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Notwendige Lebensnähe

1945 1960 1980 2000 2020

Die Universitätstheologie hat genug eigene Mängel, um auch mit Mängeln in der Kirche etwas nachsichtig zu sein. Sie sollte mit Freude innerhalb der Kirche wirken.

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Die Universitätstheologie hat genug eigene Mängel, um auch mit Mängeln in der Kirche etwas nachsichtig zu sein. Sie sollte mit Freude innerhalb der Kirche wirken.

Ist die universitäre Theologie für das kirchliche Leben schädlich? Manche Strömungen in der katholischen Kirche vertreten tatsächlich diese These. Aber auch eine ernstzunehmende Studie aus den USA legt diesen Schluß nahe. Die Arbeit von R. Finke, R. Stark: "The Churching of America" zeigt, daß in den USA - dem konsumorientiertesten Land der Welt - der Gottesdienstbesuch in den letzten zwei Jahrhunderten insgesamt keineswegs abgenommen, sondern im Gegenteil ständig leicht zugenommen hat, und gegenwärtig bei einem Höchststand von mehr als 60 Prozent steht. Im Laufe der Zeit gab es allerdings eindeutige "Gewinner" und eindeutige "Verlierer", denn manche kirchliche Gemeinschaften waren zeitweise Gewinner und sind dann auf die Verliererstraße geraten, wie etwa die Methodisten, bei denen die Abwärtsbewegung 1850 begann, und die katholische Kirche, die seit 1965 zu den Verlierern zählt.

Woher diese Veränderungen? Die Autoren der Studie vertreten die These, "Gewinner" müßten einerseits der modernen Gesellschaft Rechnung tragen, sich bewußt einer marktwirtschaftlichen Situation stellen und intensiv um Mitglieder werben. Anderseits dürften sie sich inhaltlich aber gerade nicht den herrschenden Trends und Moden anpassen, denn sie seien als religiöse Gemeinschaften nur interessant, wenn sie sich unterscheiden und von ihren Mitgliedern auch Opfer verlangen.

In diesem Zusammenhang meinen die beiden Autoren, Kirchen, die sich stark von der akademischen Theologie beeinflussen lassen, würden fast unweigerlich auf die Verliererstraße geraten. Einen ähnlichen Schluß scheint auch die Feststellung des Religionssoziologen Peter L. Berger nahezulegen. Er spricht bezüglich des evangelikalen Protestantismus (einer Form von Kirchlichkeit, die sich radikal gegen die liberal-universitäre Theologie wendet) von einer "weltweiten Explosion", die eine der "merkwürdigsten Erscheinungen unserer Zeit" sei. Auf dem Hintergrund solcher Beobachtungen und der zunehmenden Erkenntnis, daß die These vom Fortschreiten der Säkularisierung sich eindeutig als falsch erwiesen hat, weil die Bedeutung von Religionen weltweit keineswegs abgenommen hat, muß die Frage nach der inneren Qualität der universitären Theologie und auch ihrer Kirchlichkeit neu aufgerollt werden. Dazu zwingt schon die gesellschaftliche Verpflichtung allen wissenschaftlichen Tuns.

Die innere Entwicklung der universitären Theologie verschärft die Problematik. Die einzelnen theologischen Fächer haben in den letzten Jahrzehnten ein starkes Eigenleben entwickelt und sich immer mehr spezialisiert. Heute überschaut kein Fachvertreter mehr sein eigenes Gebiet und noch weniger die Nachbarfächer. Was zur Kenntnis genommen wird, hängt deshalb stark vom Zufall oder von intellektuellen oder medialen Moden ab. Die Studierenden werden deshalb im wachsenden Maß mit einer Vielfalt von Hypothesen konfrontiert, die keinen inneren Zusammenhang mehr haben.

Wie sollen sie in dieser Situation zu einer fundierten religiösen Weltsicht kommen? Oft wird gesagt, jeder und jede müsse sich eben sein eigenes Urteil bilden. Bei näherem Zusehen erweist sich diese Antwort aber als bloße Ausflucht. Wenn schon die Lehrenden ihre Fachgebiete nicht mehr voll überschauen, wie sollen dann Studierende sich ein kritisches Urteil über alle Fachgebiete bilden können? Die Wissenssoziologie weist zudem überzeugend nach, daß die Erarbeitung einer Sinnwelt nie die Sache eines einzelnen, sondern immer einer Gemeinschaft ist und daß dabei emotionale Elemente eine entscheidende Rolle spielen.

Wenn folglich theologische Fakultäten kein zusammenhängendes Glaubensbild mehr vermitteln und keinen emotional überzeugenden Hintergrund bieten und die traditionelle kirchliche Beheimatung und Bindung schwächer wird, dann bleibt den Studierenden nur die Alternative, sich entweder den herrschenden Vorstellungen und Moden der heutigen Welt anzupassen oder sich eine andere alternative (religiöse, oder auch pseudoreligiöse) Gemeinschaft zu suchen. In beiden Fällen verliert die akademische Theologie ihre Lebensrelevanz.

Daß dies ein realistisches Bild sein dürfte, legt auch die Tatsache nahe, daß die Nachfrage nach anspruchsvollen theologischen Büchern und entsprechenden Weiterbildungskursen, die von der akademischen Theologie angeboten werden, in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen hat.

An der theologischen Fakultät in Innsbruck werden die angeschnittenen Probleme seit einigen Jahren intensiv diskutiert. Auch daraus ergab sich, im Rahmen der Neustrukturierung der Fakultät grundsätzliche Fragen offensiv anzugehen (siehe Kolumne auf Seite 15). Nicht weitere Zersplitterung des theologischen Wissens, sondern eine sinnvolle Synthese soll im Mittelpunkt stehen. An ihr wird die innere Qualität der Theologie zu messen sein. Und auch an deren Kirchlichkeit!

Der Erneuerungsprozeß darf sich nämlich nicht auf die Fakultät beschränken. Die gesellschaftliche Verpflichtung des theologischen Arbeitens konkretisiert sich ja primär in der Frage der Kirchlichkeit. Es ist genügend bekannt, wie problematisch gegenwärtig das öffentliche Image der katholischen Kirche in Österreich ist. Auch wenn es tatsächlich eine Reihe schwerwiegender und ungelöster Probleme gibt, dürfte es dennoch für die akademische Theologie wichtig sein, nicht kritiklos in die allgemeine Kritik einzustimmen. Ein selbstbewußtes und kraftvolles Christentum kann sich nicht an die dominierenden Werte der heutigen Konsumgesellschaft und der postmodernen Beliebigkeit anpassen. Ist es nicht kritischer, sich von einer modischen Kritik zu distanzieren, als ihr zu folgen?

Die eingangs erwähnte Studie zeigt zudem, daß mit der Anpassung an herrschende Trends für religiöse Gemeinschaften nichts zu gewinnen, sondern nur viel zu verlieren ist. Richtet man den Blick über die von den österreichischen Medien hochgespielten Fragen hinaus, dann ist das Amt in der katholischen Kirche auch keineswegs so weltfremd, wie es oft scheint. Der gegenwärtige Papst möchte mit recht die Identität des christlichen Glaubens klar erhalten, dennoch verfolgt er in der wichtigen Frage des interreligiösen Dialogs eine offene Linie, die an die Grenzen dessen geht, was vom Evangelium und vom letzten Konzil her möglich ist.

Angesichts der wirtschaftlichen und politischen Probleme der Welt erhebt er unermüdlich seine Stimme gegen jene, die allein auf die Logik des Marktes vertrauen. Selbst papstkritische Zeitungen können deshalb fragen: "Wer, wenn nicht der Papst, kann der letzten Weltmacht heute noch so ins Gewissen reden?" (Süddeutsche Zeitung). Angesichts einer Kultur des unmittelbaren Genießens, der Verdrängung des Todes und der Ausrichtung auf die reine Empirie, verteidigt der Papst die Transzendenz und einen Sinn des Lebens, der über den Tod hinausreicht. "Während alles am Boden kriecht, verteidigt der Papst das Menschenrecht, nach den Sternen zu greifen" (Die Zeit).

Es gibt zahlreiche und sehr gewichtige Gründe für die akademische Theologie auf eine neue Art und Weise ein positives Verhältnis zur hierarchischen Kirche aufzubauen. Selbst wenn offene Fragen und Wunden bleiben, dürfte auch hier gelten, was im zwischenmenschlichen Bereich wichtig ist: ein reifer Mensch kann einen anderen auch dann achten und lieben, wenn dieser Fehler hat. Die akademische Theologie hat genügend eigene Mängel, um auch mit Mängeln in der Kirche etwas nachsichtig zu sein. Sie wird auf alle Fälle nur dann größere Lebensrelevanz gewinnen, wenn sie neue Zuversicht gewinnt und mit Freude innerhalb der Kirche wirkt.

Der Autor, Jesuit und Professor für Dogmatik, ist Dekan der neustrukturierten Kath.-Theologischen Fakultät in Innsbruck.

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