Paternalistisch oder geschwisterlich? - Die Konzepte von "chrisltich-sozial" sind unterschiedlich. - © Foto links: iStock / selimaksan; Foto rechts: iStock / ImagineGolf (Rechts (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)
Religion

Paternalistisch oder geschwisterlich?

1945 1960 1980 2000 2020

Welches christlich-soziale Konzept taugt für die Zukunft? Und welchem davon folgt die türkise ÖVP vornehmlich? Ein Gastkommentar.

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Welches christlich-soziale Konzept taugt für die Zukunft? Und welchem davon folgt die türkise ÖVP vornehmlich? Ein Gastkommentar.

Das „christlich-soziale Element“ will die türkise ÖVP nach Auskunft des Generalsekretärs Karl Nehammer im Standard (6. August 2019) ins Zentrum ihres Wahlkampfs rücken. Die Kritik des Psychoanalytikers Josef Aigner und vieler zivilgesellschaftlich aktiver Christen in den sozialen Medien, dass die ÖVP mit christlich-sozial tatsächlich nicht viel zu tun habe, hat aber auch ihre Berechtigung. Dennoch stellt sich eine christliche-soziale Spurensuche etwas komplexer dar. Ein Indiz dafür ist schon die Tatsache, dass sich viele praktizierende Katholiken politisch problemlos mit Türkis identifizieren und keine Spannung zur Lehre der Kirche oder zur Botschaft der Bibel erkennen.

Die 2018 erschienene Studie „Catholic Modern: The Challenge of Totalitarianism and the Remaking of the Church“ des amerikanischen Historikers James Chappel kann hier weiterhelfen. Chappel untersuchte die Entwicklung des modernen Katholizismus in Deutschland, Frankreich und Österreich zwischen 1920 und 1960 und konnte zwei Grundtypen von katholischer Moderne herausarbeiten. Das dominierende Modell nennt er eine „Paternalistische katholische Moderne“ (Paternal Catholic Modernism), die sich für den Nationalstaat stark machte, die Bedeutung der Familie betonte, der Institution Kirche mehr Bedeutung als der Spiritualität zusprach und sich leider oft auch antisemitisch betätigte. Von seiner Entstehung her war dieses Modell vor allem antikommunistisch ausgerichtet. Demgegenüber steht nach Chappel als Minderheitsposition eine „Geschwisterliche katholische Moderne“ (Fraternal Catholic Modernism), die sich weniger auf den Nationalstaat fixierte, sondern Gewerkschaften, die Zivilgesellschaft und die freie Presse betonte, die spirituelle Orientierung der Institution vorzog und sich für den weltanschaulichen und religiösen Pluralismus öffnete. Das geschwisterliche Modell war nicht antikommunistisch, sondern antifaschistisch ausgerichtet.

J. Messner vs. F. Heer und E. K. Winter

Für Österreich nennt Chappel den stark naturrechtlich ausgerichteten ehemaligen Wiener Sozialethiker Johannes Messner als Beispiel für das paternalistische Modell. Die österreichischen Repräsentanten für das geschwisterliche Modell waren nach Chappel der Soziologe Ernst Karl Winter und der His­toriker und langjährige FURCHE-Redakteur Friedrich Heer. Auf internationaler Ebene findet sich als prominentestes Beispiel für die Geschwisterlichkeit der französische Philosoph Jacques Maritain, der sowohl an der UN-Menschenrechtserklärung von 1948 mitwirkte als auch wesentlich an der Öffnung der katholischen Kirche hin zur moderne Demokratie beteiligt war.
Nach Chappels Typologie lässt sich die türkise ÖVP klar dem paternalistischen Modell zuordnen.

Die großen Herausforderungen in der gegen­wärtigen Welt wie die Klimakrise, Gewaltkonflikte und der wachsende gesellschaftliche Pluralismus erfordern die geschwisterliche Zusammenarbeit.

Das zeigt sich erstens an der stärkeren Betonung des Nationalstaates in der Diskussion um die EU und der damit verbundenen Bevorzugung der Subsidiarität gegenüber einer europäischen Solidarität. Auch das Eintreten für die traditionelle Familie entspricht dem paternalistischen Katholizismus. Nehammer hat ausdrücklich auf das „Familienbild“ für sein Verständnis von christlich-sozial hingewiesen. Das Auftreten von Sebastian Kurz und der NR-Abgeordneten Gudrun Kugler beim „Awakening Europe“-Event muss mit dem Familienverständnis dieser christlichen Bewegung in Beziehung gesetzt werden. NR Kugler kritisierte dort in ihrer Rede, dass „aus Ehe und Familie … etwas Beliebiges gemacht“ worden sei. Die türkise Distanz zur Spiritualität zeigte sich indirekt in der Aussage von Gernot Blümel, der übrigens in seiner Diplomarbeit über den „Personbegriff in der Christlichen Soziallehre“ (Uni Wien 2009) deutlich auf Johannes Messner aufbaute, dass „die christliche Soziallehre eindeutig eine Philosophie und keine Religion“ sei.

In einem Punkt unterscheidet sich die türkise ÖVP allerdings vom paternalistischen Modell. Antisemitismus kann man der Bewegung um Sebastian Kurz nicht vorwerfen, denn im Verhältnis zum Judentum engagiert er sich als Brückenbauer und Überwinder alter Vorurteile. Und dennoch steht die türkise ÖVP in der Frage des gesellschaftlichen Pluralismus nicht für das geschwisterliche Modell, wie die Sympathien mit einer christlichen Leitkultur und die gebetsmühlenhaft immer wieder wiederholte Distanzierung vom (politischen) Islam zeigen. Der jüngste vorgenommene Vorstoß, Mädchen bis 14 Jahren und Lehrerinnen an öffentlichen Schulen das Verhüllen zu verbieten, bestätigt diesen Befund.

Die türkise ÖVP vertritt eine paternalistische Variante des Christlich-Sozialen. Aber ist dieses Modell zukunftsfähig? James Chappel weist am Ende seines Buches auf Papst Franziskus hin, den er als Beispiel für das geschwisterliche Modell nennt. Tatsächlich erfordern die großen Herausforderungen in unserer gegenwärtigen Welt wie die Klimakrise, Gewaltkonflikte und der wachsende gesellschaftliche Pluralismus die geschwisterliche Zusammenarbeit. Führende Religionsvertreter wie Papst Franziskus, der Dalai Lama oder auch der Großimam von Al-Azhar, Ahmad Al-Tayyeb, haben das genauso erkannt wie der sozialdemokratische Spitzenkandidat in der Europawahl Frans Timmermans, der 2015 in seinem Buch „Broederschap: Pleidooi voor verbondenheid“ (frz. „Fraternité: Retisser nos liens“) zur geschwisterlichen Solidarität in Europa aufrief.

Der Autor ist Professor für christliche Gesellschaftslehre an der Universität Innsbruck.

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