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Orte, Namen, Bilder Gottes

"Poetische Dogmatik": Dem landläufigen Verständnis zufolge ist das ein Widerspruch in sich. Der Theologe Alex Stock erläutert im Furche-Gespräch, was er darunter versteht und spricht über die Bedeutung von (bildender) Kunst als Quelle der Theologie, warnt aber vor kurzschlüssiger religiöser Vereinnahmung.

Die Furche: Während Ihres Studiums hatte die Auseinandersetzung mit dem Bild keinen großen Stellenwert. Wie war Ihr Weg zu den Bildern?

Alex Stock: Ich habe von 1959 bis 1964 in Innsbruck studiert, es war die bewegte Zeit des Konzils. Karl Rahner war für uns der Haupttheologe, der uns aus den Fesseln der Neuscholastik befreite. Ich war zunächst ganz im Bann seiner Transzendentaltheologie, habe mich dann aber davon gelöst, weil ich fand, dass da alles von einem bestimmten philosophisch-theologischen Ansatz aus konstruiert wurde. Ich bin dann von da aus auf andere Quellen des Theologietreibens gestoßen. Zuerst war das die damals in der katholischen Theologie aufblühende Bibelwissenschaft und - damit für mich verbunden - die Liebe zur Literatur, weniger zum Roman als zu Gedichten und kurzen Prosastücken. Die Zuneigung zu dieser Art von Poesie lag für mich in der Nähe zur Liturgie. Weil die Liturgie, wie eigentlich auch die Bibel, eine Montage oder eine Collage aus Einzelstücken ist, aus Literaturstücken, aus kurzen Geschichten, Lesungen, Versen, Hymnen, Orationen, Liedern, rituellen Momenten etc. Von diesen Texten, diesen Literaturstücken her bin ich erst zu den Bildern gekommen.

Die Furche: Das Christentum versteht sich hauptsächlich als eine Schriftreligion, das Wort als das Wort Gottes ist der zentrale Angelpunkt. Parallel dazu gibt es auch so etwas wie ein Bilderverbot - wie kann man da ein prinzipielles Verständnis für Ihren Zugang erwecken?

Stock: In den gegenwärtigen Monotheismus-Debatten werden die drei großen monotheistischen Religionen immer unter dem Titel Buchreligionen subsumiert. Das Christentum ist zwar auch eine Buchreligion, im Kern aber doch eigentlich eine Personalreligion. Es bezieht sich auf eine Person, eine Gestalt. Natürlich hat es Bilder nicht von Anfang an im Christentum gegeben; das Neue Testament und das frühe Christentum bewegen sich ganz im Raum des alttestamentlichen Bilderverbots. Aber als sich die Bilder dann im Heidenchristentum durchsetzten, faktisch zunächst und unter vielen Kämpfen, war die Legitimation der Bilderfreunde eben der Bezug auf diese Gestalt, auf die Inkarnation. Gott selbst hatte den Weg in die Sichtbarkeit der Menschwerdung eingeschlagen.

Die Furche: Nach einem eher religionspädagogischen Zugang haben Sie mit dem Projekt "Poetische Dogmatik" begonnen …

Stock: Während die Liturgiereform ja vielleicht eher bilderkritische, hier und da sogar ikonoklastische Züge hatte, spielte der Gebrauch von Bildern in der Religionspädagogik, in die es mich akademisch verschlagen hatte, seit den siebziger Jahren eine verstärkte Rolle. Ich habe mir im Zusammenhang mit der Religionspädagogik gedacht, man muss diese Bilder nicht bloß als beiläufige Ornamente oder Illustrationen für etwas, das man ohnedies weiß, nehmen. Und wenn man einen derartigen Weg einmal eingeschlagen hat, dann fragt man sich, ob diese Bilder nicht wirklich eigenständige Quellen theologischer Erkenntnis sein können. Sie spielen ja in der Frömmigkeit, in den Kirchenräumen eine große Rolle, aber in der gesamten scholastischen Tradition agiert man vollkommen ohne diese Bildquellen.

Die Furche: Und wie sind Sie dann dazu gekommen, diese Erkenntnis in einer dogmatisch-systematischen Weise anzuwenden?

Stock: Die Religion ist ja eine Art von Universum des Sinns, der Liturgie, der Imaginationen. Es war da also mein Wunsch, irgendwie etwas Ganzes zu machen, wobei das Ganze nicht aus einem systematischen Ansatz heraus entwickelt, sondern gefunden, zusammengetragen wird. Man muss wie in der Liturgie gewissermaßen montieren. Man muss es im Rahmenwerk der alten Traktate - wie der Christologie - montieren. Und das ist natürlich ein experimenteller Vorgang: dass man etwas zusammenbaut, was aber dann am Ende eine Evidenz haben muss.

Die Furche: Sie haben vorhin von Gestalt gesprochen. In der Christologie ist der Zugang über die Gestalt aufgrund der Inkarnation relativ einsichtig. Wie sieht das nun in der Gotteslehre aus?

Stock: Nach den vier Bänden der Christologie habe ich mit der Gotteslehre angefangen, die mit dem dritten Band gerade abgeschlossen ist. Es beginnt mit dem Band "Orte", d. h. dem Versuch, exemplarische Orte des Redens von Gott ausfindig zu machen. Das sind natürlich die klassischen Orte Jerusalem, Athen, Rom, können aber auch Orte wie Bahnhof oder Museum sein. Der zweite Band hat den Titel "Namen", da gehe ich eher sprachgeschichtlich, sprachtheoretisch von der Vielfalt der Gottesbenennung aus. Und erst der dritte Band trägt den Titel "Bilder". Die "Poetische Dogmatik" ist also nicht eine reine Bildtheologie, sie ist "poetisch" weiträumiger, weil ja auch die Bilder nur im Gesamtzusammenhang von Frömmigkeit, Liturgie etc. zu verstehen sind. Der erste Teil im dritten Band arbeitet das Bilderverbot durch. Und dann geht die Argumentation der Entwicklung der christlichen Kreativität nach. De facto hat sich, neben dem Bild Christi, auch ein Bild von Gott Vater entwickelt und vom Geist, das Pfingstfeuer und die merkwürdige Taube, und zusammengenommen Bilder der Dreifaltigkeit. Die Frömmigkeit und die Kunst haben das gemacht. Und dem wollte ich nachdenken, und es hat mich natürlich gereizt, weil der Konsens der Theologen heute eher dahin geht, dass das eine Grenzüberschreitung ist, die man nicht machen sollte.

Die Furche: In letzter Zeit tauchen in den Arbeiten von jüngeren Künstlern Versatzstücke aus der christlichen Ikonographie wieder auf, wo die Theologie in Versuchung geführt ist, schnell zuzugreifen. Wie würden Sie diese Entwicklungen einstufen?

Stock: Die Gefahr für uns Theologen ist, dass wir gern Affirmationen für unseren in der Moderne gefährdeten Status suchen und dann leicht glücklich sind, wenn jemand in dieser säkularen Welt wieder eine Marienfigur oder dergleichen verwendet und das gleich als Wasser auf unsere Mühlen empfinden. Statt die Dinge genau anzusehen und sich durch sie hindurchzuarbeiten, auch kritisch, um zu etwas Neuem zu kommen. Es geht darum, in der Analyse konkreter Werke die Kunst, auch die heutige, auch die nicht ikonographisch sofort fassbare, am theologischen Erkenntnisprozess zu beteiligen.

Das Gespräch führte Hartwig Bischof.

An den verschütteten Quellen der Theologie

Alex Stock wurde 1937 in Wellingholzhausen geboren und war nach seinem Studium der Philosophie und Theologie in Frankfurt/M., Innsbruck, München und Würzburg zunächst an zwei Pädagogischen Hochschulen tätig, bevor er 1980 Professor für Theologie und ihre Didaktik an der Universität Köln wurde. Aus der religionspädagogischen Arbeit heraus ergab sich eine intensive Beschäftigung mit jenen Quellen der Theologie, die bislang eher ein randständiges Dasein in der wissenschaftlichen Arbeit geführt haben. Liturgie, Dichtung, Gesänge, Gebete, Geschichten, Gedichte und Bilder wurden von Alex Stock mit Kompetenzen in gleich mehreren Fächern durchgearbeitet und anhand der klassischen Einteilung mit der Theologie in einen fruchtbaren Dialog gebracht. Nachzulesen ist dies in mittlerweile sieben Bänden der "Poetischen Dogmatik". Aus der Dogmatik - verschrien als ein verstaubtes Fach - wurde wieder eine zukunftsweisende Disziplin. Dieses Resümee belegen sowohl die von Alex Stock gegründete "Bildtheologischen Arbeitsstelle" als auch die von seinen Überlegungen angeregten bildtheologischen Forschungsinitiativen. H. B.

"Poetische Dogmatik": Dem landläufigen Verständnis zufolge ist das ein Widerspruch in sich. Der Theologe Alex Stock erläutert im Furche-Gespräch, was er darunter versteht und spricht über die Bedeutung von (bildender) Kunst als Quelle der Theologie, warnt aber vor kurzschlüssiger religiöser Vereinnahmung.

Die Furche: Während Ihres Studiums hatte die Auseinandersetzung mit dem Bild keinen großen Stellenwert. Wie war Ihr Weg zu den Bildern?

Alex Stock: Ich habe von 1959 bis 1964 in Innsbruck studiert, es war die bewegte Zeit des Konzils. Karl Rahner war für uns der Haupttheologe, der uns aus den Fesseln der Neuscholastik befreite. Ich war zunächst ganz im Bann seiner Transzendentaltheologie, habe mich dann aber davon gelöst, weil ich fand, dass da alles von einem bestimmten philosophisch-theologischen Ansatz aus konstruiert wurde. Ich bin dann von da aus auf andere Quellen des Theologietreibens gestoßen. Zuerst war das die damals in der katholischen Theologie aufblühende Bibelwissenschaft und - damit für mich verbunden - die Liebe zur Literatur, weniger zum Roman als zu Gedichten und kurzen Prosastücken. Die Zuneigung zu dieser Art von Poesie lag für mich in der Nähe zur Liturgie. Weil die Liturgie, wie eigentlich auch die Bibel, eine Montage oder eine Collage aus Einzelstücken ist, aus Literaturstücken, aus kurzen Geschichten, Lesungen, Versen, Hymnen, Orationen, Liedern, rituellen Momenten etc. Von diesen Texten, diesen Literaturstücken her bin ich erst zu den Bildern gekommen.

Die Furche: Das Christentum versteht sich hauptsächlich als eine Schriftreligion, das Wort als das Wort Gottes ist der zentrale Angelpunkt. Parallel dazu gibt es auch so etwas wie ein Bilderverbot - wie kann man da ein prinzipielles Verständnis für Ihren Zugang erwecken?

Stock: In den gegenwärtigen Monotheismus-Debatten werden die drei großen monotheistischen Religionen immer unter dem Titel Buchreligionen subsumiert. Das Christentum ist zwar auch eine Buchreligion, im Kern aber doch eigentlich eine Personalreligion. Es bezieht sich auf eine Person, eine Gestalt. Natürlich hat es Bilder nicht von Anfang an im Christentum gegeben; das Neue Testament und das frühe Christentum bewegen sich ganz im Raum des alttestamentlichen Bilderverbots. Aber als sich die Bilder dann im Heidenchristentum durchsetzten, faktisch zunächst und unter vielen Kämpfen, war die Legitimation der Bilderfreunde eben der Bezug auf diese Gestalt, auf die Inkarnation. Gott selbst hatte den Weg in die Sichtbarkeit der Menschwerdung eingeschlagen.

Die Furche: Nach einem eher religionspädagogischen Zugang haben Sie mit dem Projekt "Poetische Dogmatik" begonnen …

Stock: Während die Liturgiereform ja vielleicht eher bilderkritische, hier und da sogar ikonoklastische Züge hatte, spielte der Gebrauch von Bildern in der Religionspädagogik, in die es mich akademisch verschlagen hatte, seit den siebziger Jahren eine verstärkte Rolle. Ich habe mir im Zusammenhang mit der Religionspädagogik gedacht, man muss diese Bilder nicht bloß als beiläufige Ornamente oder Illustrationen für etwas, das man ohnedies weiß, nehmen. Und wenn man einen derartigen Weg einmal eingeschlagen hat, dann fragt man sich, ob diese Bilder nicht wirklich eigenständige Quellen theologischer Erkenntnis sein können. Sie spielen ja in der Frömmigkeit, in den Kirchenräumen eine große Rolle, aber in der gesamten scholastischen Tradition agiert man vollkommen ohne diese Bildquellen.

Die Furche: Und wie sind Sie dann dazu gekommen, diese Erkenntnis in einer dogmatisch-systematischen Weise anzuwenden?

Stock: Die Religion ist ja eine Art von Universum des Sinns, der Liturgie, der Imaginationen. Es war da also mein Wunsch, irgendwie etwas Ganzes zu machen, wobei das Ganze nicht aus einem systematischen Ansatz heraus entwickelt, sondern gefunden, zusammengetragen wird. Man muss wie in der Liturgie gewissermaßen montieren. Man muss es im Rahmenwerk der alten Traktate - wie der Christologie - montieren. Und das ist natürlich ein experimenteller Vorgang: dass man etwas zusammenbaut, was aber dann am Ende eine Evidenz haben muss.

Die Furche: Sie haben vorhin von Gestalt gesprochen. In der Christologie ist der Zugang über die Gestalt aufgrund der Inkarnation relativ einsichtig. Wie sieht das nun in der Gotteslehre aus?

Stock: Nach den vier Bänden der Christologie habe ich mit der Gotteslehre angefangen, die mit dem dritten Band gerade abgeschlossen ist. Es beginnt mit dem Band "Orte", d. h. dem Versuch, exemplarische Orte des Redens von Gott ausfindig zu machen. Das sind natürlich die klassischen Orte Jerusalem, Athen, Rom, können aber auch Orte wie Bahnhof oder Museum sein. Der zweite Band hat den Titel "Namen", da gehe ich eher sprachgeschichtlich, sprachtheoretisch von der Vielfalt der Gottesbenennung aus. Und erst der dritte Band trägt den Titel "Bilder". Die "Poetische Dogmatik" ist also nicht eine reine Bildtheologie, sie ist "poetisch" weiträumiger, weil ja auch die Bilder nur im Gesamtzusammenhang von Frömmigkeit, Liturgie etc. zu verstehen sind. Der erste Teil im dritten Band arbeitet das Bilderverbot durch. Und dann geht die Argumentation der Entwicklung der christlichen Kreativität nach. De facto hat sich, neben dem Bild Christi, auch ein Bild von Gott Vater entwickelt und vom Geist, das Pfingstfeuer und die merkwürdige Taube, und zusammengenommen Bilder der Dreifaltigkeit. Die Frömmigkeit und die Kunst haben das gemacht. Und dem wollte ich nachdenken, und es hat mich natürlich gereizt, weil der Konsens der Theologen heute eher dahin geht, dass das eine Grenzüberschreitung ist, die man nicht machen sollte.

Die Furche: In letzter Zeit tauchen in den Arbeiten von jüngeren Künstlern Versatzstücke aus der christlichen Ikonographie wieder auf, wo die Theologie in Versuchung geführt ist, schnell zuzugreifen. Wie würden Sie diese Entwicklungen einstufen?

Stock: Die Gefahr für uns Theologen ist, dass wir gern Affirmationen für unseren in der Moderne gefährdeten Status suchen und dann leicht glücklich sind, wenn jemand in dieser säkularen Welt wieder eine Marienfigur oder dergleichen verwendet und das gleich als Wasser auf unsere Mühlen empfinden. Statt die Dinge genau anzusehen und sich durch sie hindurchzuarbeiten, auch kritisch, um zu etwas Neuem zu kommen. Es geht darum, in der Analyse konkreter Werke die Kunst, auch die heutige, auch die nicht ikonographisch sofort fassbare, am theologischen Erkenntnisprozess zu beteiligen.

Das Gespräch führte Hartwig Bischof.

An den verschütteten Quellen der Theologie

Alex Stock wurde 1937 in Wellingholzhausen geboren und war nach seinem Studium der Philosophie und Theologie in Frankfurt/M., Innsbruck, München und Würzburg zunächst an zwei Pädagogischen Hochschulen tätig, bevor er 1980 Professor für Theologie und ihre Didaktik an der Universität Köln wurde. Aus der religionspädagogischen Arbeit heraus ergab sich eine intensive Beschäftigung mit jenen Quellen der Theologie, die bislang eher ein randständiges Dasein in der wissenschaftlichen Arbeit geführt haben. Liturgie, Dichtung, Gesänge, Gebete, Geschichten, Gedichte und Bilder wurden von Alex Stock mit Kompetenzen in gleich mehreren Fächern durchgearbeitet und anhand der klassischen Einteilung mit der Theologie in einen fruchtbaren Dialog gebracht. Nachzulesen ist dies in mittlerweile sieben Bänden der "Poetischen Dogmatik". Aus der Dogmatik - verschrien als ein verstaubtes Fach - wurde wieder eine zukunftsweisende Disziplin. Dieses Resümee belegen sowohl die von Alex Stock gegründete "Bildtheologischen Arbeitsstelle" als auch die von seinen Überlegungen angeregten bildtheologischen Forschungsinitiativen. H. B.

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