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Ökotourismus - mehr als nur Flucht in exotische Paradiese

Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2002 zum Internationalen "Jahr des Ökotourismus und der Berge" erklärt

Stell dir vor, es ist Ökotourismus, und keiner geht hin..." Ähnlich dachte wohl mancher Teilnehmer der Internationalen Konferenz über "Ökotourismus in Berggebieten" in St. Johann im Pongau, die zufällig am Tag nach den Terroranschlägen ihre Pforten öffnete: Mancher prominente Referent war wegen Krisensitzungen oder wegen des Flugstops über den Atlantik verhindert.

Die Meldungen über den Zusammenbruch des Flugverkehrs und - in der Folge - auch einiger Luftlinien versetzten dieses internationale Expertentreffen in eine paradoxe Situation: Plötzlich erfüllten sich die vehementen Forderungen der Tourismuskritiker nach weniger Flügen, weniger Umweltbelastung und somit weniger Schäden durch Tourismus...

So freilich war das nicht gemeint!

Doch mit Bedeutungen gibt es ganz allgemein ziemliche Schwierigkeiten, wenn es um Ökotourismus geht. Bis heute gibt es nämlich keine einhellige Definition dieses ursprünglich englischen Begriffs, der erst 1995 ins Deutsche übernommen wurde.

Weitläufig wird darunter eine Form des verantwortungsbewussten Reisens in naturnahe Gebiete verstanden, die möglichst geringe negative Umweltauswirkungen und soziokulturelle Veränderungen verursachen und außerdem zur Finanzierung von Schutzgebieten und zum Einkommen für die jeweilige lokale Bevölkerung beiträgt.

Soweit die vage Theorie. In der Praxis findet man eine Unmenge an Angeboten, die entfernt mit Natur zu tun haben, und primär der Finanzierung des Veranstalters dienen. Dazu zählen sogar Allrad-Expeditionen, "Heli-Skiing" oder Sportfischerei. Die häufigsten "Ökotouristen" findet man erstaunlicherweise unter den Sonnenanbetern, die ihre Strandkuren mit einem Safari-Trip auffetten. Kein Wunder, dass Ökotourismus als zwar kleines, aber am schnellsten wachsendes Marktsegment des Fremdenverkehrs gilt: Es hängt nur von der Sichtweise ab...

Ohne sich an eine konkrete Definition zu klammern, deklarierte die UNO das Jahr 2002 als "Internationales Jahr des Ökotourismus und der Berge". Dahinter steht das edelmütige Ziel, die Weltöffentlichkeit für den Reichtum verschiedener Zivilisationen und Kulturen zu sensibilisieren, um eine nachhaltige Tourismusentwicklung und den Weltfrieden zu fördern. Dazu sollen konkrete rechtliche Rahmenbedingungen und Methoden zur besseren Steuerbarkeit touristischer Auswirkungen entwickelt werden. Zudem stellen sich die Fragen um die Planungen und das Management von Naturparks und nicht zuletzt auch um die bessere Vermarktung von touristischen "Naturprodukten".

Detaillierte, regionalspezifische Analysen werden derzeit auf diversen Vorbereitungskonferenzen - wie in St. Johann vom 12. bis 15. September 2001 - durchgeführt und schließlich am "Ökotourismus-Weltgipfel" in Quebec in Kanada vom 19. bis 22. Mai 2002 präsentiert. Mit über 10.000 erwarteten Verantwortungsträgern soll dies der größte jemals organisierte Gipfel werden!

Es werde nur auf Öko-Inflation und Gratis-Marketing für "Massen-Naturtourismus" hinauslaufen, während die ursprünglichen Ziele des Natur- und Kulturschutzes, der Profite für die lokale Bevölkerung und deren Beteiligung an Entscheidungsprozessen den Bach hinunter gingen.

Diese harsche Kritik der privaten Organisationen, zumeist Vertretern von indigenen Gesellschaften, hatte ihre Berechtigung. Denn als wichtigste Zielgruppe für Ökotourismus waren die "Bereisten" als Konferenzgäste ursprünglich gar nicht eingeplant gewesen. Dabei ist die Frage nach Macht und Einfluss der jeweiligen Akteure gerade im Tourismus von fundamentaler Bedeutung.

Mega-Veranstalter

In der Regel dominieren transnationale Konzerne wie Hotelketten, Fluglinien oder Mega-Veranstalter wie "Tui", die einer zu entwickelnden Region faktisch wie auch rechtlich ihren Willen weitgehend aufdrängen können. Doch genau das sollte bei Ökotourismus nicht der Fall sein! Die UNO reagierte prompt, lud zahlreiche private Organisationen ein und setzte deren Anliegen auf die Liste der Konferenz-Hausaufgaben.

Tatsächlich war Tourismus in Naturparks oft ident mit der Vertreibung von Ureinwohnern. Die aus den USA stammende Nationalpark-Ideologie fußte auf der Überzeugung, dass die "Wildnis" vor zivilisatorischen Einwirkungen zum Wohl der Bürger zu schützen sei. Die "unberührte Natur" war ursprünglich jedoch indianische Kulturlandschaft, deren Bewohner tatkräftig ausgerottet worden waren.

Die Liebe zu Wildtieren führte andernorts zur Aussiedlung der Massai aus der Serengeti und zum Weideverbot für Tuareg-Nomaden im nigerischen Aïr-Ténéré-Reservat. In Indien wurden zur Schaffung von 23 Tigerreservaten in den letzen 30 Jahren mehr als acht Millionen Inder zwangsumgesiedelt.

Erst 1995 wurde das Paradigma von der Weltnaturschutz-Organisation (IUCN), zuständig für Nationalpark-Kriterien, offiziell aufgegeben. Heute ist im internationalen Naturschutz unumstritten, dass Natur und autochthone Kultur eine untrennbare Einheit bilden. Das bedeutet aber auch die aktive Integration der Anrainer, denn wer vom Naturpark nicht profitiert und selbst ums Überleben kämpft, wird kein Verständnis für Artenschutz aufbringen und wildern.

Darum unterstützt neuerdings auch die Entwicklungszusammenarbeit das ökotouristische Engagement von indigenen Gemeinden, um über das zusätzlich geschaffene Einkommen auch deren Bewusstsein für Naturschutz zu stärken.

Die touristischen Angebote - wie die Teilnahme an Karawanen und die Unterbringung in einer Lehmfestung des Tuareg-Dorfes Timia in Westafrika - bieten auch die Chance einer offenen Begegnung zwischen Reisenden und Bereisten. In der Regel leiden aber gerade solche Projekte - abseits von Telefonleitungen - an gravierenden Vermarktungsproblemen.

Ganz anders liegen da die Schwierigkeiten der großen Naturparks, deren Erfolg sogar ihr Überleben in Frage stellt. Auf die Galapagos-Inseln etwa kommen jährlich 50.000 Besucher - bei einer zulässigen Obergrenze von 12.000! Verbunden mit diesem Massenandrang ist auch das grundsätzliche Paradox des Ökotourismus: Durch die Anreise per Flugzeug werden enorme Schadstoffmengen emittiert, wodurch der Klimawandel beschleunigt wird. Dadurch gerät aber das langfristige Überleben der besuchten Naturschutzgebiete in erste Gefahr!

Beispiel Salzburg

Dabei muss Ökotourismus keineswegs die Flucht in exotische Paradiese bedeuten. Gerade in Salzburg, dem Konferenz-Gastgeber, verdankt jeder vierte Einwohner seinen Arbeitsplatz den 21 Millionen Gästenächtigungen pro Jahr. Und weil sich die Verantwortlichen um die fundamentale Bedeutung der alpinen Natur bewusst sind, wird seit 1983 auf die weitere Erschließung von alpinen Skigebieten verzichtet.

Als Beitrag zum Klimaschutz wurden 26 Biomasse-Fernheizwerke installiert, die mit Holzresten aus Sägewerken betrieben werden. Dabei entspricht der Schadstoffausstoß für einen ganzen Ort etwa dem eines Einfamilienhauses, das mit Öl beheizt wird.

Auch das Hauptärgernis Verkehr - jährlich reisen 100 Millionen Besucher mit dem Pkw in die Alpen - wurde innovativ mit dem Verkehrsmodell "mobilito" gelöst. In Kooperation mit Bundesbahnen und Postbus werden den Gästen via Internet (www.mobilito.at) besondere autofreie Anreisemöglichkeiten geboten und dennoch die totale Mobilität vor Ort durch Shuttles und Elektrofahrzeuge garantiert.

Der Pionier der Ökotourismus-Philosophie ist jedoch die Familie Tessmann im Kärntner Eberstein. Vor 15 Jahren hatte sie das erste Öko-Hotel Österreichs, das "Biolandhaus Arche", gegründet und damit bislang zahlreiche Auszeichnungen errungen. An die 4.000 Gäste lassen sich jährlich in baubiologischen Vollholzzimmern der Lehmbau-Appartements von hausgemachten Bio-Spezialitäten verwöhnen.

Mobilität vor Ort wird durch Pferde ermöglicht, und zur Unterhaltung gibt's Massagen und Märchenstunden. Warum also soweit schweifen, wenn das Gute so nah liegt? Die Förderung solcher Klein-Initiativen wäre ja Sinn des Ökotourismus-Jahres. Ob das die Reisekonzerne auch zulassen werden, ist die andere Frage...

Der Autor dissertiert derzeit über Ökotourismus bei den Tuareg im Niger als Mittel der Armutsbekämpfung und führt auch selbst Touren in die Region.

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