"Nimmt man uns die Bilder, verkümmern wir"

Welche Bedeutung hat Kunst für die Wirtschaft? Welchen Wert stellt sie für den Menschen dar? Themen des Gesprächs mit dem designierten Direktor des NÖ-Landesmuseums, der auch seine Pläne mit dem neuen Haus in St. Pölten, das 2002 eröffnet wird, skizziert.

die furche: Sie sind der designierte Direktor des neuen NÖ-Landesmuseums in St. Pölten. Ist das für Sie eine besondere Herausforderung?

carl aigner: Meine neue Aufgabe sehe ich so wie die in der Kunsthalle Krems: Gemeinsam mit meinen Kollegen ein ganz tolles Landesmuseum als Ausstellungshaus in St. Pölten zu machen, das nicht nur in Österreich, sondern in Europa einzigartig wird. Wir werden einen dynamischen Museumsbegriff entwickeln, bei dem nicht nur die klassische Museumstrias - Sammeln, Bewahren, Forschen -, sondern auch die Vermittlung groß geschrieben wird.

die furche: Was wird denn einzigartig am Museum in St. Pölten sein?

aigner: Es hat ein spezielles Profil, weil zwei Bereiche verknüpft sind, der naturkundliche und der kunstkundliche, also die bildende Kunst. Der naturkundliche Bereich hat das Thema Wasser, Leben im Wasser, Leben mit Wasser. Wir werden daraus in dem Teil, wo es um bildende Kunst geht, eine Programmatik entwickeln, die sehr viel mit dem Thema Natur und Kunst zu tun hat. Natürlich gilt es auch, Spitzenwerke aus der Sammlung zu präsentieren: Die Menschen können also davon ausgehen, dass jederzeit bedeutendste Werke wie von Egon Schiele, Oskar Kokoschka, Ferdinand Waldmüller oder Arnulf Rainer im Museum gezeigt werden. Außerdem ist das Landesmuseum ein Haus, wo es primär um Niederösterreich geht, um Künstler, die hier leben und um Werke, die in Niederösterreich entstehen. Es geht um regionale Verankerung mit internationalem Niveauanspruch. Dadurch wird es zwischen den beiden Häusern in Krems und St. Pölten keine Konflikte geben. Wir werden in dieser Richtung vielmehr viele Synergien entwickeln können.

die furche: Wird es mit Wiener Kunsthäusern Kooperationen geben?

aigner: Selbstverständlich. Auf der Marketing-, auf der Strategienebene. Niederösterreich hat in den letzten zehn Jahren eine einzigartige Infrastruktur für Kunst und Kultur entwickelt und mit dieser können wir nicht nur gegenüber Wien, sondern gegenüber ganz Österreich und darüber hinaus bestehen. Das heißt also, dass wir zukünftig einerseits genau schauen müssen, was sind die Wünsche unserer Besucher, auf der anderen Seite, aber auch nicht auf den Bildungsauftrag vergessen dürfen. In diesem Spannungsfeld denke ich, haben wir jetzt schon gezeigt und werden wir zukünftig noch mehr zeigen, dass sich die Ausstellungshäuser in Niederösterreich gegenüber Wien behaupten können.

die furche: "Vom Expressionismus zur Gegenwart" in Krems war ein großer Erfolg. Wird das zu überbieten sein?

aigner: Wir werden es überbieten. Wir dürfen nicht vergessen: Was wir mit bildender Kunst zum Ausdruck bringen, sind elementare Bedürfnisse. Wir sind eben Menschen, die nicht nur utilitaristisch existieren, sondern sozusagen auch visionär. Wir sind Sprach-, wir sind Bilderwesen. Wenn uns die Sprache genommen wird, wenn uns die Bilder genommen werden, verkümmern wir. Wir wissen: Wenn Menschen bis zum fünften Lebensjahr nicht sprechen lernen, werden sie nie Menschen werden, die zu ihrer vollen Entfaltung kommen. Das Schwierige ist es, vermitteln zu können, dass wir Menschen Anlagen in uns haben, die wir nicht immer berechnen können. Wir müssen sie in einem nichtfunktionalen Sinn sehen und begreifen. Erst das macht den Reichtum unseres Daseins aus. Arnulf Rainer hat vor vielen Jahren ganz richtig gesagt: Die Kunst ist etwas, was den Menschen erweitert. Wenn es etwas nicht gibt, was den Menschen erweitert, dann wird er arm. Alle Menschen haben Träume, und alle Menschen haben ganz, ganz harte Realitäten, mit denen sie zu Rande kommen müssen. Schon in der Steinzeit haben die Menschen Felsenbilder gemalt. Das zeigt doch, dass das Bildermachen etwas Elementares ist, das im Menschen anthropologisch angelegt ist.

die furche: Die Kunst als Lebenshilfe?

aigner: Auf alle Fälle. Es kann jemand in einer schweren Situation Freude an einem Bild erfahren, es hilft, ist eine ästhetische Bereicherung. Ich gehöre zu denen, die sagen, das Schlechteste ist, dass man Menschen verordnet, sich für Kunst zu interessieren. Das kann es nicht sein. Jeder muss für sich speziell einen Zugang finden. Die Kunst ist eine Möglichkeit, die Welt in einer Weise zu verstehen, wie wir sie sonst nicht verstehen würden, elementar.

die furche: Landeshauptmann Erwin Pröll hat gesagt, in Niederösterreich soll nicht gespart werden, was die Kultur betrifft, denn sie bringe das Geld auf Umwegen in einem größeren Umfang wieder herein. Meinen Sie, dass die guten Vorsätze halten?

aigner: Was der Landeshauptmann da anspricht, ist ganz wichtig. Wir haben hier in Österreich, in Europa eine wunderbare Situation: Wir können uns immer mehr freispielen vom Existentiellen, Elementaren des Broterwerbs, wir gewinnen Freizeit, werden unabhängiger. In diesem Moment tritt das auf den Plan, was wir als Kunst und Kultur bezeichnen: Seit vielen Jahren beginnen die Menschen in Kunst und Kultur zu investieren. Das ist ein wichtiger Wirtschaftsbereich geworden, ein hochqualitativer Wirtschaftszweig.Und in dieser Weise werden wir auch unsere Programme entwickeln. Ich gehöre nämlich nicht zu den künstlerischen Leitern von Ausstellungshäusern, die sagen: Ich bin auf einem Selbstverwirklichungstrip. Ich sehe meine Aufgabe, Menschen glücklich zu machen, mit Ausstellungen, die die Möglichkeit geben, Bilder sehen und erfahren zu können, Kunst erleben zu können, zu ermöglichen, dass es vielen gelingt etwas mitnehmen zu können. Eine Bereicherung des Lebens, die man gar nicht kalkulieren kann: Menschen, die berührt, betroffen oder glücklich weggehen. Menschen, die sich dessen auch bewusst sind. Wenn in die Kunsthalle ein Ehepaar kommt mit zwei Kindern, wenn die dann den Katalog kaufen und bei uns essen, lassen die 1.500 bis 2.000 Schilling hier. Da muss man sehr sorgfältig und verantwortungsvoll umgehen. Wir haben im Kulturbereich die große Aufgabe, dass die verschiedensten Besucher bereichert und mit einem Identitätszugewinn aus den Ausstellungshäusern gehen. Das ist auch das Schönste, was man erleben kann, dass Besucher herauskommen und sagen: Ich beginne zu verstehen, was moderne Kunst ist. Oder: Jetzt sehe ich das ganz anders...

die furche: Das klingt sehr idealistisch.

aigner: Natürlich müssen wir professionell agieren. Der Kultur- und Kunstbereich hat sich sehr professionalisiert. Auf der anderen Seite aber dürfen wir nicht im Utilitaristischen stecken bleiben, wir müssen eine Balance schaffen. Kultursprache, Bildkultur - all das ist ganz wichtig, im Wirtschaftsbereich seit langem Gang und Gäbe als Unternehmenskultur. Ich war drei Jahre in einer Jury in der Krupp- und Halbach-Stiftung in Essen, sozusagen im Industrieadel des 19. Jahrhunderts, die haben Krankenhäuser, soziale Infrastruktur. Wir sollten also nicht auseinanderdividieren, hier die idealistische Kultur, dort die Wirtschaftsbereiche. Wir müssen eine Einheit sehen. Es ist kein Zufall, dass in den letzten 20 Jahren große Unternehmen Künstler eingeladen haben, Seminare abzuhalten. Hier ist ein ganz anderes Potential vorhanden, jede traditionelle Wirtschaft kommt in eine Sackgasse. Wenn heute ein Unternehmen im Sinne des Industriezeitalters handeln und denken würde, würde es nicht einen Tag überleben. Kunst und Kultur ist die Möglichkeit zu einem Ferment gegeben, weil das Moment der Funktionalität nicht in dieser Enge auf dem Tisch liegt. Jedes prosperierende Unternehmen wird im Kultur- und Kunstbereich aktiv, Kunst zu kaufen. Eine Bereicherung, die wir nicht über Groschen rechnen dürfen.

die furche: Sehen Sie das nicht allzu optimistisch?

aigner: Die Kultur ist das Grundlegende, das das Wirtschaften ermöglicht. Kultur steht vor Wirtschaft, weil die Wirtschaft, egal in welcher Form, auf der Kultur aufbaut. Wir sind Kultur-, Kunst- und Wirtschaftswesen und wenn diese Dinge immer in Einklang stünden, wäre dies eine wunderbare Einheit, das wäre das Paradies.

die furche: Wie steht es übrigens Ihrer Meinung nach um die Kunst derzeit in Österreich?

aigner: In Wien und Niederösterreich gibt es sicherlich viele Verdichtungen. Es ist in den neunziger Jahren sehr viel passiert. Ich habe in Salzburg studiert, Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre: Wenn man sieht, was es da heute im Bereich der bildenden Kunst gibt, das hätte damals niemand für möglich gehalten. Sehr vermisse ich aber, dass von Staats wegen nicht radikaler gehandelt wird bei der Absetzbarkeit von der Einkommensteuer. Kunst und Kultur haben eine unglaubliche ökonomische Zukunft, in die wir investieren müssen.

Das Gespräch führte Peter Soukup.

Zur Person: Direktor der Kunsthalle Krems

Carl Aigner ist 1954 in Ried im Innkreis geboren. Seine Studienzeit führte ihn nach Salzburg, an deren Universität er Geschichte, Kunstgeschichte, Germanistik und Kommunikationswissenschaften studierte. Nach einem Forschungsaufenthalt in Paris schloss er sein Studium 1984 mit dem Magister ab.

Seit 1989 ist Aigner als Lektor für Medienästethik, -kommunikation, -theorie und -geschichte sowie für Fotografie und Gegenwartskunst an verschiedenen österreichischen Universitäten tätig. 1991 gründete er die Kunstzeitschrift "Eikon", eine internationale Zeitschrift für Fotografie und Medienkunst. Seit 1997 ist er Geschäftsführer und künstlerischer Direktor der Kunsthalle Krems und derzeit auch designierter Direktor des Niederösterreichischen Landesmuseums, das am 15. November 2002 eröffnet werden soll. Carl Aigner ist Mitglied zahlreicher Kuratorien und Autor zahlreicher Publikationen, die sich mit Fotografie beschäftigen.

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