Ökumenisch. Sozial. Weiter brisant.

Ein Jahr Ökumenisches Sozialwort: Österreichs Kirchen und Christen sind weiter aufgerufen, ihre Finger in sozialpolitische Wunden zu legen.

Nein, ein medialer Knüller war es nicht gewesen, was Österreichs Kirchen vor einem Jahr der Öffentlichkeit präsentiert hatten: Nach einem vierjährigen Prozess hatte der Ökumenische Rat der Kirchen sein Sozialwort vorgelegt, das - wie Christine Gleixner, die Vorsitzende des Rates betonte - ein "Kompass" sei, ein "gültiger", aber kein "endgültiger". Vielleicht war das Unterfangen für schnelle Kommentatoren ein wenig zu spröde, das Medieninteresse am Sozialwort blieb aufflackernd, aber endenwollend. Bei näherer Betrachtung hätte es einiges zu berichten gegeben - auch in Bezug auf Aspekte, die sich dem eiligen Leser nicht so schnell erschlossen. "Sachgerechtigkeit und die dazu notwendige Subtilität, die manche Kommentatoren schlecht geredet haben, sind die großartige Leistung des Sozialworts", brachte es etwa der weltweit als Management-Berater tätige Helmut Karner letzten Dezember in einer Furche-Debatte mit Sozialwort-Koordinator Alois Riedlsperger auf den Punkt; Karner monierte gleichzeitig, dass die Sprache des Sozialwortes wider den sozialen und ökonomischen Wahnsinn der globalen Finanzwirtschaft aber noch viel zu milde ausgefallen sei.

Letztes Wochenende zogen die Sozialwort-Promotoren in Wien die erste Jahresbilanz nach dem Erscheinen des Dokuments. "Sozialbischof" Maximilian Aichern aus Linz blickte dabei befriedigt aufs verstärkte sozialpolitische Engagement der katholischen Kirche - auch seiner Mitbrüder - zurück: So hat sich Kärntens Bischof Alois Schwarz besonders für die Probleme des ländlichen Raums eingesetzt, markant war auch das Engagement des Innsbrucker Bischofs Manfred Scheuer in der Transitfrage. In seiner eigenen Diözese betrieb Aichern gemeinsam mit dem evangelischen Superintendenten Hansjörg Eichmeyer eine Reihe öffentlicher Gespräche mit Politikern und Vertretern von Arbeit und Wirtschaft, und in Salzburg hat die Erzdiözese einen "Sozialwort-Preis" gestiftet.

Eine - hierzulande stark unterschätzte - Beispielwirkung geht von der ökumenischen Dimension des Sozialworts aus: Noch nie gab es ein vergleichbares Projekt, in dem Kirchen der östlichen, der reformatorischen und der katholischen Tradition sich auf ein derartiges Dokument verständigten. Dabei geht es nicht nur, wie der griechisch-orthodoxe Metropolit Michael Staikos lobt, um die Anerkennung der östlichen Kirchen als "gleichwertige Partner". Sondern die jeweiligen Traditionen können gerade in ihrer Sicht auf soziale Fragen zu einem ergänzten Ganzen beitragen. Eine wissenschaftliche Publikation zu diesem Thema ist in Vorbereitung, Ingeborg Gabriel, katholische Sozialethikerin an der Universität Wien, erläuterte dies bei der Jahresbilanz: Die Katholische Soziallehre fuße stark auf dem Prinzip Sehen-Urteilen-Handeln, während die protestantische und die orthodoxe Tradition eher das Hören, auch das Hören auf das Wort betone. Alle Beteiligten sind sich in der Einschätzung einig, dass die ökumenische Dimension dieses Sozialworts über die Grenzen Österreichs hinausstrahlt. Auch das jüngste Sozialkompendium aus Rom (vgl. Artikel auf Seite 3) will ja die ökumenische Zusammenarbeit forcieren - das österreichische Sozialwort hat das längst vorexerziert.

Über "Basis"-Aktivitäten, wurde zum ersten Jahrestag des Sozialworts ebenfalls bilanziert: Das Projekt "Pilgrim" über Nachhaltigkeit in Schule und (Religions-)Unterricht gehört da ebenso dazu wie ein ökumenischer Wegweiser zu Sozialinitiativen in Salzburg, ein Tiroler Bildungshaus als Klimaschutz-Betrieb, die Initiative der Katholischen Frauenbewegung Wien für mehr Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche oder die Entwicklung eines Grundsicherungs-Modell durch die altkatholische Kirche sind nur einige Beispiele dazu.

Bleibt die Frage nach der politischen Wirkung des Ökumenischen Sozialworts: Ganz konkret wurde dies etwa bei der Lokalpolitik in Mödling (s. rechts). Und auch der evangelische Diakonie-Direktor Michael Chalupka konnte eine erfreuliche Bilanz vorlegen: Das Plädoyer des Sozialworts für soziale Grundrechte etwa habe zu einem gemeinsamen Entwurf von ÖGB, Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung im Verfassungskonvent geführt. Auch in Brüssel entstand aus dem österreichischen Sozialwort eine Initiative karitativer und diakonischer Einrichtungen, die gegen die Aussetzung sozialer Bürgerrechte auftritt.

Neben einer Reihe weiterer politischer Aktivitäten, die direkt aufs Sozialwort zurückzuführen sind, beklagte Chalupka aber auch den fehlenden "grundlegenden und differenzierten Dialog" zur Sozialpolitik: So gibt es immer noch keine Sozialverträglichkeitsprüfung - eine "alte kirchliche Forderung". Bei der Gesundheitsreform und der Pensionsharmonisierung hätte eine solche zu größerer Aufmerksamkeit für die Belastungen armutsgefährdeter Gruppen geführt. Dies stehe aber, so Chalupkas Resümee, "scheinbar nicht auf der tagespolitischen Prioritätenliste".

Nicht zuletzt diese Diskussion zeigt, dass das Ökumenische Sozialwort brisant bleibt, und dass es den Kirchen bzw. den Christen im Lande weiter obliegen wird, Finger in sozialpolitische Wunden zu legen.

INFORMATIONEN über Aktuelles und die weitere Evaluation des Sozialworts: www.sozialwort.at

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