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"Operette wird nicht ernst genommen"

Am 1. September übernimmt Robert Meyer die Direktion der Volksoper - der Saisonauftakt wird mit einem Volksopernfest (ab 9.30 Uhr) gefeiert. Am folgenden Tag gibt es ein "Wunschkonzert" (19 Uhr) und am 8. September die Eröffnungspremiere. Im Furche-Gespräch erläutert Robert Meyer sein Programm und seine Auffassung von Operette.

Die Furche: Herr Meyer, Sie sind ab 1. September neuer Direktor der Volksoper Wien. Wie kommt es, dass ein erfolgreicher Schauspieler den Wunsch hegt, ein Musiktheater zu leiten?

Robert Meyer: Ich wollte für mich eine neue, spannende, aufregende Aufgabe. Und die Volksoper ist für mich auch kein fremdes Haus. Ich habe seit 1993 immer wieder hier gespielt. Ich habe von Kindheit an eine sehr starke Beziehung zur Musik, zur Operette, zur Oper, zum Musical. Ich habe Klavier und Trompete gelernt, später auch etwas Geige. Als Kind war ich in einem Kinder-, später in einem Kirchenchor. Der Bezug zur Musik war also immer da - allerdings nicht so, dass ich Opernsänger werden wollte. Vielleicht habe ich auch nicht an meine Stimme geglaubt.

Die Furche: Mit der ersten Premiere möchte ein neuer Direktor ja ein Zeichen setzen. Warum eröffnen sie Ihre erste Spielzeit mit Jacques Offenbachs Operette "Orpheus in der Unterwelt"?

Meyer: Orpheus in der Unterwelt ist ein Stück, das ich über alles liebe. Die Geschichte ist wahnsinnig komisch und aufregend, die Musik unfassbar mitreißend, fetzig - und sexy. Ich verwende diesen Ausdruck, weil die Volksoper in Zukunft auch sexy sein soll. Unter "sexy" verstehe ich "lustvoll". Orpheus ist ja auch eine laszive Operette.

Die Furche: Sie haben schon Ihren besonderen Bezug zur Operette anklingen lassen. Auch die Volksoper hat einen besonderen Bezug zur Operette. Wie werden Sie dieses Genre pflegen?

Meyer: Die Operette krankt ja schon seit Jahrzehnten. 1905 wurde schon gesagt, sie sei tot. 100 Jahre später ist sie noch immer nicht gestorben. Sie ist aber ein ungeliebtes Genre. Das liegt daran, dass die Operette nicht ernst genommen wird. Entweder wird sie ganz alt gemacht und kommt wie aus dem Museum, oder es macht sich ein Regisseur lustig über sie. Das ist falsch. In der Operette geht es um Beziehungen, Liebe, Begierde. Wenn man das nicht ernst nimmt, ist sie wirklich verloren. Aber ich glaube, es gibt genügend Regisseure, die bereit sind, das zu tun.

Die Furche: Manche sagen ja, die Operette sei eine durchaus subversive, gesellschaftskritische Kunstform.

Meyer: Viele Stücke sind so - übrigens auch Orpheus. Als dieses Stück geschrieben wurde, hatte es einen politischen Bezug. Zwei Götter kämpfen um eine Frau: der oben, Jupiter, und der unten, Pluto. Die Obrigkeit, die Opposition - das haben wir ja heute auch.

Die Furche: Das Wiener Musiktheaterpublikum ist generell traditioneller eingestellt als das Theaterpublikum. Wie viel an zeitgenössischem Regietheater werden sie dem Volksopernpublikum zumuten?

Meyer: Zumuten will ich den Zuschauern gar nichts. Ich will sie unterhalten. Und zwar auf höchstem Niveau. Man kann viele Dinge machen, die das Publikum schluckt - es kommt nur darauf an, wie man es verpackt. An der Volksoper wird es aber keine kopulierenden, kotzenden, auf die Bühne kackenden Leute geben.

Die Furche: Sie werden von Ihrer früheren Wirkungsstätte Ihren Soloabend "Tannhäuser in 80 Minuten" übernehmen. Fürchten Sie nicht, dass Sie das Musiktheaterpublikum keinen Spaß versteht, wenn man sich an seinen Heiligtümern vergreift?

Meyer: Tannhäuser in 80 Minuten ist nun einmal eine Opernparodie und kann daher guten Gewissens an der Volksoper gespielt werden. Im Burgtheater hat man immer schon bei der Ouvertüre gespürt, wer im Zuschauerraum saß. Wenn da unten viel gelacht wurde, wusste ich, heute sind viele Opernfreunde da. Wer alles kennt, was da zitiert wird - nicht nur Wagner, auch Mozart und Weber - hat bei der Parodie viel mehr Freude als jene, die die Werke nicht kennen.

Die Furche: Wie wird der Intendant Robert Meyer den Publikumsliebling Robert Meyer einsetzen?

Meyer: Die Weberischen spiele ich natürlich weiter, ganz klar. Ich bin froh, dass wir diesen Riesenerfolg über die Weiber Mozarts voll mit Musik von Mozart von den Vereinigten Bühnen Wien übernehmen konnten, denn mir ist nicht gestattet, woanders zu spielen als hier an der Volksoper. Ich werde auch den Doolittle in My Fair Lady spielen und den Frosch in der Silvester-Fledermaus. Gerade bin ich mit Proben beschäftigt als Zweitbesetzung des John Styx in Orpheus in der Unterwelt. Ich wollte nicht bei meiner ersten Premiere auch auf der Bühne stehen. Außerdem will ich nicht, dass es so aussieht, als ob der Direktor Meyer dem Schauspieler Meyer die guten Rollen zuschanzt.

Die Furche: Aber natürlich spart der Auftritt des Schauspielers Meyer dem Theaterleiter Meyer auch Geld …

Meyer: Das können Sie laut sagen. Es könnte natürlich sein, dass der Direktor Meyer dem Schauspieler Meyer eine unglaubliche Abendgage zahlt (lacht) - aber das ist nicht der Fall.

Die Furche: Das Geld war ein Grund, warum ihr Vorgänger Rudolf Berger frühzeitig das Handtuch geworfen hat. Was werden Sie tun, um der Geldknappheit Herr zu werden?

Meyer: Geld ist immer zu wenig da, das ist klar. In dieses Horn blase ich natürlich auch. Ich glaube nur, dass die öffentliche Diskussion das Publikum langsam nervt. Dem Publikum ist es egal, wenn der Theaterdirektor jeden Monat in einem Medium brüllt, dass er viel zu wenig Geld hat und demnächst zusperren muss. Ein Theater sollte wegen seiner künstlerischen Arbeit in der Zeitung stehen.

Die Furche: Aber dem Publikum ist es nicht egal, wenn ein Theater tatsächlich zusperren muss oder nur noch wenige Neuproduktionen bringen kann.

Meyer: Wenn das Geld immer knapper wird, ist klar, dass wir keine Neuproduktionen machen können. Dann muss ich halt das dafür vorgesehene Geld für Gehaltserhöhungen hernehmen. Aber man muss immer wieder bei den richtigen Stellen anklopfen. Auch wenn wir zuletzt statt zehn Millionen nur fünf bekommen haben, muss man trotzdem im Gespräch bleiben. Ich glaube, das bewirkt mehr als die Brüllerei in den Medien.

Die Furche: Wenn Sie in fünf Jahren auf Ihre erste Amtszeit zurückblicken, was möchten Sie dann sagen können?

Meyer: Dass es ein toller Start war; dass es wunderbare fünf Jahre waren; und dass nicht nur das Publikum, sondern auch die Mitarbeiter mit meiner Art der Theaterführung zufrieden waren. Ich leite das Haus sicher nicht als Sprungbrett für ein anderes. Ich sitze seit einem Jahr hier in diesem Büro. Es macht mir irrsinnig viel Freude, und ich hoffe, dass ich diese Lust und Leidenschaft in den kommenden fünf Jahren beibehalte.

Das Gespräch führte Michael Kraßnitzer.

Ein Burgschauspieler als Chef der Volksoper

Seine Ernennung kam überraschend. Robert Meyer hatte sich zwar für den Direktorenposten der Wiener Volksoper beworben, aber dass der als Theaterleiter unerfahrene Burgschauspieler den heiklen Job tatsächlich bekommen würde, damit war nicht unbedingt zu rechnen gewesen. Doch Meyer hat ein professionelles Team um sich geschart und ein viel versprechendes Programm für seine erste Saison vorgelegt.

Am 1. September beginnt die neue Ära mit einem eintägigen Fest in der und rund um die Volksoper (Eintritt frei).

Robert Meyer wurde 1953 in Bad Reichenhall in Bayern geboren. Zunächst absolvierte er eine Lehre als Baustoffkaufmann, studierte dann ab 1971 Schauspiel am

Mozarteum in Salzburg. 1974 wurde er Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters, wo er über neunzig Rollen spielte. Vor allem als Nestroy-Darsteller und-Regisseur machte er sich einen Namen. Gefeiert wurde der Kammerschauspieler auch für seine Darstellungen in Operetten- und Musicalproduktionen, unter anderem an der Wiener Volksoper. Auch in Film und Fernsehen war Robert Meyer in zahlreichen Rollen zu sehen, unter anderem in Michael Glawoggers "Ameisenstraße". Er führte unter anderem Regie im Schauspielhaus Graz, bei den Operettenfestspielen Bad Ischl, im Akademietheater Wien, im Burgtheater Wien

und bei den Sommerfestspielen in Reichenau.

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