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Offene Häuser mit christlichem Gepräge

Die besondere Spiritualität der Ordenskrankenshäuser. Salvatorianerin Carmen Maria Weiss, der Barmherzige Bruder Johannes Karlik sowie der Arzt und Priester Ignaz Hochholzer über alte Gründungsaufträge und neue Herausforderungen.

Die Furche: Wenn die Schwestern Salvatorianerinnen ein Krankenhaus wie St. Josef in Wien führen, was steht da "Geistliches" dahinter?

Sr. Carmen Maria Weiß SDS: In der Lebensregel unseres Ordens heißt es: "Unsere Sorge gilt dem Heil des ganzen Menschen." Unser Gründer Pater Jordan hat gesagt: "Geht zu allen Menschen und verkündet das Wort Gottes durch euer Sein - ob gelegen oder ungelegen."

Die Furche: Was bemerken der Patient und die Patientin von Ihrer Präsenz?

Sr. Carmen Maria: Sie merken schon, wie wir mit ihnen umgehen. Ebenso mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Die Furche: Wie gehen Sie dabei mit den Mitarbeitern um?

Sr. Carmen Maria: Das zeigt sich darin, wie ich den Menschen begegne. Jede Begegnung soll eine wirkliche Begegnung sein. Das braucht nicht viel Zeit, aber die Menschen merken, dass ich ihnen wohlwollend und wertschätzend begegne.

Die Furche: Ein Krankenhaus ist auch ein Wirtschaftsbetrieb mit allen Abläufen und auch Schwierigkeiten. Was hilft Ihre Spiritualität dabei?

Sr. Carmen Maria: Zuerst steht die Frage: Aus welcher Quelle lebe ich. Mein Leben ist getragen vom Evangelium und von meinem spirituellen Hintergrund, wie ich meinen Tag beginne und durchlebe.

Die Furche: In Ordenskrankenhäusern ist - mit unterschiedlichen Namen - heute verstärkt von "Wertemanagement" die Rede. Gibt es so etwas auch bei Ihnen?

Sr. Carmen Maria: Bei uns gibt es das schon seit einiger Zeit. 1995 haben wir einen Pastoralrat im Krankenhaus gegründet, dessen Mitglieder aus den verschiedenen Bereichen kommen - aus der Pflege, der Medizin und vom Verwaltungsbereich.

Die Furche: Ihre Mitarbeiter und Patienten sind nicht in der Mehrzahl praktizierende Christen, viele haben auch eine andere Religion.

Sr. Carmen Maria: Es können alle zu uns kommen, wir sind für alle da - das gehört auch zu unserem Sendungsauftrag. Da versuchen wir, mit allen so, wie sie sind, umzugehen.

Die Furche: Die Ordensgemeinschaften schrumpfen. Sie sind also wenige im Betrieb des Krankenhauses.

Sr. Carmen Maria: Es stimmt, dass wir nicht so viele sind, aber wir sind dankbar, dass wir immer wieder noch junge Frauen haben, die sich unserer Gemeinschaft anschließen.

Die Furche: Trotzdem hat sich einiges fundamental verändert: Einst wurde der Großteil der Pflege in Ihrem Krankenhaus von Ordensschwestern bestritten. Jetzt sind Sie punktuell tätig.

Sr. Carmen Maria: Das stimmt, wir arbeiten viel mit den Laien zusammen, das heißt, wir haben frühzeitig leitende Mitarbeiter eingesetzt, die nicht dem Orden angehören, sodass die unser Werk auch in unserem Sinn weiterführen.

Die Furche: Heißt das, um bei Ihnen Primar zu werden, muss man im Herzen Salvatorianer sein?

Sr. Carmen Maria: Nein, das kann man nicht erwarten und verlangen.

Die Furche: Aber was ist dann die Verbindung zwischen Ihrer Spiritualität und - beispielsweise - einem Arzt in diesem Krankenhaus?

Sr. Carmen Maria: Wenn ein Arzt eine Führungsaufgabe übernimmt, weiß er ganz genau, in welches Haus er sich begibt. Wesentlich ist für uns, dass er Entscheidungen auf der Basis ethischer Grundlagen trifft, die mit unseren christlichen Werten übereinstimmen. Wir schauen aber natürlich sehr auf die fachliche und menschliche Kompetenz.

Sr. Carmen Maria Weiß SDS ist Geschäftsführerin und Pflegedirektorin im St. Josef-Krankenhaus in Wien, das von den Salvatorianerinnen geführt wird und dem Ordensspitalsverbund Vinzenz Gruppe Wien angeschlossen ist.

http:// www.sjk-wien.at/

Die Furche: Wie wirkt sich das, was man heute unter Spiritualität versteht, in Ihrem Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Wien aus?

Frater Johannes Karlik: Dieses Krankenhaus gibt es schon seit fast 400 Jahren: Der Geist unseres Ordensgründers Johannes von Gott ist seit damals da und muss sich an die jeweilige Zeit anpassen. Aber der Grundgeist, die Barmherzigkeit Gottes und der Mensch, der kommt, als Mittelpunkt, bleibt.

Ignaz Hochholzer: Spiritualität wird immer bedeutender, wenn man an gewisse Grenzen stößt. Natürlich macht die Medizin Fortschritte, aber die Grenzen bleiben. Die Patienten sind immer besser informiert. Darum ist die Erwartung an die Medizin auch realistischer und es gibt oft mehr Offenheit für andere Ansätze im Umgang mit der Krankheit. Auch die Spiritualität ist da ein Weg. Wir versuchen, dem Menschen im Sinn von Ganzheitlichkeit auch etwas für die Seele anzubieten. So haben wir etwa einen Besuchsdienst eingeführt, der jene Menschen von der Aufnahme an begleitet, die einen größeren Bedarf an Zuwendung haben. Spiritualität ist ja etwas Offenes, und das versuchen wir hier auch ganz bewusst anzubieten als ersten Schritt, weil wir ja Patienten aller Konfessionen und auch ohne Bekenntnis haben.

Die Furche: Nun sind der Orden und das Krankenhaus nicht etwas allgemein Spirituelles, sondern eben in der Spiritualität eines Johannes von Gott. Was bedeutet das?

Hochholzer: Der genannte Ausgangspunkt ist auch der des Ordensgründers, Johannes von Gott. Sein Angebot hat sich an alle gerichtet, ganz unabhängig von Religion oder Herkunft. Es ist uns sehr wichtig, dass das bleibt. Natürlich wollen die Barmherzigen Brüder das christliche Gepräge eines Hauses anbieten. Aber das ist offen für alle und soll für alle einladend wirken. In diesem Sinne brauchen wir eine Spiritualität, die allen auch zugänglich ist.

Die Furche: Wie bringt sich der Orden ins Krankenhaus ein?

Fr. Johannes: Die Aufgabe des Ordens hat sich in den letzten 400 Jahren geändert, aber im Grunde genommen auch nicht geändert. Es hat sich die Zahl der Brüder geändert und natürlich auch die medizinische und therapeutische Entwicklung, da sind wir auf dem neuesten Stand. Aber die Aufgabe bleibt die alte: die Not der Menschen zu sehen. Im Haus leben zur Zeit 19 Brüder, davon 12 in Ausbildung. Der Orden leitet dieses Haus im Sinn der "Hospitalität", wie sie Johannes von Gott gezeigt hat. Die zweite sehr wichtige Aufgabe von allen Brüdern ist, den Geist von Johannes von Gott an die Mitarbeiter weiterzugeben.

Die Furche: Ihr Krankenhaus ist dafür bekannt, dass es auch Menschen betreut, die aus dem staatlichen System herausfallen. Führt man das auf diesen Auftrag zurück?

Fr. Johannes: Genau. Denn diese Menschen haben sonst nichts, und Johannes von Gott hat keinen von seiner Tür weggeschickt. Auch wenn dieser Mensch keine Mittel hat, um das zu bezahlen, darf man nicht sparen, weil er es braucht. Das hat Johannes von Gott genauso gemacht wie Jesus Christus. Das ist die praktische Spiritualität.

Die Furche: Wie strahlt dieser Geist auf die Mitarbeiter aus, die nicht dem Orden angehören?

Hochholzer: Wenn man allein die Zahlen anschaut: 19 Brüder, von denen der Großteil in Ausbildung ist, stehen 750 Mitarbeitern gegenüber. Da ist die Aufgabe, diesen fast 400 Jahre alten Geist weiter zu erhalten, enorm. Die Präsenz der Brüder ist dennoch von enormer Wichtigkeit. Das lässt sich nicht ersetzen durch ein Buch oder durch Slogans, sondern es gibt im Krankenhaus immer noch den Prior und den Subprior, die die Letztentscheidungen haben - und nicht der Magistrat oder ein schwerfälliges Gremium. Sondern wir können von Angesicht zu Angesicht Entscheidungen erzielen. Das hat einen großen Einfluss im Haus. Auch wenn die Zahl der Mitarbeiter groß ist, dass es möglichst noch ein persönliches Miteinander in dieser Aufgabenstellung gibt.

Fr. Johannes: Es strahlt nicht nur auf das Haus und die Mitarbeiter aus, denn auch wir erfahren umgekehrt, dass unsere Mitarbeiter mehr als Mitarbeiter sind. Es gibt da eine große Spannweite - von denen, die es nur als Arbeitsplatz sehen, bis zu denen, für die es Lebensaufgabe, Berufung ist. Es entsteht eine Symbiose, dass wir uns gegenseitig ergänzen, brauchen, verstehen. Unser gemeinsames Ziel ist das Wohl der Kranken. Wir wollen körperlich helfen, und wenn es erwünscht ist, auch seelisch. Das ist die eigentliche Spiritualität des Johannes von Gott: Durch den Leib zur Seele. Und das gemeinsam.

Die Furche: Funktioniert das bei Ihnen besser als in einem "säkularen" Krankenhaus?

Hochholzer: Ich möchte auf keinen Fall etwa einem Gemeindespital etwas absprechen, und gerade in den letzten 20, 30 Jahren wurde auch dort erkannt, wie wichtig neben der Medizin auch der Bereich der Seelsorge, der Betreuung ist, und es gibt da Spitäler, in denen auch große Seelsorgeteams sehr gut für den Patienten wirken. Wir arbeiten da ja auch zusammen und es soll da ein besonderer Wetteifer um den Patienten sein.

Frater Johannes Karlik ist Subprior des Konvents der Barmherzigen Brüder. Ignaz Hochholzer ist Oberarzt und leitet die Allgemeine Ambulanz im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Wien, die auch Mittellose behandelt, im Juni 2007 wurde er auch zum Priester geweiht.

Die Gespräche führte Otto Friedrich.

www.barmherzige-brueder.at

Nicht nur das Kreuz in Behandlungsräumen und Krankenzimmern macht das "christliche Gepräge" eines Ordenskrankenhauses aus. Sorge um das Wohl der Patienten wie der Mitarbeiter sind Eckpfeiler der Spiritualität.

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