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Orthodoxe im Streit mit Rom und sich selbst

1945 1960 1980 2000 2020

Vom 23. bis 27. Mai wird Johannes Paul II. die Ukraine besuchen. Der römische Papst kommt in ein Land, in dem konfessionelle Konflikte herrschen - innerhalb der Orthodoxie ebenso wie zeischen Orthodoxen und katholischen Ostkirchen.

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Vom 23. bis 27. Mai wird Johannes Paul II. die Ukraine besuchen. Der römische Papst kommt in ein Land, in dem konfessionelle Konflikte herrschen - innerhalb der Orthodoxie ebenso wie zeischen Orthodoxen und katholischen Ostkirchen.

Fast täglich wird aus der Ukraine von Demonstrationen orthodoxer Christen gegen den Papstbesuch berichtet. "Der Besuch vertieft die Spaltung im religiösen Leben der Ukraine noch weiter", erklärte Anfang Juni auch der Moskauer Patriarch Aleksij II., das Oberhaupt der russischen orthodoxen Kirche. Kardinal Lubomyr Husar, als neuer Großerzbischof von Lwiw das Oberhaupt der mit Rom unierten ukrainisch-katholischen Kirche, meinte erst zu Pfingsten im furche-Gespräch, es sei die - orthodoxe - Geistlichkeit, welche die Gläubigen aufhetze; Husar glaubt jedenfalls nicht, dass die Stimmung so stark gegen den Papstbesuch ist, wie es die Medienberichte suggerieren (vgl furche 22, Seite 11).

Orthodoxe - Unierte Schon seit langem gab von Seiten der dem Moskauer Patriarchat unterstehenden ukrainischen orthodoxen Kirche, die die Mehrheit der Christen im Land stellt, Signale gegen den Papstbesuch. So erklärte deren Oberhaupt, Metropolit Wolodymyr von Kiew, am 2. Jänner 2001 in einem offenen Brief an Johannes Paul II., dass sein Besuch zum jetzigen Zeitpunkt unerwünscht sei. Die Kirchenführer dieser orthodoxen Kirche (sie zählt immerhin 42 Bischöfe und stellt mindestens zwei Drittel der orthodoxen Gemeinden in der Ukraine) trafen einstimmig die Entscheidung, "sich an Euere Heiligkeit zu wenden mit der Bitte, Ihren Besuch in der Ukraine aufzuschieben, damit er in einer für die gegenseitigen Beziehungen zwischen unseren Kirchen günstigeren Zeit stattfinden kann und damit die ukrainische orthodoxe Kirche sich offiziell an der Einladung Eurer Heiligkeit und an der Vorbereitung des Programms Ihres Besuchs beteiligen kann."

Anders als beim Besuch des Papstes in Griechenland Anfang Mai, wo es am Rande von einigen Klöstern und eher konservativ-traditionellen Kreisen zu Protesten gegen die Papstvisite kam, wendet sich hier die gesamte Bischofskonferenz der orthodoxen Kirche an das katholische Kirchenoberhaupt mit der Bitte, den geplanten Besuch wenigstens zu verschieben. Worin liegen die Gründe, die diese Papstreise wohl zu den schwierigsten werden lässt?

Für die Orthodoxen sind die Beziehungen zwischen der so genannten griechisch-katholischen Kirche (mit Rom seit über 400 Jahren in Kirchenunion) und den Orthodoxen in der Westukraine nach wie vor ungeklärt. Tatsache ist, dass die mit Rom in Einheit stehende Kirche vom kommunistischen Gewaltregime 1946 in Galizien auf brutale Weise liquidiert und zwangsweise mit der russischen orthodoxen Kirche "vereint" wurde. Der gesamte Kirchenbesitz, die Gotteshäuser und kirchlichen Einrichtungen wurden damals der orthodoxen Kirche übergeben. Offiziell war diese Kirche von der Bildfläche verschwunden, lebte aber trotz grausamer Verfolgung im Untergrund und in der Diaspora (vor allem in den USA und in Kanada) weiter.

Als diese Kirche im Dezember 1989 ihre offizielle Legalisierung wieder errang und im Frühjahr 1991 ihr damaliges Oberhaupt, Kardinal Myroslaw Lubatschiwskyj aus der Emigration auf seinen Metropolitansitz in Lwiw (Lemberg) zurückkehrte, schossen die Gemeinden der griechisch-katholischen Kirche auf dem Gebiet der Westukraine wie Pilze aus dem Erdboden und forderten ihr ehemaliges Eigentum von den Orthodoxen zurück. Dass es dabei nicht immer sehr "christlich" zuging und es manchmal zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen den gläubigen Parteien kam, ist traurige Tatsache. Viele orthodoxe Gläubige entsannen sich ihres katholischen Ursprung und kehrten ihrer Kirche den Rücken. Durch Einsetzung von gemischten Kommissionen gelang es, die meisten Streitpunkte auf dem Verhandlungsweg zu lösen. Seit diesen Ereignissen beklagt der Moskauer Patriarch und der zu ihm gehörige Kiewer Metropolit bei jeder sich bietenden Gelegenheit "die Okkupation von mehr als 1.000 Gotteshäuser" und die "Zerschlagung von drei blühenden Eparchien (= Diözesen) der ukrainischen orthodoxen Kirche." Es schmerzt die russische orthodoxe Kirche besonders, dass aus den einst blühenden orthodoxen Eparchien der Westukraine (hier gab es unbestritten lebendiges orthodoxes Frömmigkeitsleben, das sich besonders in einer Vielzahl von geistlichen Berufungen niederschlug), jetzt wieder blühende Eparchien der mit Rom unierten Kirche geworden sind.

Deshalb heißt es in dem schon oben zitierten Schreiben an den Papst, "dass es im Falle eines Besuches Euerer Heiligkeit in der Ukraine in dem vorgeschlagenen Zeitraum zwischen uns keine Begegnung geben wird und dass kein einziger Kleriker unserer Kirche am Besuchsprogramm teilnehmen wird."

Doch es gibt noch ein zweites Problem, das für die ukrainische orthodoxe Kirche (Moskauer Patriarchat) ein Hindernis für den Papstbesuch darstellt. Die Orthodoxie ist nämlich in der Ukraine gespalten: neben der schon mehrmals erwähnten ukrainischen orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats gibt es noch zwei andere orthodoxe "Kirchen", die aber kanonisch von der Gesamtorthodoxie nicht anerkannt sind.

Orthodoxie gespalten Die Autokephale Kirche Bei Eintritt der Religionsfreiheit auf dem Gebiet der heutigen Ukraine, tauchten 1989 die ersten Gemeinden der ukrainischen autokephalen orthodoxen Kirche auf, die sich von der Jurisdiktion des Moskauer Patriarchats lossagten und von den ukrainischen orthodoxen Diaspora-Kirchen unterstützt wurden. Einer ihrer Hierarchen wurde im Juni 1990 auf dem Konzil dieser Kirche zum "Patriarchen von Kiew und der gesamten Rus'-Ukraine" gewählt. Nach dem Tod seines Nachfolgers im Jahre 2000 hat man vorläufig verzichtet einen neuen Patriarchen zu wählen, um damit den Weg für eine zukünftige Vereinigung aller Orthodoxen in der Ukraine offen zu halten. Über den Metropoliten Konstantyn, dem Oberhaupt der ukrainischen orthodoxen Kirche in den USA gehört diese Kirche indirekt zur Jurisdiktion des Patriarchen von Konstantinopel.

Das Kiewer Patriarchat Die ukrainische orthodoxen Kirche - Kiewer Patriarchat wurde 1992 ausgerufen, nachdem der vom Moskauer Patriarchat abgesetzte Metropolit Filaret von seinen Anhängern und Vertretern der Staatsführung sowie einflussreicher Abgeordneter unterstützt wurde, einer vom Moskauer Patriarchat unabhängigen orthodoxen Kirche in der Ukraine vorzustehen. Seit Oktober 1995 ist Filaret das Oberhaupt dieser Kirche und trägt den Titel "Patriarch von Kiew und der gesamten Rus'-Ukraine". In einem Zeitungsinterview mit der italienischen Tageszeitung "La Repubblica" hat er die geplante Papstreise in die Ukraine als eine "historische Chance" bezeichnet und mit dem historischen Besuch Papst Paul VI. in Konstantinopel verglichen. Von Moskau ist Filaret mit dem Anathema belegt, das heißt, er ist aus der Kirche ausgeschlossen, seiner Weihen verlustig und in den Laienstand zurückversetzt. Ob sich der von Moskau geächtete Metropolit Filaret, der als Persönlichkeit sehr umstritten ist, auch so äußern würde, wenn er nicht in seiner schwierigen Situation Allianz gegen Moskau suchen müsste, ist fraglich.

In dem eingangs zitierten Brief schreibt Metropolit Wolodymyr in diesem Zusammenhang unmissverständlich: "Wenn jedoch im Laufe Ihres Besuchs eine Begegnung Eurer Heiligkeit mit irgendeinem der Führer der Spaltungsstrukturen stattfinden wird, besonders mit dem Pseudo-Patriarchen Filaret, der von unserer Kirche mit dem Anathema belegt ist, wird das bedeuten, dass die römisch-katholische Kirche die Prinzipien der kanonischen Beziehungen zwischen den Kirchen ignoriert und sich auf grobe Weise in unsere inneren Angelegenheit einmischt, indem sie die Spalter mit ihrer Autorität unterstützt. [...] Der Verzicht auf die Einhaltung der ekklesiologischen Prinzipien der zwischenkirchlichen Beziehungen wird den praktischen Abbruch jedweder Beziehungen zwischen unseren Kirchen bedeuten und folglich das Ende der Epoche des Zweiten Vatikanischen Konzils in den orthodox-katholischen Beziehungen."

Zum Abschluss seines Schreibens bringt der Metropolit seine Hoffnung zum Ausdruck, dass " ... Eure Heiligkeit, das oben Dargelegte beachten werde und im Namen einer weiteren positiven Entwicklung der Beziehungen zwischen unseren beiden großen Kirchen ihren vorgesehenen Besuch in der Ukraine aufschieben werden."

In welcher Form und ob der Vatikan überhaupt auf dieses Schreiben reagiert hat, entzieht sich unserer Kenntnis. Tatsache ist, dass die Reise nicht verschoben wurde. Gewiss war man in der Vorbereitung des Besuchsprogramms des Papstes bemüht, die oben angesprochenen Schwierigkeiten im kirchlichen Leben der Ukraine zu beachten und Kompromisslösungen zu finden. Ob es Papst Johannes Paul II. auch diesmal gelingen wird, trotz extrem schwieriger Ausgangslage, die Reise insgesamt zu einem Erfolg werden zu lassen, wird sich zeigen. Zweifelsohne wird er von den Katholiken (ob griechisch- oder römisch-katholisch) in der Westukraine mit großer Freude erwartet und begeistert empfangen werden.

Der Autor lehrt Ostkirchengeschichte und ökumenische Theologie an der Universität Würzburg.

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