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Ohne Glacéhandschuhe

Zwei kritische Islam-Bücher: Der deutsche Orientalist Stephan Weidner erliegt ebensowenig der "Mohammedanischen Versuchung", die Probleme mit dem Islam schönzureden, wie der in Italien lehrende algerische Soziologe Fouad Allam.

Zwei Glaubenssätze stellt der Orientalist Stefan Weidner in seinem Buch "Mohammedanische Versuchungen" einander gegenüber: Die Gottessohnschaft Christi und den Koran als originale Rede Gottes an den Propheten Mohammed. Er nennt sie zwei Behauptungen, die an Kühnheit, Originalität und Befremdlichkeit nicht zu überbieten sind: "Das Dogma der Gottessohnschaft Christi ist ein atemberaubender Anschlag auf den gesunden Menschenverstand. Wer ein Christ sein will, muss aber dieses Grundfaktum akzeptieren. Der Islam strapaziert seine Anhänger anders, denn der Koran ist ursprünglich kein geschriebenes Buch, wie es das Alte Testament und die vier Evangelien sind. Vielmehr ist er, jedenfalls im Verständnis der Muslime, die Sammlung der Mohammed durch den Erzengel Gabriel offenbarten Worte Gottes ... Welche Religion kann schon beanspruchen, soviel reinen, unverfälschten Wortlaut Gottes aufbewahrt zu haben ...?"

Weidner stellt diese zwei Kerngedanken in die Mitte seines Buches, das man als Pulverfass bezeichnen muss. Der Autor beginnt autobiografisch: Wie er als 18-Jähriger versehentlich Muslim wurde - eine groteske Geschichte. Die "Konversion" war nicht von Dauer, wohl aber das Interesse am Islam. Und die Neugier auf Menschen aus islamischen Ländern. Wie sie ihre Religion sehen und wie den Westen. In Aleppo zeigt man ihm ein unterirdisches Gangsystem. Seit dem frühen Mittelalter konnten die Stadtbewohner durch diese Gänge flüchten. Sie sind noch immer intakt. Das Gangsystem wird ihm zum Symbol für eine Denkweise, die das Neue nicht anstelle des Alten baut, sondern auf dem Fundament des Alten: Schutz gegen jede Art von Gegenwartsnarrheit und Geschichtsvergessenheit. Doch Stefan Weidner ist kein Romantiker. Als genauer Beobachter der arabisch-islamischen Welt bringt er viele Beispiele, wie der Fundamentalismus einerseits und die Verwestlichung andererseits ein ausgeglichenes Islam-Empfinden zerstören. Weidner warnt weiters davor, den Islam zu verherrlichen. Der Koran sei autoritär: "Das einzige Kriterium für Gut und Böse ist Glaube oder Unglaube, Gehorsam gegen Gott und seine Propheten oder Ungehorsam." Terroristen haben es in diesem Denksystem leicht. Nicht der Koran sei in Wahrheit groß, sondern, was die Muslime daraus gemacht haben.

Weidner erzählt, wie schwer es ihm oft fiel, in Diskussionen Israels Handlungen gegenüber Muslimen zu rechtfertigen. Als Deutscher wollte er nicht einstimmen in den Chor der Verurteilung; eindeutige Stellungnahmen wurden ihm immer wieder bei seinen Vortragsreisen abverlangt. Er hat sich der "mohammedanischen Versuchung" entzogen, als Orientalist Parteigänger zu werden. Vielmehr bemüht er sich in dem Buch, die Komplexität der arabisch-muslimischen Welt zu skizzieren: Frauen vertrauten ihm an, dass sie längst aus der Tradition herausgetreten sind, jungfräulich in die Ehe zu gehen. Nur den eigenen Eltern können sie die Wahrheit nicht zumuten. Gelehrte der Azhar-Universität in Kairo erweisen sich als geistige Brandstifter und verdammen den Westen pauschal.

Weidners scharfer Blick hingegen liest Zeichen des Untergangs der islamischen Kultur. Doch hütet er sich vor Schwarzweißmalerei, er übernimmt auch nicht Huntingtons These vom "Clash of Civilizations". Ein diskussionswürdiges Buch. Sylvia M. Patsch

Mohammedanische Versuchungen

Von Stefan Weidner. Amman Verlag, Zürich 2004. 238 Seiten, geb., e 18,90

Der fundamentalistische Islam ist keine antithetische Reaktion auf die westlich dominierte Globalisierung, sondern ein Produkt derselben und eine Antwort darauf. Nicht Dschihad gegen McWorld, sondern: Dschihad als geschickte Anpassung des Islam an die Globalisierung. So könnte man das Ergebnis von Fouad Allams neuem Buch überspitzt auf den Punkt bringen. Dabei hat Allam besonders die muslimischen Migranten in Europa im Blick. Sie seien oftmals ihren nationalen und kulturellen Wurzeln entfremdet und zugleich in den neuen Gesellschaften nicht gleichwertig integriert.

Kennzeichen des fundamentalistischen Islam sei es nun, dass die mannigfachen kulturellen Verbindungen, die der Islam im Laufe der Jahrhunderte eingegangen ist, ignoriert werden und der Islam als immer und überall gleichgültiges Lehr- und Rechtssystem aufgefasst werde.

Dieser ahistorische und "kulturlose" Islam biete sich als neue Identität für die in der Diaspora verstreuten Muslime an und verbinde die Entwurzelten, egal welcher Herkunft sie sind. Zugleich nimmt diese Interpretation des Islam die Ausgrenzungserfahrungen der Muslime in Europa auf, da der Anti-Okzidentalismus eines seiner wesentlichen Bestandteile ist.

Diese Sicht auf den Islam verdankt sich vor allem zwei Grundentscheidungen: Einmal interpretiert Allam, der selbst in Algerien geboren ist, den zeitgenössischen Islam aus seinen eigenen Quellen. Er untersucht nicht den westlichen Blick auf den Orient, wie viele vor ihm, die damit oft auch diese Perspektive teilten, sondern sein Thema ist der islamische Blick auf den Westen: Er erschließt für seine europäischen Leser zeitgenössische islamische Denker, für die der Westen eine Krankheit des Islam ist.

Interessant ist: Viele dieser muslimischen Intellektuellen haben ihre Thesen im Kontakt mit westlichen Philosophien entwickelt - sei es, dass sie sich in der antimodernen Haltung eines Heidegger wiederfanden oder von Marx ideologische Hilfe gegen die westlichen Kolonisatoren in Anspruch nahmen.

Zum zweiten vertritt Allam, der an der Universität in Triest lehrt, eine soziologisch geprägte Islamwissenschaft, die nicht nur theologische Literatur oder politische Praxis untersucht, sondern die ideologische Produktion in ihrem jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Kontext erschließt.

Trotz der von ihm beschriebenen Dynamik, endet Allams Buch mit einer optimistischen Perspektive: Wieder überraschend: Das Licht kommt aus dem Westen bzw. der muslimischen Diaspora. In den säkularen Staaten Europas werde die jetzt schon zu beobachtende Privatisierung des Islam zunehmen und damit einer juristisch-politischen Interpretation des Islam entgegengewirkt.

Die Integration und Förderung der Muslime, die den Islam als private Religion leben, ist dann wohl die beste Terrorprävention. Das freilich ist keine automatische Entwicklung, sondern bedarf einer konkreter Gestaltung.

Allam schreibt angenehm unaufgeregt und unideologisch, leider manchmal etwas zu akademisch, was auch der deutsche Übersetzer nicht immer ausgleichen konnte.

Christoph Fleischmann

Der Islam in einer globalen Welt

Von Khaled Fouad Allam

Aus dem Italienischen von Karl Pichler Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2004, 208 Seiten, kt., e 12,30

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