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Ökumenische Soziallehre von unten

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Soziallehre ist nicht nur ein "katholisches" Wort: Evangelische Christen haben Vergleichbares entwickelt. Vieles ist dabei ein gemeinsames Anliegen der Kirchen.

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Soziallehre ist nicht nur ein "katholisches" Wort: Evangelische Christen haben Vergleichbares entwickelt. Vieles ist dabei ein gemeinsames Anliegen der Kirchen.

Wer heute ein kirchenleitendes Amt übernimmt, hat es nicht leicht. Weit über die geistliche Kompetenz hinaus wird von Bischöfen und Bischöfinnen Auskunftsfähigkeit zu zahlreichen Fragen der Zeit erwartet. Die Interviewwünsche beziehen sich auf Fragen der Arbeitslosigkeit und Einkommensgerechtigkeit ebenso wie auf die Situation der Familien, die rechtliche Gleichstellung von homosexuellen Lebensgemeinschaften oder, derzeit besonders häufig, auf den Umgang mit den neuen Möglichkeiten der Biotechnologie.

Die Nachfrage nach Stellungnahmen der Kirchen zu all diesen Fragen zeigt: die im gesellschaftlichen Modernisierungsprozess zu diagnostizierende Entthronung der Kirchen als die einzige und maßgebliche Instanz zur Vermittlung von Werten hat offensichtlich entgegen manchen Annahmen keineswegs dazu geführt, dass die Kirchen als Quellen der Orientierung nicht mehr gefragt sind. Im Gegenteil: gerade die Pluralisierung der Werte hat zu einem neuen Orientierungsbedarf geführt, für den die Kirchen nach wie vor erste Ansprechpartner zu sein scheinen.

Umso wichtiger ist es, dass Theologie und Kirche sich den ethischen Fragen der Zeit stellen, ihren Bezug zu Fragen des Glaubens herausarbeiten und sich, entgegen allem Rückzug ins binnenkirchliche Milieu, dazu mit Leidenschaft in der Öffentlichkeit zu Wort melden. Für den Katholizismus hat sich, insbesondere im Hinblick auf Fragen der sozialen Gerechtigkeit, die katholische Soziallehre als entwicklungsbedürftige, aber eben auch entwicklungsfähige Ressource der Orientierung erwiesen. Auch im Bereich des Protestantismus lassen sich Ansätze einer "evangelischen Soziallehre" identifizieren.

Soziallehre, evangelisch Sie reichen von den noch immer viel zu unbekannten wirtschaftsethischen Schriften Martin Luthers über den religiösen Sozialismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis hin zu den Denkschriften der Evangelischen Kirche in Deutschland - EKD zur Wirtschafts- und Sozialpolitik, die im Nachkriegsdeutschland große Beachtung gefunden haben. Diese Beispiele zeigen: die protestantische Betonung der Freiheit steht keineswegs im Widerspruch zu dem Gedanken einer Soziallehre, die verbindliche ethische Orientierung zu geben versucht.

Aus evangelischer Sicht muss aber auch in Fragen der Soziallehre das Priestertum aller Gläubigen die Grundlage für solche Verbindlichkeit sein. Was gilt, kann nicht von kirchlichen Autoritäten festgelegt werden, sondern muss sich in einem intensiven kirchlichen Kommunikationsprozess im Innern und nach außen herausbilden.

Dennoch würde die Frage, ob Dokumente einer Soziallehre als "evangelisch" oder als "katholisch" bezeichnet werden können, verengt, wollte man sie nur in konfessioneller Hinsicht beantworten. "Evangelisch" bedeutet im ursprünglichen Sinn "evangeliumsgemäß". Und mit "katholisch" wird in der eigentlichen Bedeutung des Wortes auf die Katholizität, also den weltumspannenden Horizont der Kirche als ganzer hingewiesen werden. Evangelische wie katholische Soziallehre folgen deshalb jeweils ihren eigenen Intentionen, wenn sie sich in Richtung auf eine ökumenische Soziallehre entwickeln.

Kirchlich-revolutionär Umso bemerkenswerter ist es, dass gerade in dieser Hinsicht in den letzten 15 Jahren in der kirchlichen Urteilsbildung eine kleine Revolution stattgefunden hat. In verschiedenen nationalen Kontexten hat ein Prozess begonnen, der den Keim zu einer kommunikativ verwurzelten Soziallehre in sich trägt. Was wir erleben, ist die Entwicklung einer "ökumenischen Soziallehre von unten".

Eine Schlüsselstellung in diesem Prozess nimmt der Wirtschaftshirtenbrief der U.S.-Bischöfe von 1986 ein. Nicht nur inhaltlich bedeutet er eine Zäsur, insofern die in der Befreiungstheologie entwickelte vorrangige Option für die Armen erstmals in einer reichen Kirche der westlichen Welt zum entscheidenden Prüfkriterium für die ethische Beurteilung wirtschaftlicher und sozialer Sachverhalte gemacht wurde. Sondern auch im Hinblick auf seine Entstehung ist das Dokument ohne Beispiel. Der Hirtenbrief entstand in einem fünfjährigen Konsultationsprozess, der in drei aufeinanderfolgenden Fassungen des Dokuments seinen Niederschlag fand. Im ganzen Land wurden Veranstaltungen dazu organisiert. Weit über den kirchlichen Bereich hinaus wurden seine Inhalte diskutiert. Mehrmals berichtete die New York Times auf der ersten Seite davon - für ein kirchliches Dokument ein ungewöhnlicher Vorgang.

Das Modell des Wirtschaftshirtenbriefs ist zum "Erfolgsmodell" geworden. Wenige Jahre nach seinem Erscheinen, im Jahr 1989, veröffentlichte eine der grossen protestantischen Kirchen der USA, die United Church of Christ, ein ähnliches, ebenfalls breit diskutiertes Dokument. 1990 folgte der Sozialhirtenbrief der österreichischen Bischöfe, und 1994 bis 1997 wurde von den beiden großen Kirchen in Deutschland in ökumenischer Zusammenarbeit das "Gemeinsame Wort zur wirtschaftlichen und sozialen Lage" erarbeitet. Erstmals wurde ein kirchliches Dokument nicht von den in der Regel dafür zuständigen Expertengremien erarbeitet, sondern in einem breit angelegten Prozess der Diskussion und Revision, der alle Ebenen von Kirche und Öffentlichkeit umfasste: Im kirchlichen Bereich von den Gemeinden über die kirchlichen Werke und Dienste bis hin zu den Leitungsebenen, im außerkirchlichen Bereich von den politischen Parteien, etwa in den Debatten des deutschen Bundestages, über Gewerkschaften und Unternehmerverbände bis hin zu den Institutionen von Bildung und Wissenschaft. Das Echo übertraf alle Erwartungen. 4.000 Veranstaltungen wurden zu dem ersten Entwurf abgehalten, die Tausenden von Eingaben, die gemacht wurden, umfassten 30.000 Seiten, die von etwa 10.000 Verfasserinnen und Verfassern erstellt wurden. Die erste Auflage des Entwurfs von 400.000 war bald vergriffen, er wurde auch ins Englische, Französische, Spanische und Italienische übersetzt.

Der in den letzten Jahren geführte ökumenische Konsultationsprozess der Kirchen in der Schweiz hat viele der Impulse des deutschen Prozesses aufgenommen. Auch hier übertraf die Beteiligung die Erwartungen. Der Prozess wird noch in diesem Jahr in ein "Wort der Kirchen zur sozialen und wirtschaftlichen Zukunft der Schweiz" münden, dessen Veröffentlichung zur Zeit vorbereitet wird.

Die Situation deuten Nicht nur im Hinblick auf den kommunikativen Entstehungsprozess, sondern auch im Hinblick auf Methodik und Inhalt lassen sich deutliche Konvergenzen in den Dokumenten, die aus all diesen Prozessen schon jetzt entstanden sind, identifizieren: Die ethischen Urteile werden nicht deduktiv aus biblischen oder philosophischen Sätzen hergeleitet, sondern sie basieren auf einer umfassenden Deutung der Situation. Grundlage ist der Dreischritt von "Sehen, Urteilen und Handeln". In allen Dokumenten werden die biblischen Perspektiven deutlich gemacht, von denen die ethischen Urteile geprägt sind. Gleichzeitig werden sie durch tragfähige Argumente praktischer Vernunft für alle Menschen guten Willens plausibel gemacht. Inhaltlich charakteristisch sind für alle Dokumente insbesondere drei Elemente: n die Option für die Armen als Basis für die Beurteilung der gesellschaftlichen Verhältnisse, n die Betonung der Nachhaltigkeit als grundlegendes Kriterium für den ökologischen Umbau der Wirtschaft n sowie die im Lichte des universalen Nächstenliebegebots verstandene eine Welt als Horizont wirtschaftlicher Verantwortung.

Im Sinne dieser inhaltlichen Orientierungen soll um einen neuen Grundkonsens in der Gesellschaft geworben werden. Der Ort für dieses Werben, auch das kann als Gemeinsamkeit aller Dokumente festgehalten werden, ist die demokratische Zivilgesellschaft.

Versöhnungsbotschafter Dass nun auch in Österreich im "Projekt Sozialwort" an die guten Erfahrungen im eigenen Land und in anderen Ländern angeknüpft wird, zeigt: der Nährboden ist fruchtbar für das Wachstum des noch zarten Pflänzchens einer ökumenischen Soziallehre "von unten". Eine solche Soziallehre von unten wäre der nachhaltigste Beitrag, den die Kirchen zur Entwicklung einer weltweiten Zivilgesellschaft leisten könnten.

Als lokal verwurzelte und gleichzeitig global vernetzte Organisationen könnten sie damit das wahrmachen, was der Apostel Paulus ihnen im 2. Korintherbrief mit auf den Weg gegeben hat: Botschafter der Versöhnung an Christi Statt zu sein.

Der Autor lehrt Systematische Theologie und Ethik an der Universität Gießen und ist Mitglied der Sozialkammer der Evangelischen Kirche in Deutschland.

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