St. Gerold - © Privat
Religion

P. Martin Werlen: „Kirche hat die Aufgabe, kreativ zu sein“

1945 1960 1980 2000 2020

Die Propstei St. Gerold, Dependance der Schweizer Benediktinerabtei Einsiedeln, hat einen prominenten Neuzugang: P. Martin Werlen, scharfzüngiger Diagnostiker seiner Kirche und em. Abt von Einsiedeln, ist der neue Propst im Vorarlberger Großen Walsertal.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Propstei St. Gerold, Dependance der Schweizer Benediktinerabtei Einsiedeln, hat einen prominenten Neuzugang: P. Martin Werlen, scharfzüngiger Diagnostiker seiner Kirche und em. Abt von Einsiedeln, ist der neue Propst im Vorarlberger Großen Walsertal.

Während seiner Amtszeit als Abt des Schweizer Benediktinerklosters Einsiedeln (2001–13) musste Pater Martin Werlen auch die Propstei St. Gerold im Großen Walsertal neu besetzen. Elf Jahre später wurde er nun selber zum Nachfolger des von ihm hier eingesetzten P. Kolumban Reichlin.

Die Propstei St. Gerold versteht sich als Ort des Innehaltens und der Einkehr zwischen den Gebirgszügen des Großen Walsertals. Ein Haus für externe und interne Seminare, das auch pferdegestützte Therapie für Kinder, Jugendliche und Erwachsene anbietet. Ein wesentliches Angebot bildet die Sozialferien-Oase, die Menschen in schwierigen Lebenssituationen oder mit körperlichen, psychischen oder seelischen Leiden, denen die finanziellen Mittel für eine Auszeit fehlen, einen Aufenthalt in St. Gerold ermöglicht. Für P. Martin, 58, der in den letzten Jahren im deutschen Sprachraum auch als Buchautor („Zu spät. Eine Provokation für die Kirche, Hoffnung für alle“, 2018, „Raus aus dem Schneckenhaus“, 2020) bekannt ist, ein mehr als reiches Betätigungsfeld.

DIE FURCHE: Sie sind seit Kurzem Propst in St. Gerold – ein Schweizer, der nun in Vorarlberg tätig ist.
P. Martin Werlen OSB: Ich bin in erster Linie nicht Schweizer, sondern Walliser. Und ich bin jetzt im Großen Walsertal, wo die Walliser schon vor 700 Jahren hergekommen sind, ich bin da so etwas wie ein Spätzünder. Aber ich fühle mich hier sehr verbunden – von der Mentalität sind wir sehr ähnlich. Zum Beispiel duzen sich die Walser immer. Das tun wir im Wallis auch. Was ich bei den Walsern hier erfahre, ist die große Gastfreundschaft. Ich bin eigentlich immer per Autostopp unterwegs. Und da warte ich nie länger als ein, zwei Autos, bis mich jemand mitnimmt.
Das ist auch ein großartiges Bild für die Propstei St. Gerold: ein Ort der Gastfreundschaft. Alle, ob sie alt oder jung, gesund oder krank sind, sollen aufgenommen sein, einfach da sein dürfen. Das ist eigentlich auch der Auftrag der Kirche: den Menschen Heimat geben, die Menschen aufatmen lassen. Ich denke da an das Wort Jesu: Die ihr mühselig und beladen seid, kommt alle zu mir, ich will euch aufatmen lassen. Aus meinem Zimmer sehe ich grad jetzt eine schwerstbehinderte junge Frau, die hat heute Geburtstag und strahlt über das ganze Gesicht. Das gehört für mich zu den Gottesbegegnungen und zur Erfahrung von Kirche.