PETER-SLOTERDIJk - © Foto: APA / Roland Schlager

Peter Sloterdijk: Fehlermeldung für religiöse Institutionen

1945 1960 1980 2000 2020

Auf den ersten Blick befleißigt sich Peter Sloterdijk in seinem neuen Buch heiter-ironischer bis zynisch-distanzierter Religionsbeobachtung. Genauer betrachtet trifft er dabei wunde Punkte haargenau.

1945 1960 1980 2000 2020

Auf den ersten Blick befleißigt sich Peter Sloterdijk in seinem neuen Buch heiter-ironischer bis zynisch-distanzierter Religionsbeobachtung. Genauer betrachtet trifft er dabei wunde Punkte haargenau.

Religion ist ein schwieriges Thema, speziell in Österreich, über das die einen wie die anderen mit Ressentiments sprechen – die einen, weil sie alles, was mit Religion zu tun hat, am liebsten aus der Welt schaffen wollten, die anderen, weil sie jede Veränderung von Religion, genauer der ihnen vertrauten Form von Religion ablehnen. Dass inzwischen seit mehreren Jahrzehnten ein deutlicher Religionswandel stattfindet, wird weder von der einen noch von der anderen Fraktion wahrgenommen. Gott und Religion erscheinen als umfassende Machtinstanzen oder gefährliche Gegner, und das ist für manche eine persönliche und existenzielle Frage. Nur selten finden sich Stimmen, die über Religion und Gott anders und freier sprechen können.

Eine dieser Stimmen gehörte Dorothee Sölle, der großen evangelischen Theologin. Für sie war Poesie – Theopoesie – ganz selbstverständlich die einzig mögliche und genuine Form des Sprechens von Gott. Statt von dem patriarchalen „göttlichen Macker“ zu reden, bestand sie darauf, a-theistische und feministische Sprachbilder zu finden. In der theologischen Zunft blieb sie eine – wenngleich geachtete – Außenseiterin, die darauf bestand, dass Gott nicht und für niemanden verfügbar ist.

„Poetologische Aufklärung“

Der Theopoesie ist Peter Sloterdijk in seinem neuen Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“ in ganz anderer, nämlich kritischer Absicht auf der Spur, in Form einer „poetologischen Aufklärung“. Religion nämlich – im Fokus der monotheistischen Religionen – sei Dichtung, die abstreitet, Dichtung zu sein, und stattdessen für sich Realität und Wahrheit beansprucht, wobei dies den Gläubigen durchaus auch unter Zuhilfenahme drastischer, gewalttätiger und traumatisierender Maßnahmen eingebläut werde. Theopoesie dieser Art, so Sloterdijk, entsteht aus dem Zusammenspiel von Kulthandlungen, Kunst und denkerischer Bewegung. Wie der Himmel auf diese Weise zum Sprechen gebracht wurde, führt Sloterdijk an der griechisch-römisch-christlichen Religionsgeschichte vor, mit umfassenden Kenntnissen auch abgelegener Winkel derselben und Einschüben, die sich auf Versatzstücke aus anderen Religionen und Weltgegenden beziehen, gerne aus Ägypten oder dem Zweistromland, aber auch aus Asien.

Religion ist ein schwieriges Thema, speziell in Österreich, über das die einen wie die anderen mit Ressentiments sprechen – die einen, weil sie alles, was mit Religion zu tun hat, am liebsten aus der Welt schaffen wollten, die anderen, weil sie jede Veränderung von Religion, genauer der ihnen vertrauten Form von Religion ablehnen. Dass inzwischen seit mehreren Jahrzehnten ein deutlicher Religionswandel stattfindet, wird weder von der einen noch von der anderen Fraktion wahrgenommen. Gott und Religion erscheinen als umfassende Machtinstanzen oder gefährliche Gegner, und das ist für manche eine persönliche und existenzielle Frage. Nur selten finden sich Stimmen, die über Religion und Gott anders und freier sprechen können.

Eine dieser Stimmen gehörte Dorothee Sölle, der großen evangelischen Theologin. Für sie war Poesie – Theopoesie – ganz selbstverständlich die einzig mögliche und genuine Form des Sprechens von Gott. Statt von dem patriarchalen „göttlichen Macker“ zu reden, bestand sie darauf, a-theistische und feministische Sprachbilder zu finden. In der theologischen Zunft blieb sie eine – wenngleich geachtete – Außenseiterin, die darauf bestand, dass Gott nicht und für niemanden verfügbar ist.

„Poetologische Aufklärung“

Der Theopoesie ist Peter Sloterdijk in seinem neuen Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“ in ganz anderer, nämlich kritischer Absicht auf der Spur, in Form einer „poetologischen Aufklärung“. Religion nämlich – im Fokus der monotheistischen Religionen – sei Dichtung, die abstreitet, Dichtung zu sein, und stattdessen für sich Realität und Wahrheit beansprucht, wobei dies den Gläubigen durchaus auch unter Zuhilfenahme drastischer, gewalttätiger und traumatisierender Maßnahmen eingebläut werde. Theopoesie dieser Art, so Sloterdijk, entsteht aus dem Zusammenspiel von Kulthandlungen, Kunst und denkerischer Bewegung. Wie der Himmel auf diese Weise zum Sprechen gebracht wurde, führt Sloterdijk an der griechisch-römisch-christlichen Religionsgeschichte vor, mit umfassenden Kenntnissen auch abgelegener Winkel derselben und Einschüben, die sich auf Versatzstücke aus anderen Religionen und Weltgegenden beziehen, gerne aus Ägypten oder dem Zweistromland, aber auch aus Asien.

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Götterwelten leben von Menschenwelten – sie sind ein Produkt menschlicher Einbildungskraft, das sich verselbstständigt und einerseits anregt zum Über-sich­-hinaus-Wachsen – eine ständige Überforderung, wie Sloterdijk meint; andererseits sollen Götterwelten auch gegen die Unvorhersehbarkeiten des Lebens absichern. In dieser Funktion verbindet sich Religion mit Herrschaft und wächst sich zu „Sinnimperien“ aus, die alle Bereiche der Gesellschaft durchdringen und zugleich ihre Unvergleichlichkeit und Einzigartigkeit behaupten.

Was Sloterdijk mit heiter-ironischer, manchmal zynischer Distanz beschreibt, ist ein Rückblick auf Strukturen oder Dispositive, die zur Unheilsgeschichte des Christentums beigetragen oder auch dazu geführt haben. Das ambivalente Gottesbild des Christentums – ein Gott, der das Paradies verspricht, aber zugleich auch die Hölle in petto hat – ist hier vor allem zu nennen. Dann aber auch all jene Praktiken, in denen es um mortificatio, Abtötung, geht, um Askese als die „Kunst der Übertreibung“ und der Abspaltung der Sinnenwelt.

„Zeitalter der Zudringlichkeit“

Das „Zeitalter der Zudringlichkeit“ verbreitet durch die Verbindung von Missionierung und Kolonialismus das „Sinnimperium“ Christentum weltweit, zwischen 1492, der Ankunft der spanischen Schiffe in Amerika und der Austreibung der Juden und Muslime aus Spanien, und 1945, dem Ende des europäischen Kolonialismus.

In Europa haben im 20. Jahrhundert staatliche Stellen jene sozialen Funktionen übernommen, die ehemals das „Sinnimperium“ trug – Bildung, Medizinwesen, Sozialversicherung, und das Geschäft der Angst- und Kontigenzbewältigung hat die Psychotherapie übernommen. Es gilt Religionsfreiheit, das heißt, niemand muss mehr einer Religion – „dieser einen“ Religion – angehören. Religion ist nun frei von sozialen Verpflichtungen und Funktionen der Herrschaft, also überflüssig geworden, resümiert Sloterdijk.

Man kann Sloterdijks Buch auch als eine Ortsbestimmung lesen, von der aus man neue Wege einschlagen kann.

Religiöse Formen mögen Einzelnen noch etwas bedeuten, ansonsten könnten Kunst und Philosophie die Agenden der Religion übernehmen. „Das Übrige ist Anhänglichkeit, begleitet vom Verlangen nach Teilhabe.“ Mit der Feststellung vom Ende der bisherigen Gestalt von Religion sei nicht das Ende (theo)poetischer Kraft erreicht, und man könnte über „Morgenröten, die noch nicht geleuchtet haben“, sprechen.

Mit dieser abschließenden Analyse trifft Sloterdijk eine Diagnose, die für die meisten Staatsgebilde der Europäischen Union, aber nur für diese, zutrifft. Mit dem Ende des Staatskirchentums ist auch die Volkskirche zu Ende gekommen, das lässt sich mit „freiem Auge“ wahrnehmen. Europa ist, so sagen Religionssoziologen wie José Casanova, so ziemlich die einzige Weltgegend, in der Säkularismus die vorherrschende Form von Weltanschauung ist. Das Buch spricht also aus einer euro- und ethnozentrischen Perspektive und ist patriarchal gestimmt. Es nehme, wie ein Rezensent meinte, ironisch und „heiter“ das Ende von Religion und Gottesvorstellungen vorweg. Religion als Teil der Gesellschaft ist im 21. Jahrhundert überflüssig geworden.

Angesichts der derzeitigen Debatten im innerkirchlichen Raum muss man hinzufügen, dass sich die Kirche selbst redlich darum bemüht, sich selbst als Teil der Gesellschaft überflüssig zu machen. Gerade haben dies die Theologen Rainer Bucher und Hans-Joachim Sander in einer ausführlichen Analyse dargestellt (zu finden auf feinschwarz.net/am-kipppunkt-1/).

A-theistische Theopoesie

Man kann also, wenn man will, Sloterdijks „Den Himmel zum Sprechen bringen“ auch als Fehlermeldung lesen, oder als eine Ortsbestimmung, von der aus man neue Wege einschlagen kann. Römisch-katholisch wird hierzulande meist nach mehr vom Selben, sprich Ersatz für die Volkskirche gesucht, vergeblich, wie abzusehen ist. Doch es gibt auch neue Bewegungen, die sich – dem Evangelium verpflichtet – mit neuen Gottesbildern brennenden globalen Fragen widmen und ohne Identitätsängste auskommen.

Gelingende Theopoesie müsste per se a-theistisch sein, das heißt, aus dem Boden der negativen Theologie erwachsen und ohne die alten Gottesbilder auskommen. Oder, um Meister Eckhart zu paraphrasieren: Gott ist keine Kuh, die man mit Kraftfutter füttert, damit sie möglichst viel Milch – sprich ökonomisches und psychologisches Wohlergehen – produziert. Gott ist nicht gut, sagt Meister Eckhart.

den-himmel-zum-sprechen-bringen - © Suhrkamp 2021
© Suhrkamp 2021
Buch

Den Himmel zum Sprechen bringen

Über Theopoesie
Von Peter Sloterdijk
Suhrkamp 2021
352 Seiten, geb., € 26,80

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