Nicht nur Hörer, auch Leser

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In den letzten Jahren entdeckte die Theologie viele Berührungspunkte zur Literaturwissenschaft. Kein Wunder, ist das Christentum ja eine Religion des Buches.

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In den letzten Jahren entdeckte die Theologie viele Berührungspunkte zur Literaturwissenschaft. Kein Wunder, ist das Christentum ja eine Religion des Buches.

Das Christentum ist Buchreligion, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn in die Zeit seiner Anfänge fällt die Ablösung der Schriftrolle durch den Codex, bei dem einzelne Blätter zu einem Block zusammengeheftet werden. Erst die Buchform des Codex aber ermöglichte die Idee eines Kanons, in dem nicht nur die Anzahl, sondern auch die Anordnung heiliger Schriften festgelegt werden konnte. Vor allem die Reformation hat das Christentum in zugespitzter Weise als Buchreligion interpretiert. Sola scriptura - allein die Schrift, lautete die Parole Luthers, wobei sinngemäß zu übersetzen ist: Allein dieses Buch, das Buch der Bücher.

Luther hatte persönlich erfahren, dass eine Leseerfahrung zur Glaubenserfahrung werden kann. Seine reformatorische Entdeckung gründete darin, dass ihm schlagartig der Sinne einer Stelle im Römerbrief neu aufging. "Der Gerechte wird aus Glauben leben" (Röm 1,17) - dieser Satz, neu gelesen, sollte sein ganzes Leben verändern. Ähnlich war es schon dem Kirchenvater Augustin ergangen, der durch die Lektüre des Römerbriefs endgültig zum Christentum fand.

Die zeitgenössische spätmittelalterliche Theologie bestritt allerdings Luthers Behauptung, der allein selig machende Glaube könne sich auf die Schrift allein stützen. Damit nicht genug, geriet das so genannte reformatorische Schriftprinzip seit der Aufklärung selbst auf protestantischem Boden in die Krise. Die historisch-kritische Exegese sollte die Autorität der Heiligen Schrift nachhaltig erschüttern.

Bedeutung der Schrift Neue Bewegung kommt in die Diskussion über die Geltung der Bibel und das reformatorische Schriftprinzip durch das Gespräch zwischen Theologie und moderner Literaturwissenschaft. Nicht nur die Bibelwissenschaft, sondern auch die Systematische Theologie interessiert sich seit einigen Jahren für die neuen Entwicklungen auf literaturwissenschaftlichem Gebiet, weil sie auch für das ökumenische Gespräch über Fragen der biblischen Hermeneutik neue Perspektiven eröffnet.

Wer heute an bibelwissenschaftlichen Kongressen teilnimmt, stößt auf Begriffe wie "new literary criticism", "reader-response-criticism", "Intertextualität" oder "Rezeptionsästhetik". Was ist so aufregend an neuen Texttheorien? Es sind vor allem die Entdeckung der Bedeutung von Schrift für das kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft sowie die Entdeckung des Lesers als einem wesentlichen Faktor für das Zustandekommen von Textsinn. Kurz gesagt: Neben aller mündlichen Kommunikation erfährt das Lesen eine Aufwertung, und zwar nicht nur als eine allgemeine Kulturleistung, sondern auch als Akt und Medium religiöser Erfahrung und Überlieferung. In den vergangenen Jahren wurden verschiedene Ansätze einer Theologie des Lesens entwickelt, die den Menschen nicht nur als Hörerin oder Hörer, sondern auch als Leserin oder Leser der Schrift in den Blick nehmen, als "homo legens" (Klaas Huizing).

Sowohl die sogenannte literarische Hermeneutik als auch die sogenannte Rezeptionsästhetik zeigen auf, dass der Text als materielles Artefakt grundsätzlich anderen Verstehensbedingungen unterliegt als die mündliche Rede. Das Verstehen von Texten vollzieht sich im Akt des Lesens, welcher die Autonomie des Textes gegenüber seinem Autor (Paul Ricoeur) bzw. den "Tod des Autors" (Roland Barthes, Umberto Eco) zur Voraussetzung hat. Der Sinn eines Textes steht nicht ein für allemal fest, sondern konstituiert sich jeweils neu im Akt des Lesens, wobei es bei wiederholter Lektüre und im Verlauf der Auslegungs- bzw. Wirkungsgeschichte zu (intertextuellen) Sinnanreicherungen kommt.

Literarische Texte wie diejenigen der Bibel, die eine poetische Qualität haben, sind mehrdeutig und vielstimmig. Ihre Bedeutung lässt sich nicht auf eine einzige Aussage reduzieren. Die neueren Literaturwissenschaften verleihen somit der alten Lehre vom mehrfachen Schriftsinn beziehungsweise vom sensus plenior eine neue Plausibilität. Sie setzten folglich auch Lektürestrategien einer sogenannten geistlichen Exegese wie Typologie und Allegorese in gewissem Ausmaß ins Recht, die heute in diversen Ansätzen tiefenpsychologischer Exegese, im Bibliodrama, aber auch in Befreiungstheologie und feministischer Theologie ihre Fortsetzung finden.

Gegenüber der traditionellen Lehre von einem mehrfachen Schriftsinn ist allerdings davon auszugehen, dass die verschiedenen Bedeutungsebenen in Wahrheit keine feststehenden, dem Text innewohnenden Bedeutungen sind, sondern Auslegungsebenen, die der Leser wählt, um den Text auf sich und seine Lebenswelt zu beziehen. Es ist darauf zu achten, dass die Autonomie des Textes nicht nur gegenüber seinem Autor, sondern auch gegenüber seinem Leser gewahrt bleibt.

Berücksichtigt man die Einsichten rezeptionsorientierter Texttheorien, gewinnt selbst eine sogenannte kanonische Bibellektüre ihr Recht zurück, ohne dass sie gegen die historisch-kritische Werk- und Einzelanalyse ausgespielt werden darf. Es geht nicht darum, eine vormoderne Inspirationslehre neu aufzulegen, welche die Autorschaft Gottes auf Kosten der menschlichen Autoren behauptet. Wohl aber kann "noch dem ungläubigsten Leser [...] nichts Besseres geraten werden als dem, der seinen Homer lesen möchte und nicht von störender Vielverfasserschaft Notiz nehmen sollte: Das Ganze so zu lesen, als ob es nur den einen Autor hätte und der sich an jeder Stelle durch alle anderen Stellen erläutern und sinnbereichern ließe" (Hans Blumenberg).

Der Glaube hat seinen Ursprung nicht nur im Hören, sondern auch im Lesen. Selig sind die Lesenden! verheißt uns die Johannesoffenbarung (Offb 1,3). Der implizite Leser (Wolfgang Iser) biblischer Texte aber ist der vom Heiligen Geist inspirierte Leser. Ihn hat die Theologie in den letzten Jahre wiederentdeckt und damit einen neuen Zugang zur alten Inspirationslehre gefunden.

Neue Kultur des Lesens Lesen freilich will gelernt und gepflegt sein. Der christliche Glaube bedarf einer Lesekultur, an der es heute oftmals mangelt - und zwar auch in der evangelischen Kirche, die doch in ihren Anfängen eine Bibellesebewegung war! Es zählt daher heute zu den ökumenischen Aufgaben, so etwas wie eine "Lesepastoral" zu entwickeln, wie der katholische Dogmatiker Markus Knapp erklärt. Zu einer neuen Kultur des Bibellesens gehört auch der Umgang mit der Vielfalt und dem Konflikt der Interpretationen. Ihm entgeht selbst der nicht, der Gott für den eigentlichen Autor der Bibel hält und auf den Buchstaben pocht. Auch wenn wir glauben, dass Gott durch die biblische Schrift zu uns spricht, ist uns die Selbstauslegung Gottes immer nur zugänglich in der Gestalt partikularer Interpretationen, in denen sich das Licht der Offenbarung wie in einem Prisma bricht.

Der Autor lehrt Systematische Theologie (H.B.) an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

Buchtipps Theologie des Wortes Gottes. Positionen - Probleme - Perspektiven.

Von Ulrich H. J. Körtner. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, 440 Seiten geb., öS 643,-/e 46,73 Lesen und Leben. 3 Essays zur Grundlegung einer Lesetheologie.

Von Klaas Huizing, Ulrich H. J. Körtner. und Peter Müller. Luther Verlag, Bielefeld 1997, 140 Seiten, Paperback, öS 263,-/e 19,11

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