Nur Gast, nicht König

Der Tourismus ist zwar für viele Länder eine unverzichtbare Einnahmequelle, seine Auswirkungen auf das Leben der Bevölkerung können jedoch verheerend sein. Soziales Gewissen und Verantwortungsgefühl sind daher auf Reisen gefragt.

Der Fall beschäftigt derzeit Gendarmerie und Staatsanwaltschaft: In einem Hotel in dem Salzburger Schiort Obertauern wurden die - meist illegal beschäftigten - Mitarbeiter in der Nacht im Zimmer eingesperrt und durften auch am Tag das Hotel nur mit Genehmigung verlassen. Beschwerden wurden mit Kündigungs- und Abschiebungsdrohungen verhindert.

Wenn auch Missstände wie dieser nicht die Regel sind, so gehören doch die Angestellten in der Tourismusbranche zu den am meisten benachteiligten Berufsgruppen auf dem Arbeitsmarkt. Häufig handelt es sich um Saisoniers ohne genaue Kenntnis ihrer Rechte, oftmals sind sie unterbezahlt und überbeansprucht. Positive Beispiele sind selten: Ein Kärntner Hotelier, der seinen Angestellten regelmäßig Kurzurlaube in anderen Hotels bezahlt, wird von seinen Kollegen ausgelacht. Der Umstand, dass auf diese Art motivierte Bedienstete, die Hotels auch aus der Sicht des Gastes erleben , viel zur positiven Atmosphäre im eigenen Haus beitragen können, wird meist nicht bedacht.

Nachhaltiger Tourismus

Schon im Jahr 1896 zeigte Hugo von Hofmannsthal in der Erzählung "Das Dorf im Gebirge" kritisch auf die sozialen Auswirkungen des Alpentourismus in Altaussee: "Im Juni sind die Leute aus der Stadt gekommen und wohnen in allen großen Stuben. Die Bauern und ihre Weiber schlafen in den Dachkammern."

Spätestens nach dem großen Tourismusboom der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurden dessen soziale und damit untrennbar verbundene kulturelle Auswirkungen zum politischen und entwicklungspolitischen Thema. Anfang der achtziger Jahre wehrte sich Vent im Ötztal gegen eine Erschließung durch Hotelbauten, um die Kultur des Bergbauerndorfes zu erhalten. Etwa zur gleichen Zeit warfen Bewohner im indischen Goa Fischköpfe auf deutsche Urlauber und auf spanischen Inseln wurden Urlauberbusse mit Kuhmist beschmiert: "Fuerte Alemanes - Deutsche, geht heim." Was in Europa und im aufkommenden Tourismus in Entwicklungsländern gefordert wurde, war die Rücksichtnahme der Tourismuswirtschaft auf lokale Kulturen, angemessene Entlohnung, menschenwürdige Arbeitsbedingungen für die Angestellten im Tourismus und ein Einstellen der Gäste auf lokale Sitten. Der Gast war somit nicht länger König, sondern wurde wieder zum Gast.

Die Weltkonferenzen in Rio im Jahr 1992 und in Johannesburg im vergangenen Jahr haben die Themenkomplexe Umwelt, Soziales und Wirtschaft zur nachhaltigen Entwicklung verknüpft. Seither wurde auch der nachhaltige Tourismus zu einem Begriff, der die ökologische und soziale Rücksichtnahme mit den wirtschaftlichen Erfolgen für die Einheimischen verbinden will.

Touristen, die sich im Urlaub den gleichen Komfort, das gleiche Essen wie zu Hause wünschen und ihre von den Hochglanzprospekten vorgefertigten Klischees bestätigt sehen wollen, haben in vielen Tourismusdestinationen zerstörende Kreisläufe in Gang gesetzt. Alltagsrituale werden an touristische Terminkalender angepasst, nach Bedarf wiederholt und verkommen so zu Schaubräuchen. Persönliche Sphären der Einheimischen werden als lohnenswerte, pittoreske Erinnerung fürs Fotoalbum gesehen und das Interesse an Sprache und Kultur der Bereisten beschränkt sich auf die einfachste Übersetzung des Bierbestellens. Derart behandelte Gastgeber wollen selbst über kurz oder lang vom Tourismus nichts mehr wissen. Ein möglicher interessanter Austausch zwischen den Kulturen, eine Horizonterweiterung, die vielfach zitierte völkerverbindende Wirkung des Tourismus unterbleiben so zwangsläufig.

Wenn es auch oftmals negative Auswirkungen des Tourismus gibt, so ist auch manchmal das Gegenteil der Fall: Die libyschen Tuareg, ein einstmals nomadisches Volk, das zunehmend sesshaft wurde, bangen um ihre kulturelle Zukunft. Überlieferungen, wie das Überleben in der Wüste, wurden seit jeher nur mündlich weitergegeben und die Jungen haben heute wenig Interesse an der Wüste als Wurzel ihrer Kultur. Erst der Tourismus und das Interesse der Touristen an der Kultur der Tuareg und der Wüste bringt die Jungen wieder dazu, das Wissen der Alten anzunehmen.

Reisende können aber durch ihr Verhalten kulturelle und soziale Affronts begehen. Der missverständliche Einsatz von Gestik oder unpassende Kleidung in Gotteshäusern beherbergen ebenso wie der Usus, religiöse Stätten wie die heiligen Berge Ayers Rock, Fuji oder Kailash zu reinen Objekten des Sightseeings verkommen zu lassen, die Ignoranz oder zumindest Unwissenheit des westlichen Reisenden.

Die extremsten sozialen Auswirkungen zeigen sich im steigenden Phänomen der Kinderarbeit und in der sexuellen Ausbeutung von Kindern im Tourismus. Die europäische Tourismuswirtschaft hat - auf sanften Druck von Nichtregierungsorganisationen wie "respect", dem Institut für Integrativen Tourismus und Entwicklung - reagiert und einen Verhaltenskodex zum Schutz der Kinder unterzeichnet. Die Umsetzung mit Informationen an die Reisenden sowie Trainingsmaßnahmen für Reiseleiter und Verkaufskräfte beginnen erst schrittweise.

Und der Ausblick? Die Welttourismusorganisation WTO/OMT hat 1999 einen Weltkodex für Ethik im Tourismus verabschiedet, der beispielsweise festlegt, dass touristische Aktivitäten den Respekt vor den Menschen wahren und Menschenrechte fördern sollen. Der Kodex richtet sich an Reisende ebenso wie an Regierungen und die Tourismuswirtschaft. Die Einhaltung der Richtlinien soll vor einem noch zu schaffenden Weltkomitee für Ethik von jedermann eingeklagt werden können. Konsequenzen für Verstöße sind (noch) nicht bekannt ...

Kein erhobener Zeigefinger

Viel wirkungsvoller scheinen positive Kampagnen, die sich an die Reisenden richten. Nicht der erhobene moralische Zeigefinger dient als Wegweiser in die Fremde, sondern der Ratgeber für lustvollen, erholsamen und fairen Urlaub. So hat sich gerade eine Reihe Prominenter wie der Musiker Willi Resetarits und CaritasPräsident Franz Küberl gefunden, die sich im Rahmen einer Kampagne von "respect" mit Wohlfühltipps zum Nachmachen an die österreichischen Reisenden wenden.

Denn solange der Mensch die Welt respektvoll bereist, solange ist er immer auch auf der Suche nach einem Stück mehr Kontakt, Verantwortung und einer Verbesserung der Gegenwart.

Der Autor ist Leiter von respect - Institut für Integrativen Tourismus und Entwicklung.

Weiterführende Informationen im Internet unter www.respect.at

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