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Ohne Religion KEIN GOTT?

In Sachen Religion bietet sich dem Betrachter ein buntes und widersprüchliches Bild. Tendenzen eines Wiedererstarkens traditioneller Religionen und religiösen Neuaufbrüchen stehen gegenläufige Entwicklungen gegenüber, die noch immer am besten auf den Begriff der Säkularisierung gebracht werden, wobei im Weltmaßstab erhebliche Unterschiede bestehen. In manchen Regionen - insbesondere in Europa -wächst die Zahl der religiös Indifferenten, der konfessions- und religionslosen Menschen. Diesen Befund erhebt zum Beispiel die fünfte Mitgliedschaftsuntersuchung der Evangelischen Kirche in Deutschland, die im März dieses Jahres veröffentlicht worden ist.

Es ist nicht so sehr der aggressive neue Atheismus mit seinen schrillen Tönen und seiner grobschlächtigen Religionskritik, der die Kirchen und die Theologie in Bedrängnis bringt. Weitaus ernster ist die Herausforderung durch einen weitverbreiteten Gewohnheitsatheismus, der sich mit Religion und Gottesglaube gar nicht mehr existenziell auseinandersetzt. Selbst die Frage nach Gott ist diesem Gewohnheitsatheismus abhanden gekommen.

Atheismus mit Trauerflor

Das unterscheidet diese Spielart des Atheismus von einem nachdenklichen und durchaus tiefgründigen Atheismus, den es neben dem neuen Atheismus eines Richard Dawkins und seiner Mitstreiter mit ihren militanten Kampagnen gegen jede Form der Religion gibt. Philosophen wie Slavoj Z i z ek, Giorgio Agamben, Alain Badiou, Herbert Schnädelbach oder Karl Fluch arbeiten sich ernsthaft und bisweilen durchaus tiefgründiger als manche christlichen Theologen am Gedanken des Todes Gottes ab, der doch im Christentum selbst seinen Ursprung hat.

Diesem Atheismus ist sehr bewusst, was verloren geht, wenn der Glaube an den menschgewordenen und gekreuzigten Gott nicht mehr geteilt werden kann. Er fordert die Theologie gerade deshalb so sehr heraus, weil er sich mit der Sperrigkeit des biblischen Gottesglaubens in einer Weise auseinandersetzt, die man in Theologie und Kirche bisweilen vermisst.

Es handelt sich um einen Atheismus mit Trauerflor, dessen Wortführer darauf bestehen, dass in der christlichen Theologie von Gott die Rede sein müsse, nicht etwa nur von Religion als anthropologischer Konstante eines Transzendenzbewusstseins. Ihre Texte sind ein Gegengift gegen die Selbstsäkularisierung von Theologie und Kirche, die zu einer Banalisierung christlicher Glaubensgehalte führt.

Solche Trivialisierung findet nicht selten im Namen der Religion statt. Statt sich den Zumutungen biblischer Rede von Gott, seiner Liebe, aber auch seiner Gerechtigkeit, seinem Gericht und seiner abgründigen Verborgenheit zu stellen, wird den Kirchen angeraten, "lebensdienliche" Formen von Religion zu fördern und sich an den religiösen Bedürfnissen der gesellschaftlichen Mehrheit zu orientieren.

Wie Gerhard Wegner zur neuen Kirchenmitgliedschaftsstudie der EKD anmerkt, ist es gerade das gesellschaftlich Sperrige und nicht leicht Eingängige, welches das Christentum für Menschen interessant macht. Wo Kirche dagegen auf breiteste Resonanz in der Gesellschaft setze, erzeuge sie Indifferenz.

Die Annahme, letztlich seien alle Menschen unausrottbar religiös, selbst wenn es ihnen möglicherweise gar nicht bewusst ist, erscheint empirisch wie theologisch zweifelhaft. Areligiosität oder Religionslosigkeit und religiöser Indifferentismus sprechen eine andere Sprache. Die Aufgabe der Kirche aber besteht darin, das biblische Evangelium vom menschgewordenen und gekreuzigten Gott nicht nur den religiös veranlagten Menschen, sondern auch den Religionslosen zu bezeugen, wie schon Dietrich Bonhoeffer hellsichtig erkannt hat. Er hat freilich alle Versuche abgelehnt, den subjektiv Areligiösen nachweisen zu wollen, dass sie in Wahrheit doch religiös sind. Derartige Versuche christlicher Apologetik nehmen das Gegenüber nicht ernst.

Zwar kann auf den Religionsbegriff theologisch nicht verzichtet werden, doch ist zunächst zwischen Religion und Gottesglaube zu unterscheiden. Heutige Formen neuer Religiosität sind oftmals eine Religion ohne personhafte Gottesvorstellung. Sie rechnet mit kosmischen Energien und Kraftfeldern, die man spirituell anzapfen kann, nicht aber mit einem personhaften Gott, der den Menschen als verantwortliches Gegenüber geschaffen hat. Wichtige Strömungen, die als neue Religiosität bezeichnet werden, laufen auf einen Pantheismus oder Monismus hinaus, der kein Gegenüber von Gott und Welt, Schöpfer und Schöpfung kennt, sondern nur ein kosmisches Einheitsprinzip.

Die Wiederkehr der Religion, besser gesagt das neu erwachende Interesse an Religion, kann im Einzelfall ebenso Ausdruck der Gottsuche wie des Gottesverlustes sein. Umgekehrt kann ein Gewohnheitsatheist Gott näher sein als so mancher, der sich für religiös hält. Insofern ist Religion in theologischer Hinsicht ein ambivalentes Phänomen.

Von der Ambivalenz aller Religion

Die biblische Überlieferung betont immer wieder die Ambivalenz aller Religion -und sie ist ihrerseits ein Zeugnis für ihre Ambivalenzen, die beispielsweise das prekäre Verhältnis von Religion und Gewalt betreffen. Religionskritik ist ein immanenter Bestandteil der biblischen Religion, im Alten Testament nicht minder wie im Neuen Testament. Man denke nur an die zum Teil harsche Religionskritik der alttestamentlichen Propheten. Wir haben es hier gewissermaßen mit einer religiösen Form von Religionskritik zu tun.

Es ist nun aber nach biblischem Zeugnis Gott selbst, der alle Religion der Kritik unterzieht, weil auch jede Form der Religion oder der Frömmigkeit Gegenstand seines endzeitlichen Gerichtes ist. Das Kommen Gottes in diese Welt führt zur fundamentalen Krise aller Religion einschließlich des Christentums und aller Theologien.

Auf die biblische Offenbarung besinnen

Der Glaube an Gott und die Rede von ihm sind ebensowenig unabdingbar wie die Frage nach Gott. Wohl mag es sein, dass der Mensch nicht umhin kann, nach Sinn zu fragen. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist aber nicht einfach mit der Gottesfrage identisch. Und nicht alle Antworten auf die Sinnfrage lassen sich als religiös bezeichnen. Religion ist eine Möglichkeit neben anderen, aber nicht die einzige, Sinnfragen und Erfahrungen von Sinnwidrigkeiten zu bearbeiten.

Statt an die vermeintliche Omnipräsenz religiöser Interessen in der Gesellschaft anzuknüpfen, sollten sich Theologie und Kirche auf die Bedeutung des Offenbarungsgedankens in der biblischen Tradition besinnen. Von Gott reden lässt sich, so meine Überzeugung, nur aufgrund seiner Offenbarung. Ist aber das Kreuz Christi Gottes letztgültige Offenbarung, dann repräsentiert die christliche Gottesrede eine Form des schwachen Denkens, weil sie teilhat an der Ohnmacht und Strittigkeit des gekreuzigten Gottes. Ein Überlegenheitsgestus gegenüber dem erwähnten Atheismus mit Trauerflor wäre darum völlig unbegründet. Vielmehr ist es das beiderseitige Bewusstsein von dem, was fehlt, welches das Gespräch der Theologie mit diesem Atheismus lohnend und dringlich macht.

| Der Autor ist Prof. f. System. Theologie H.B. an der Evang.-Theol. Fakultät der Uni Wien |

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