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Pionier der Ökumene

Kardinal König - in der

katholischen Kirche

beheimatet, aber überzeugt, dass die Wahrheit des

Christentums nicht allein dort zu finden ist.

von walter kirchschläger

Kardinal König war ein Mann der Ökumene. Er wusste sich in der katholischen Kirche beheimatet, verband damit aber zugleich die Überzeugung, dass die Wahrheit des Christentums nicht dort alleine zu finden ist.

Wie sehr das Gespräch mit den christlichen Kirchen den Kardinal bewegt hat, zeigt die Gründung von Pro Oriente gerade in jener Phase des Konzils, als das Ökumenismus-Dekret verabschiedet wurde. Schon dessen ersten und grundlegenden Entwurf hatte König als einen glücklichen Versuch auf dem Weg zur Einheit der Christen bezeichnet. Auf dem Konzil hatte sich König bei der Debatte über das Schema über die orientalischen Kirchen vehement dafür eingesetzt, den Charakter der nicht unierten Orientalen als "Kirche" deutlicher herauszustellen - wie er ja insgesamt für das Kirche-Sein der anderen christlichen Gemeinschaften besondere Sensibilität aufwies und in diesem Zusammenhang dem Konzil mit dem Vorschlag einer diesbezüglich offen formulierten Überschrift zu Teil III des Ökumenismusdekrets aus einer Sackgasse verhalf: Hier sollte demnach die Rede sein von "Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften" und nicht einfach nur von "nicht-katholischen Christen". Diskriminierende Festschreibungen waren die Sache des Kardinals auch in diesem Kontext nicht.

Der Blick nach Osten

Pro Oriente - der Name sagt es - wendet sich in den Osten. Das hängt mit der geografischen Lage Wiens und der Geschichte Österreichs ebenso zusammen wie mit den Notwendigkeiten, die Kardinal König damals mit den Männern der ersten Stunde - besonders sind Otto Mauer und Otto Schulmeister zu nennen - erkannte. Die Ökumene in den Westen war im Einheitssekretariat unter der Leitung von Kardinal Augustin Bea gut aufgehoben. Mannigfache Umstände, nicht zuletzt die Sprachen und das politische Umfeld, machten aber den Weg in den Osten sehr schwierig. Die Theologie der altorientalischen Kirchen und der Kirchen der Orthodoxie war anders inkulturiert und hatte seit mindestens einem Jahrtausend eigene Wege beschritten. Hier bedurfte es vorsichtiger Neuanfänge auf der Grundlage inoffizieller Initiativen.

König beschritt dabei einen vielfältigen Weg. Neben dem theologischen Gespräch wurden persönliche Beziehungen geknüpft und gepflegt, Besuche ausgetauscht, liturgische Partizipation, wie es eben ging, ermöglicht. Auch für Kirchen gilt, was in Politik und Gesellschaft erkennbar ist: Die zwischenmenschliche Ebene muss gepflegt werden. Wenn sie stimmig ist, erleichtert dies das Suchen eines sachlichen Konsenses erheblich. Die verschiedenen Konsultationen und Symposien der vergangenen vier Jahrzehnte belegen die Richtigkeit dieser Überzeugung. Es gehört zu den gerade in unserem Land möglichen besonderen Konstellationen, dass die von den Kirchen den hohen Besuchen entgegengebrachte Gastfreundschaft durch die Republik Österreich bzw. durch ihre Organe jeweils entsprechend gefördert und mitgetragen wurde - dies unter anderem auch deswegen, weil im Zusammenrücken der christlichen Kirchen und in ihrer Suche nach Einheit ein notwendiges Vorbild für den internationalen politischen Einigungsprozess erkannt werden konnte.

Ich glaube kaum, dass man die ökumenischen Bemühungen von Kardinal König und die Errichtung der Stiftung Pro Oriente mit der in der gleichen Zeit entwickelten so genannten vatikanischen Ostpolitik in Verbindung bringen kann. Die Ziele dieser insbesondere mit dem Namen Agostino Casaroli verknüpften Methode des kirchenpolitischen Umgangs mit kommunistischen Regimes und die Absichten des Wiener Erzbischofs waren nicht deckungsgleich, und auch die jeweiligen Zielgruppen waren wohl zu verschieden. Es mag allerdings sein, dass Kardinal König durch seine 1963 beginnenden Besuche bei Kardinal Mindszenty in Budapest sowie durch seinen schweren Verkehrsunfall in Varasdin auf dem Weg zum Begräbnis seines Studienkollegen Kardinal Alojzije Stepinac am 13. Februar 1960 hinsichtlich der komplexen religiösen Situation im Osten Europas und darüber hinaus sensibilisiert wurde.

Ökumene: ein langer Weg

Seine Berufung zum ersten Präsidenten des vatikanischen Sekretariats für die Nichtglaubenden im Jahr 1965 rundet den diesbezüglichen Aufgabenbereich ab, in dem die theologische und religionswissenschaftliche Weite seiner Ausbildung und seiner wissenschaftlichen Tätigkeit sowie seine intellektuelle Offenheit voll zum Tragen kommen kann.

König bleibt dabei Realist und ist sich bewusst, dass Erfolge hier nicht in kurzer Zeit zu gewinnen sind. Aber er bleibt auch hinsichtlich des Fortschritts im Bereich der Ökumene optimistisch: "Die oft beklagten scheinbaren Stagnationen unserer Zeit können nur Prüfungen, aber nicht ernsthafte Hindernisse sein", sagt er in einem Rückblick im Jahre 1996. "Die ökumenische Bewegung ist eben ein langwieriger Prozess und kann nicht mit Parlamentsdebatten oder Abschlusskommuniques verglichen werden. Wie lange der Weg zur Einheit dauern wird, wissen wir nicht, aber wir glauben und hoffen, dass dieser Prozess der Ökumene uns einmal zusammenführt."

Der Autor ist Professor für Neues Testament an der Universität Luzern und war 1970/73 Sekretär von Kardinal König. Auszug aus dem Festvortrag anlässlich 40 Jahre Pro Oriente am 4. November in Wien.

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