feiern, den gelebten Glauben hier. Gisela: "Es war immer etwas los, langweilig war mir hier nie."

Abtpräses Christian Haidinger, Vorsitzender der Männerorden Österreichs, betont: "Immer öfter spüren und bekommen wir gesagt, dass das Ordensleben eine besondere Neugierde auslöst. Jeder Mensch möge seine Berufung finden."

"Wir suchten einen Bewerber mit Erfahrungen in der Jugendarbeit", erzählt etwa Bruder Marek von den Kapuzinern. In seiner Hausgemeinschaft seien alle Mitbrüder um die 50 Jahre alt. Der junge Mitbewohner brachte neuen Schwung hinein, auch eine Jugendgruppe baute er auf, so Bruder Marek.

Das Ordensjahr bewegt auch die Caritas Socialis. Wie viele andere Gemeinschaften lässt auch sie sich auf diese Herausforderungen ein. Schwester Sieglinde Ruthner: "Wir haben uns bewusst dafür entschieden." Sie erzählt von Lauren, die hier mit allen anderen mitgelebt und als ausbildete Soziologin und Mediatorin Mütter beraten hat. "Am Ende des Jahres sind wir sogar gemeinsam nach Mariazell gepilgert. Das verbindet uns ein Leben lang", so Sr. Sieglinde.

Zuerst kommt der Interessierte zu Schnuppertagen in die Einrichtung. Sie sollen das gegenseitige Kennenlernen ermöglichen, Vertrauen herstellen. Am Ende muss feststehen: Passen die beiden zusammen oder nicht? Sr. Ruth Pucher sieht im Ordensjahr ein Experiment, bei dem alle Beteiligten Erfahrungen sammeln. Läuft es gut, bleibt der Teilnehmer die vereinbarte Zeit im Kloster; verläuft es anders, kann er es jederzeit abbrechen.

"Der Einstieg ist geschafft"

"Bisher wurde pro Ordensgemeinschaft immer nur eine Teilnehmerin oder ein Teilnehmer aufgenommen", so Sr. Ruth Pucher. In den Niederlanden gebe es aber Projektklöster, die mehrere Interessierte gleichzeitig aufnehmen. Das ist noch Zukunftsmusik in Österreich. Sollten sich aber einmal zwei Bewerberinnen oder Bewerber auf dieselbe Stelle bewerben, wäre das einen Versuch wert.

Alle drei Monate kommen alle Ordensjahr-Teilnehmer zusammen, um ihre Erfahrungen auszutauschen. Zuletzt verbrachten sie etwa ein gemeinsames Wochenende in Salzburg. Bei diesem Treffen kommen Menschen unterschiedlichen Alters und verschiedener Herkunft zusammen. Sr Ruth Pucher: "Wir waren uns aber sehr schnell vertraut."

Sr. Ruth Pucher atmet auf. "Der Einstieg in das zweite Ordensjahr ist geschafft." Jetzt suche sie Mitarbeiter, die ihre Ideen weitertragen, das Projekt in Deutschland, Liechtenstein und der Schweiz betreuen und aufbauen. Auch Sr. Beatrix Mayrhofer bestätigt den Erfolg des Ordensjahres. "Dass diese neue Möglichkeit, den Ordensleuten zu begegnen und mit ihnen Zeit und Aufgaben zu teilen, von beiden Seiten so gut angenommen wird, ermutigt uns, dieses Angebot ungebremst weiterzuführen."

Birgit schnupperte bei einer weiteren Ordensgemeinschaft, bevor sie sich schließlich für die Missionarinnen Christi entschied. Die gelebte Spiritualität der Ordensfrauen dieser Gemeinschaft zog sie an. Ob sie sich dauerhaft für diese Lebensform entscheidet, wird das Jahr weisen.

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