Ratzinger - © Illustration: Rainer Messerklinger

"Nur die Wahrheit rettet": Ratzinger-Abrechnung als Wahrheit?

1945 1960 1980 2000 2020

„Nur die Wahrheit rettet“: Doris Wagner, ehemalige Ordensfrau, Missbrauchsopfer und Publizistin, und Filmemacher Christoph Röhl kratzen am „System Ratzinger“. Ihr Buch legt die Schwächen der katholischen Kirche(nspitze) und des emeritierten Pontifex schonungslos offen.

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„Nur die Wahrheit rettet“: Doris Wagner, ehemalige Ordensfrau, Missbrauchsopfer und Publizistin, und Filmemacher Christoph Röhl kratzen am „System Ratzinger“. Ihr Buch legt die Schwächen der katholischen Kirche(nspitze) und des emeritierten Pontifex schonungslos offen.

Was für ein Buch! Welche Abgründe! Welche Doppelmoral! Und immer geht es primär nur – um die Kirche. Um ihr Image. Erst dann, wenn überhaupt, kommen die Opfer in den Blick. Ich „rieche“ es schon: Schnell wird von gewissen Seiten die so oft bemühte „sprungbereite Feindseligkeit“ beklagt werden, „die auf solche Dinge wartet, um dann zielsicher loszuschlagen“. Das ist die Selbstimmunisierung eines weltweit rezipierten Theologen, der 1977 Erzbischof von München und Freising und Kardinal wurde, vier Jahre darauf für fast ein Vierteljahrhundert Chef der Glaubenskongregation und im April 2005, nicht ganz unerwartet, Papst. Der Erste seit Jahrhunderten, der im Februar 2013 freiwillig auf sein Amt verzichtete. Und auch damit Geschichte schrieb. Im April wird der Papst a. D. 94.

Was für ein Buch! Welche Abgründe! Welche Doppelmoral! Und immer geht es primär nur – um die Kirche. Um ihr Image. Erst dann, wenn überhaupt, kommen die Opfer in den Blick. Ich „rieche“ es schon: Schnell wird von gewissen Seiten die so oft bemühte „sprungbereite Feindseligkeit“ beklagt werden, „die auf solche Dinge wartet, um dann zielsicher loszuschlagen“. Das ist die Selbstimmunisierung eines weltweit rezipierten Theologen, der 1977 Erzbischof von München und Freising und Kardinal wurde, vier Jahre darauf für fast ein Vierteljahrhundert Chef der Glaubenskongregation und im April 2005, nicht ganz unerwartet, Papst. Der Erste seit Jahrhunderten, der im Februar 2013 freiwillig auf sein Amt verzichtete. Und auch damit Geschichte schrieb. Im April wird der Papst a. D. 94.

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Jetzt fallen also wieder einmal zwei Autoren über ihn her? Nein. Dieses Buch ist laut Vorbemerkung „keine biografische Erzählung“, „kein Pamphlet und sicher keine Apologie“ und es reklamiert auch „keinen wissenschaftlichen Anspruch“. Es geht schlicht um Fragen wie: „Was wusste er? Was hätte er tun können? Was tat er? Was tat er nicht? Was hätte er tun können? Was tat er nicht, und, vor allem, warum?“
Überfällige theologische Debatte

Doris Reisinger, geborene Wagner, ist ausgewiesen. Mit „Nicht mehr ich“ (2014) hat sie beschrieben, was der Eintritt in eine Gemeinschaft mit 19 Jahren mit ihr machte: Eine Ordensfrau hat sich total unterzuordnen! Mittlerweile ist sie Theologin, promovierte Philosophin und hat einen festen Platz in der Aufarbeitung des Missbrauchs in der römisch-katholischen Kirche. Mit „Spiritueller Missbrauch in der katholischen Kirche“ (2019) zeigte sie, dass dem sexuellen Missbrauch oft ein spiritueller vorausgeht. Ihr Buch wurde zum Weckruf, der eine überfällige theologische Debatte ausgelöst hat.

Im Februar 2019 sprach Reisinger-Wagner in einem BR-Studio in München vier Stunden lang mit Kardinal Christoph Schönborn über „Schuld und Verantwortung“. Ohne Moderator! Auf die 45-minütige TV-Dokumentation folgte das komplette Gespräch in Buchform. Der Satz des Wiener Erz­bischofs hallt in mir nach: „Ich glaube Ihnen, ja.“ Zwar ist der ­beschuldigte Priester der Gemeinschaft „Das Werk“ im Mai 2019 vom höchsten kirchlichen Gerichtshof, der Apostolischen Signatur, freigesprochen worden. Aber zuvor war er als Amtschef der Lehr-
abteilung der Glaubenskongregation bereits zurückgetreten.

Nur die Wahrheit rettet Cover - © Piper
© Piper
Buch

Nur die Wahrheit rettet

Der Missbrauch in der katholischen Kirche
und das System Ratzinger.
Von Doris Reisinger und Christoph Röhl.
Piper 2021
348 S., geb.,
€ 22,70

Der britisch-deutsche Filmregisseur Christoph Röhl hat Ende Oktober 2019 die TV-­Dokumentation „Verteidiger des Glaubens“ auch in die Kinos gebracht, in der er sich mit dem Pontifikat Benedikts XVI. auseinandersetzt. Tenor des Films nach Godehard Brüntrup SJ: „Einer, der menschliche Schicksale auf dem Altar seiner Wahrheit opfert, ist Josef Ratzinger.“ Dem „blinden Fleck“ bei Ratzinger attestierte der Münchener Philosoph einen ebensolchen bei Röhl: „Es gibt keine Wahrheit der Kirche, die sich gegen eine Wahrheit der Opfer hätte ausspielen lassen. Es gibt auch keine Wahrheit der Opfer, die nun gegen die Wahrheit der Kirche gestellt werden müsste […] Das moralisch Böse, das sich in der sexuellen Gewalttat an Wehrlosen manifestiert, ist objektiv.“

Reisinger und Röhl legen nicht nur „das Scheitern“ des Pontifikats von Benedikt XVI., enggeführt auf die Missbrauchs­thematik, „als unvermeidlich“ ­offen, sondern „das Scheitern seiner Kirche“ insgesamt. Neben individuelles Versagen tritt das institutionelle. In acht Kapiteln arbeiten sie sich an ihr Ergebnis heran. Nicht ohne positive Würdigung ihres Protagonisten, als Kurienkardinal eine „rühmliche Ausnahme“ und der „als erster Papst Missbrauchsopfer getroffen“ und „entschieden gegen Täter durchgegriffen“ habe. Aber eben nicht genug, was wiederum mit der auch von Ratzinger selbst eingeräumten Tatsache zusammenhängt, er sei „kein guter Menschenkenner“ gewesen.

Beim Gründer der Legionäre Christi, Marcial Maciel, war er nicht blind wie Johannes Paul II. oder verschloss die Augen wie andere Kardinäle. Der Beginn der „institutionellen Krise“ wird mit „Sommer 1984“ angesetzt – einem Fall in den USA. Aber auch in ­Deutschland war das Thema bereits „Anfang der 1990er“ virulent „Verheimlichungsroutine“ und „Versetzungspraxis“ („passing the trash“) gab es jenseits wie diesseits des Atlantiks.

Erschütternde Details müssen Leser verkraften. Zu einzelnen Fällen kommt die „Etikettierung des Problems als homosexuelles Problem“ – ein beliebtes Ablenkungsmanöver. Erklärt wird das mit dem „Vera­-Prinzip“ als einer „Art hermeneutischer Schlüssel für eine spezifisch römisch-­katholische Methode: Die Verdoppelung gängiger Begriffe mit dem Ziel, sie zu ,katholisieren‘“. Das Lehramt kenne „von jedem kirchlichen Schlüsselbegriff […] zwei Versionen: eine wahre (lat. vera ) und eine verkehrte.“ Die wahre Version stimmt mit dem „Willen Gottes“ und der „kirchlichen Lehre“ überein, die verkehrte verstößt gegen die „Natur“ und gegen die „Wahrheit“.

Auch das päpstliche, reichlich verschwurbelte Gerede von „Sünden von Klerikern“ lenkt ab. Benennt jedenfalls nicht eindeutig, was Sache ist. So wie Bischöfe oft monatelang keine Antwort auf ihre Anfragen oder Anzeigen von der Glaubenskongregation erhielten. Maciel wusste, wie Kardinäle zu korrumpieren waren – und konnte so sein perfides Spiel treiben.

Bandbreite kirchlicher Wahrnehmung

Offensive Papst- und Traditionstreue zeichneten die „neuen Gemeinschaften“ mit charismatischen Gründerpersönlichkeiten aus. Die Rettung des „christlichen Abendlandes“ blendete – und ermöglichte oder begünstigte Missbrauch bis hin zur Integrierten Gemeinde, die von Ratzinger (der sich mittlerweile getäuscht fühlt) aus theo­logischen Gründen gefördert wurde. „Es fällt auf“, so liest man, „dass Joseph Ratzinger, der nicht selten auf kleinste Hinweise auf lehramtliche Untreue schnell und konsequent reagierte“, Hinweise auf „die so offensichtlich problematische Theologie“ einzelner Bewegungen „schlicht ignorierte“ und sie für „kompatibel“ mit der kirchlichen Lehre hielt. Reisinger und Röhl halten es für „äußerst unwahrscheinlich“, dass Ratzinger von warnenden „Dokumenten und Gutachten“ nichts wusste. Bei der Verurteilung von Theologen wie Leonardo Boff, Charles Curran, Edward Schillebeeckx OP, Jacques Dupuis, Reinhard Meßner, Tony Flannery, der Neutralisierung von Bischof Felix Davídek und anderen ging es flotter zu. Eugen Drewermann, als Priester suspendiert, wird heute vom Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer als „Prophet“ bezeichnet – das zeigt die Bandbreite kirchlicher Wahrnehmung an!

Ehrliches Bemühen als Pontifex maximus kann Benedikt XVI. niemand absprechen. Aber das reichte nicht. Es war unbeholfen, unkoordiniert, zu wenig konsequent.

Seit 2001 wurden Missbrauchsfälle exklusiv an die Glaubenskongregation gezogen. Doch bis zu seiner Papstwahl ­konnte die „kirchliche Geheimhaltungskultur“ unter Ratzinger weiter gedeihen. Dass sein Pontifikat „eine vorhersehbare Katastrophe“ gewesen sein soll, ist ein hartes Urteil.

Holt Benedikt jetzt noch seine Verantwortung als Erzbischof von München und Freising ein? Ehrliches Bemühen als Pontifex maximus kann ihm niemand absprechen. Aber das reichte nicht. Es war ­unbeholfen, unkoordiniert, zu wenig konsequent. Die verschiedenen Reporte, die über seinen Schreibtisch gingen, müssen ihn in seiner sterilen Theologenwelt erschüttert ­haben. Letztlich war er der Aufarbeitung nicht gewachsen. Er war nicht nur Gefangener schlechter Berater und ihrer Interessen bis hin in den päpstlichen Haushalt, sondern auch seiner selbst. Darin besteht die Tragik seiner verschiedenen Ämter – wie auch seines Lebens. Opfer einer platonischen Blase?

Die Bilanz von Reisinger und Röhl ist düs­ter und erschreckend: „Ein Ende der Krise“, so ihr allerletzter Satz in dem aufwendig recherchierten Buch, „ist nicht in Sicht“.

Der Autor ist Theologe, Publizist und Seelsorger an der Münchner Jesuitenkirche.

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