Digital In Arbeit

"Ohne Arbeit ist wie tot sein"

Junge Asylwerber wollen zeigen, was sie können. Per Gesetz dürfen sie arbeiten, aber ein ministerieller Erlass verunmöglicht die Stellensuche.

Wessen Leben auf wackeligem Grund steht, hat keine Angst vor hohen Leitern. Wer schon als junger Mensch mit Abgründen konfrontiert wurde, fürchtet sich nicht mehr vorm Balancieren auf einem Gerüst. Amin und Nexhat sind unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Amin ist 18 Jahre alt und kommt aus Afghanistan, Nexhat ist 17 und stammt aus dem Kosovo. Beide warten seit einem halben Jahr und länger auf ihren Asylbescheid - und beide lernen jetzt den Malerberuf. Noch absolvieren sie ihr Praktikum in einer Lehrwerkstatt, doch bald schon werden sie "in einem richtigen Betrieb, richtige Arbeit machen".

Amin und Nexhat gehören zum Epima-Projekt, einer "Entwicklungspartnerschaft für minderjährige und junge erwachsene AsylwerberInnen". 180 junge Flüchtlinge haben bisher an diesem von der Europäischen Union gesponserten Projekt teilgenommen. "Unsere Aufgabe ist es, die Einstiegsbarrieren für Asylwerber in den Arbeitsmarkt zu reduzieren", sagt Epima-Koordinatorin Elisabeth Freithofer vom Wiener Integrationshaus. "Gleichzeitig erhöhen sich aber die gesetzlichen Hindernisse für eben diesen Einstieg", fährt Freithofer fort.

Arbeitserlaubnis für 1 Prozent

Seit 1. Mai dieses Jahres erlaubt ein Gesetz, dass Asylwerber nach drei Monaten Aufenthalt in Österreich einer Arbeit nachgehen dürfen. Ein so genannter Durchführungserlass beschränkt den Arbeitsbereich für noch nicht anerkannte Flüchtlinge aber auf Saison- und Erntearbeit sowie Hilfsarbeiten in den Betreuungsstätten. "Damit bleibt der Arbeitsmarkt für 99 Prozent der Asylwerber verschlossen", kritisiert Freithofer. Immer wieder hätten Absolventen der Epima-Praktika von ihren Arbeitgebern Stellenangebote bekommen, erzählt Freithofer. Ein Orthopädieschuhmacher und ein Zahnarzt wollten gerne die Ausbildungskosten für talentierte Asylwerber übernehmen - ihr Antrag auf Beschäftigungsbewilligung wurde abgelehnt. Glück hatte ein anderer Epima-Praktikant: Noch während der Ausbildung wurde er zum anerkannten Flüchtling und darf seither als Hilfskoch auf einem Donau-Ausflugsschiff arbeiten.

Skurril wird dieser Arbeitsmarkt-Hindernis-Parcours für Asylwerber, wenn man weiß, dass das Wirtschaftsministerium Epima mitfinanziert, gleichzeitig aber auch hinter dem Durchführungserlass steckt. Freithofer: "Aus zwei Abteilungen desselben Ministeriums kommen zuerst die Hilfe und dann die Bremse."

Junge Asylwerber besitzen grundsätzlich ein hohes Maß an Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kompetenzen. Oft sind diese Jungen und Mädchen die Hoffnungsträger der gesamten Familie und die Flucht wurde ihnen in der Erwartung ermöglicht, dass sie sich in Europa durchsetzen können. Doch die Ankunft im Aufnahmeland führt zunächst häufig zu Orientierungslosigkeit und löst bei vielen eine Krise aus. "Früher habe ich mich wie tot gefühlt" - oder: "Vor dem Kurs war es langweilig", lauten deswegen oft gehörte Klagen von jungen Asylwerbern, die vor den Praktika zur Untätigkeit verdammt waren.

Eine Tagesstruktur bieten

"Ein Flüchtlingsbetreuer kann noch so gut pädagogisch oder psychologisch geschult sein", sagt Otto Hollerwöger, "wenn man den jungen Menschen keine Zukunftsperspektive bieten kann, ist er oder sie machtlos." Ohne die Aussicht auf Arbeit, Beruf und sich einmal selbst erhalten zu können, fällt es jungen Menschen generell schwer, nicht in Kleinkriminalität, Drogenhandel oder Prostitution abzugleiten. Hollerwöger: "Die einen haben durch ihr Elternhaus noch mehr Stabilität mitbekommen, die halten länger durch; für andere, denen diese primäre Sozialisation fehlt, ist es noch schwieriger." Hollerwöger leitet die Unterkunftsstelle für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Wiener Integrationshaus. Sein Credo: "Eine Tagesstruktur bieten und die Leute sinnvoll beschäftigen."

Vom Schlosser über Alten- und Krankenpfleger, Kindergärtnerin, Estrichleger, Dachdecker, EDV-Techniker und vieles mehr reicht die Ausbildungspalette der Epima-Praktika. Mit der Arbeit erhalten die Jungen und Mädchen einen geregelten Tagesablauf, der sich wiederum sehr positiv auf die Befindlichkeit der Asylwerber auswirkt. "Unsere jungen Asylwerber sind alle in einem Alter, wo sie zeigen wollen, was sie können", sagt Elisabeth Freithofer. "Sie sind begierig zu wissen, wie Österreich funktioniert - das öffentliche, das politische Leben." Gebremst werden minderjährige Flüchtlinge überdurchschnittlich oft von Kopfschmerzen und Schlafstörungen, ausgelöst durch traumatische Erlebnisse, Gedanken an die Familie oder Zukunftsängste.

"Ich habe meine Geschichte", sagt Amin. "Mein früheres Leben in Afghanistan, meine Flucht über Tadschikistan - es war sehr schwierig, aber darüber will ich jetzt nicht reden, jetzt möchte ich arbeiten."

Mehr Info: www.integrationshaus.at

Polit-Koch-Buchtipp

"Die meisten Leute in Österreich denken, dass der Staat Immigranten nicht durchfüttern' soll. Und jetzt füttern die Immigranten mich!" sagt Johannes Gelich, einer der 33 österreichischen Autorinnen und Autoren, für die von Flüchtlingen gekocht worden ist. Beim gemeinsamen Essen, vermittelt vom Wiener Integrationshaus, ist man über kulturelle, soziale und Sprachgrenzen hinweg miteinander ins Gespräch gekommen. Diese Begegnungen waren die Grundlage und sind oft auch das Thema der literarischen Texte, die Margret Kreidl und Lucas Cejpek herausgegeben haben.

"Der Geschmack der Fremde. Rezepte Gespräche" ist ein politisches Buch, das Asylsuchende aus Afghanistan und Nigeria, aus dem Irak, Tschetschenien und anderen Ländern porträtiert und ein gastronomischer Atlas, der Rezepte verschiedener nationaler Gerichte versammelt. Ein Tischgespräch mit dem Migrationsexperten Rainer Bauböck und dem Gastrosophen Rolf Schwendter über Zusammenhänge zwischen der herrschenden Politik der Ausgrenzung und einer allgemeinen kulinarischen Weltläufigkeit eröffnet das Buch.

DER GESCHMACK DER FREMDE

Rezepte Gespräche

Hg. von Lucas Cejpek und Margret Kreidl, Scherenschnitte von Gerhard Jaschke, Sonderzahl Verlag, Wien 2004, 253 Seiten, brosch., e 19,80

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