Nicht nur im Frühling

Vor 40 Jahren gründete Kardinal König die ökumenische Stiftung Pro Oriente: Der Dialog mit den Kirchen des Ostens

brachte Bewegung in jahrtausendealten Kirchenstreit - und bleibt auch heute brennend aktuell.

Nach dem "ökumenischen Frühling" der siebziger Jahre gehe es heute um die Bewältigung "außertheologischer Probleme": Mit diesen Worten charakterisierte Hans Marte, geschäftsführender Präsident von Pro Oriente, die aktuellen Aufgaben der ökumenischen Stiftung, die sich den Dialog mit den Kirchen des Ostens auf die Fahnen geschrieben hat - Marte benannte dazu konkret etwa die bedrohliche Situation der christlichen Minderheiten im Nahen und Mittleren Osten.

Am 4. November, auf den Tag genau 40 Jahre nach ihrer Gründung, fand in Wien ein Festakt der Stiftung Pro Oriente statt. Die Veranstaltung, auf der auch der Kardinal-König-Preis 2004 vergeben wurde (vgl. die Ökumene-Spalte auf Seite 11) war auch ein Gedenken an den verstorbenen Wiener Alterzbischof, der Pro Oriente 1964 gegründet hatte (siehe unten).

Am 6. Jänner dieses Jahres war in Jerusalem mit Paul VI. und Athenagoras I. von Konstantinopel erstmals seit dem Schisma 1054 wieder ein Papst mit dem Ökumenischen Patriarchen zusammengetroffen. Im selben Jahr verabschiedeten die Konzilsväter des II. Vatikanums das Ökumenismus-Dekret, in dem es u.a. heißt, "dass die Wand, die die abendländische und die orientalische Kirche trennt, einmal hinweggenommen werde und schließlich nur eine einzige Wohnung sei". Mit der Stiftung Pro Oriente wurde und wird versucht, genau diesem Anliegen Rechnung zu tragen.

Ein bahnbrechender Durchbruch gelang Pro Oriente 1971 in Wien mit den seit dem Konzilvon Chalcedon (451) getrennten, so genannten altorientalischen Kirchen (Kopten, Syrer, Armenier, Äthiopier, Syro-Inder): Durch die dabei entwickelte "Wiener christologische Formel" konnte der Hauptgrund der Kirchenspaltung überwunden werden. Seit damals finden regelmäßig Kontakte, Besuche, Symposien statt; seit Anfang der 90er Jahre wurden schwerpunktmäßig die Kontakte zur syrischen Kirchentradition ausgebaut, an denen auch die Assyrische Kirche des Ostens (früher fälschlich "Nestorianer" genannt) teilnahm: 1994 unterzeichneten der Patriarch dieser Kirche und Papst Johannes Paul II. die daraus resultierende "Gemeinsame christologische Erklärung".

Mit der Gesamtorthodoxie, jenen Kirchen, die seit 1054 von Rom getrennt sind, organisierte Pro Oriente 1974 das erste theologische Gespräch, auf das in den 80er Jahren der offizielle katholisch-orthodoxe Dialog folgte.

Seit der Wende 1989 setzt Pro Oriente verstärkt auch auf "irenische" (=friedensstiftende") Initiativen, die Vertreter verschiedener Kirchen zusammenführen, um historische und politische Probleme aufzuarbeiten - etwa Treffen zwischen serbisch-orthodoxen und katholischen Bischöfen des Balkans (1991/92) oder zwischen rumänisch-orthodoxen und der mit Rom unierten griechischkatholischen Kirche Rumäniens (1922/96) bzw. zwischen der ukrainisch orthodoxen Kirche und der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche (1998). Auf Einladung von Kardinal Christoph Schönborn trafen auch der Präsident der EU-Kommission, Romano Prodi, und der serbisch-orthodoxe Patriarch Pavle I. in Wien zusammen (2000). Otto Friedrich

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