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Oase in der Stadt

Klosterleben auf Zeit: Ein Erfahrungsbericht von Maximilian A. Trofaier

Durch lange, breite Gänge erreichen wir den Gästetrakt des Stiftes, die so genannte "Oase". Der Gastmeister Pater Johannes Jung erinnert mich noch kurz an die Gebetszeiten, dann lässt er mich alleine. Das Zimmer ist klein und schlicht, aber ich habe das Nötigste: ein Bett, einen Schrank, einen Schreibtisch. Ich blicke aus dem Fenster auf die Idylle des Konventgartens. Absolute Stille. Und doch war ich noch vor fünf Minuten umgeben von Straßenlärm und urbaner Hektik - ein Kloster im Herzen der Stadt.

Das Schottenstift auf der Freyung in Wien nimmt sein 850jähriges Bestehen zum Anlass, den Aspekt des Stadtklosters besonders zu betonen. Diese Situation ist für Benediktiner, die ja meist in Abgeschiedenheit leben, keine leichte Sache. "Als Mönch in der Stadt ist man viel mehr in das Leben der Welt eingebunden", konstatiert Prior Pater Nikolaus Poch. All das, was man täglich erlebe, könne man in das persönliche Gebet hineintragen, um umgekehrt dort wieder Ruhe für die Arbeit im geschäftigen Alltag zu finden. Problematisch sei aber die nicht einfache Trennung von Welt und Kloster. Diesen Abstand müsse man sich selber schaffen. "Am Abend zur Ruhe zu kommen ist eines der schwierigsten Unterfangen des Tages", so Pater Nikolaus. Die Klausur spiele hier eine wesentliche Rolle.

Tatsächlich haben die Mönche nur wenig Raum, wo sie sich ungestört von der Außenwelt bewegen können. Sogar innerhalb der eigenen Mauern, im so genannten Schottenhof, finden sich gleich zwei Lokale mit Gastgärten, wo zur Zeit der klösterlichen Nachtruhe noch heiteres Treiben herrscht.

Unterbrechung der Hektik

Kurz vor sechs Uhr in der Früh begebe ich mich, den Schlaf noch in den Augen, in die Kirche zu Vigil und Laudes. Einer nach dem anderen erscheinen die Mönche und nehmen wortlos ihren Platz im Chorgestühl ein. Das Gebet eröffnet den Tagesablauf, davor darf nicht gesprochen werden. Während in der kommenden Stunde abwechselnd Psalmen rezitiert, Bücher gelesen und meditative Stille gehalten werden, erscheinen beim Kircheneingang immer wieder vereinzelte Schatten, die kurz in Stille verharren, um dann wieder in das Getöse zurückzukehren.

Eine wichtige Aufgabe des Stadtklosters ist für den Prior die Unterbrechung der Hektik der pulsierenden Großstadt durch die Schaffung eines Raumes für Gott - und für Menschen, die mit Gott in Verbindung treten wollen. Dies geschieht bei den Schotten vor allem durch die Liturgie. Bereits vor siebzehn Jahren wurde das Chorgebet der Mönche von der damaligen Chorkapelle in die Kirche verlegt. Seitdem hat sich nicht nur eine kleine Gruppe von Leuten gebildet, die sich morgens und vor allem abends regelmäßig zum Gebet hinzugesellt; es finden sich auch immer wieder neue Gesichter ein, die sich Inspiration und Anregung für ihr eigenes Gebet holen. Beten lernen durch mitbeten. Wobei, so Pater Nikolaus, dieses Beten einfach auch darin bestehen kann, in Stille dem Gesang der Psalmen zu lauschen.

Das Konzept, das monastische Gebet mit der Stadt und ihren Bewohnern zu teilen, wird weit über die Grenzen des Pfarrgebiets hinaus angenommen, erzählt der Prior, der gleichzeitig auch Pfarrer der Stiftspfarre ist. Aus ganz Wien kommen Menschen zu den Gottesdiensten und den pfarrlichen Aktivitäten. Dabei spielt für viele die bewusste Zugehörigkeit zu einem Benediktinerkloster eine entscheidende Rolle.

Offenheit für die Menschen

Nach dem Gebet richten sich auch die Mahlzeiten im Kloster. Von der Kirche schreiten wir direkt ins Refektorium. Vor dem Essen wird mittags noch ein Kapitel aus der Benediktregel verlesen, abends gedenkt man der Verstorbenen. Die Sterbedaten der Mönche vergangener Jahrhunderte machen einem die lange Tradition bewusst, in der die heutigen Konventualen stehen. Gegessen wird in Ruhe, doch mit Gästen sucht man auch das interessierte Gespräch.

"Ein verstärkter Auftrag an den Mönch in der Stadt ist die Hinwendung zu den Menschen und nicht mehr nur zu sich selbst", stellt Frater Stephan-Maria Szinai fest. Der Subprior weiß, wovon er redet, hat er doch selbst vor seinem Kommen nach Wien in einem Landkloster gelebt. Ebenso sieht Pater Nikolaus die Bedeutung einer Offenheit für die Menschen, die mit all ihren Problemen, aber auch ihren Freuden oft alleine gelassen sind. Wichtig sei es, ein offenes Ohr und Zeit für Gespräche zu haben - ein nicht immer leichtes Wagnis. Täglich suchen viele Personen Kontakt zum Kloster, manche über die Pfarre, manche über das dazugehörige Gymnasium, manche auch über den Klosterladen. Für sie alle gilt es da zu sein.

Als Gast ziehe ich mich tagsüber auf mein Zimmer zurück. Manchmal setze ich mich auch in die Kirche und bewundere die Pracht des von Heinrich Ferstel gestalteten Innenraums. In der Romanischen Kapelle, wo zum Abschluss des Tages jeden Abend die Komplet gebetet wird, bleibt mein Blick unweigerlich an der ältesten Marienstatue Wiens hängen. Ich bin mehr oder weniger der einzige, der durchgehend im Haus ist, im Haus sein kann. Die Mönche haben ihre Berufe, denen sie nachgehen. Einige sind Lehrer am Schottengymnasium, andere in der Pfarrseelsorge tätig, auch Juristen finden sich im Konvent. Die meisten betreuen darüber hinaus seelsorglich auch noch verschiedene Gruppen. Dabei versuchen alle, die Gebetszeiten als Eckpfeiler und Grundstruktur des Tages einzuhalten.

Die Tätigkeiten außerhalb der Klostermauern werden aber nicht als Last empfunden. Auch sie bieten Gelegenheit, mit den Bewohnern der Stadt Kontakt aufzunehmen. "Man darf nicht nur darauf warten, angesprochen zu werden", meint der Prior. Eher sei eine Pendelbewegung hin zu den Menschen anzustreben. Die Anonymität der Stadt leiste hier durchaus ihre Dienste. Während man am Land schnell erkannt und in eine Schublade gesteckt werde, könne man als Mönch in einer Metropole wie Wien viel leichter mit den Leuten in Dialog treten. Außerdem fühlten sich die Menschen in der Stadt weniger unter sozialen Druck gesetzt als am Land.

Taufe & Leben

Über Jahrhunderte waren Klöster auch Horte und Förderer der Künste. "Auch heute wäre eine stärkere Beteiligung am kulturellen Leben besonders wünschenswert", hebt Abt Heinrich Ferenczy hervor. Aus diesem Grund nahm das Stift sein heuriges Jubiläum zum Anlass, die beiden Wiener Künstler Cécile Nordegg und Jonathan Berkh mit der Schaffung von Ostertüchern zu beauftragen. Diese befassen sich mit den Themen Taufe und Leben. So stellen sie ein bewusstes Gegenstück zu den sonst üblichen Fastentüchern dar. Sie wurden der Öffentlichkeit in der diesjährigen Osternachtsfeier präsentiert und werden bis Pfingsten aushängen, also auch beim Festgottesdienst anlässlich des Jubiläumsjahres am 8. Mai zu sehen sein. Danach sollen die Tücher allerdings nicht wieder verschwinden, sondern als variables Kunstwerk unter anderem bei Taufen in der Gemeinde präsent bleiben. Dadurch werden sie verwirklichen, was für ihren Auftraggeber genauso gilt: Die Ostertücher und das Kloster, beide wollen nicht Selbstzweck sein, sondern Teil des Lebensweges dieser Gemeinde und dieser Stadt.

Der Autor studiert Geschichte und Jus an der Universität Wien.

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