Noch ist Polen nicht verloren

Eine Spurensuche von Krakau bis Danzig liefert Indizien dafür, warum das deutsch-polnische Verhältnis so sehr schwankt zwischen Übertreibungen und weniger bewältigt wirkt, als es Staatspolitiken festschreiben wollen.

Einziger EU-Staat mit Wirtschaftswachstum 2009, EU-Ratsvorsitzender 2011, Fußball-Euro-Gastgeber 2012: Polen hat im Chopin-Jahr 2010 wirtschaftlich und politisch, sportlich und kulturell Anlass zur Zukunftsorientierung. Doch mehr noch als seine jüngste Nationaltragödie, der Flugzeugabsturz von Smolensk, hält die ältere Vergangenheit das Land gefangen. Auch nicht 30 Jahre Solidarnosc vermögen sein September-Trauma von 1939 zu lindern, wenn in Berlin die Vertriebenen-Chefin die Schuld am Zweiten Weltkrieg relativiert.

Die ewige Leidenossenschaft

Zufälle sehen anders aus: Erika Steinbach erklärt am 8. September in einer Klausur des CDU-Bundesvorstands, sie könne es #leider nicht ändern, dass Polen bereits im März 1939 mobil gemacht hat#. Drei Tage später ist sie Mittelpunkt einer Großveranstaltung des Bundes der Vertriebenen (BdV) zum #Tag der Heimat#. Am 16. September nennt die BdV-Präsidentin den Deutschland- und Israel-Beauftragten der Regierung in Warschau, Ex-Außenminister und Auschwitz-KZ-Häftling Wladyslaw Bartoszewski einen #schlechten Charakter#.

Parallelverschiebung: Der polnische Sejm (=Parlament) gedenkt am 1. September schlicht, überkonfessionell, aber tiefreligiös des Weltkriegsausbruchs durch den deutschen Angriff vor 71 Jahren. Präsident Bronislaw Komorowski ist zwei Tage später auf Antrittsbesuch in Berlin. Am 17. September bleibt es aber ruhig um den 71. Jahrestag des Überfalls der Roten Armee. 2009 hatte Präsident Lech Kaczynski das Datum zur Abrechnung mit den russischen Massenhinrichtungen polnischer Offiziere 1940 bei Katyn genutzt. Kaczynski ist tot # Opfer des Flugzeugabsturzes vom 10. April bei Smolensk bzw. nahe Katyn.

Das ewige Opfer. 2010 endlich hätte Polen das Bild von der Leidgenossenschaft zur Avantgarde der Widerständigkeit verändern können. Am 31. August ist die Gewerkschaft Solidarnosc 30 Jahre alt. Dass ihre einstige Galionsfigur, der spätere Friedensnobelpreisträger und Staatspräsident Lech Walesa, an der Feier in Danzig nicht teilnimmt, wirkt so symbolisch wie die Unwetterwolken über der nahen Halbinsel Westerplatte # tags darauf, zum Gedenken an den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Da fährt schon wieder der ausrangierte Pendlerbus voll mit Touristen durch das Gelände der einstigen Lenin-Werft. Die #Fremdenverkehrsidee des Jahres#, erklärt stolz der Guide quer durch Industrieruinen rund um Walesas Workshop. Lech unser #ist heute Geschäftsmann und hat ein Büro ganz oben# deutet Fremdenführerin Barbara Borzych zur Beletage des Grünen Tors von Danzig. Prachtvoll wiedererrichtet wie der Großteil der zerstörten Altstadt. Die Fassaden sind perfekt. Eine Potemkinsche Großtat.

Shopping neben Stalins Rache

Warschau ist anders. Nicht wie das Weltkulturerbe Krakau, wo vom einst jüdischen Viertel Kazimierz bis zum 70 km nahen Auschwitz bis heute jüdisches Leid das polnische Elend überlagert. Eine hässliche Metropole, dominiert vom noch scheußlicheren Kulturpalast: #Stalins Rache# nennt Stadtführerin Ewa Fröhlich die bolschewistische Architektursünde. Doch #Noch ist Polen nicht verloren#, lautet die erste Zeile der Nationalhymne: Gleich ums Eck lockt Zlote Tarasy, ein 2007 eröffneter futuristischer Konsumtempel auf 200.000 m2, der hiesige Shopping Center alt aussehen lässt.

Nichts erinnert hier an die Mahnungen des Museums Warschauer Aufstand, das in einem ehemaligen E-Werk zum 60-Jahre-Gedenken an die größte bewaffnete Erhebung gegen die Nazi-Besetzung in Europa eingerichtet wurde. Vom 1. August bis 3. Oktober 1944: Zumindest 15.000 tote Soldaten der Heimatarmee und 150.000 Opfer in der Zivilbevölkerung. Und am Ende die Stadt dem Erdboden gleichgemacht. #Doch wir durften kein Museum dazu bauen. Die Russen wollten es nicht#, erklärt Ewa Fröhlich. Die Rolle der Roten Armee war nicht zu diskutieren. Also verwechselt die Welt das Gemetzel bis heute mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto, wo zwischen 19. April und 16. Mai 1943 12.000 Menschen starben und anschließend 30.000 erschossen sowie 7000 in Vernichtungslager deportiert wurden.

Ein schauriger Wettbewerb des historischen Jammers. Während Hunderte israelische Jugendliche in Staatsflaggen eingehüllt zwischen den unverbrämten KZ-Lagerbaracken von Birkenau flanieren, pilgern die einheimischen Schulklassen ins Museum Warschauer Aufstand. Multimediashow inklusive. 50 Zloty für die geführte Tour.

Von H & M zu Sarrazin & Steinbach

Der Spitzenlohn für Lehrer beträgt 2600, das polnische Durchschnittsgehalt angeblich 4000 Zloty. Das sind zirka 1000 jener Euro, in denen die Preise bei H & M, Zara & Co. im Zlote Tarasy auch angeschrieben sind. Doch die Lokale wirken hier voller als die Geschäfte, und der Weltkrieg ist so weit weg wie Solidarnosc. Ihr einstiger Vordenker Jan Litynski sagt: #Der Umgang mit der Geheimpolizei spaltet unsere Gesellschaft bis heute in zwei sehr konträre Lager.# Es sind wohl mehr als zwei. Der Handelsdelegierte Ernst Kopp erzählt im österreichischen Kulturforum gleich neben den letzten Häusern des Warschauer Ghettos: #Als ich hier nach meiner Ankunft Russisch gesprochen habe, ist das gar nicht gut angekommen.#

Auf dem Airport Lech Walesa von Danzig warten Anfang September viele deutsch sprechende Spätsommer-Urlauber auf ihren Rückflug. Daheim hat gerade die Sarrazin-Debatte begonnen. Die Steinbach-Bemerkungen stehen noch bevor. Polens Botschafter in Berlin hat jetzt viel zu tun. Sein Name ist Marek Prawda # das heißt auf russisch Wahrheit.

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