Seit einem Monat demonstrieren Ukrainer auf dem "Maidan“ im Zentrum Kiews gegen den neuen, prorussischen Kurs ihres Landes. Ein Lokalaugenschein.

Das Zentrum Kiews gleicht nach vier Wochen Dauerdemonstration einer mittelalterlichen Festung: Alle Zugänge zum "Maidan“, dem Platz der Unabhängigkeit, sind mit Barrikaden abgeriegelt. In den Tagen nach der letzten Polizeiattacke hat man mit Schnee gefüllte Säcke, Autoreifen und Holzbretter zu unüberwindbaren, bis zu fünf Meter hohen Wällen gestapelt. Freiwillige kochen in zahllosen Lagern auf offenem Feuer Suppen, Buchweizengrütze und Tee. In den besetzten Gebäuden rund um den Maidan schlafen sich auf Matratzenlagern jene aus, die nachts auf den Barrikaden Wache gehalten haben.

Was sich hier versammelt, ist ein Querschnitt der ukrainischen Gesellschaft: Junge, hippe Großstädter, einfache Arbeiter, Lehrer, Geschäftsleute, Künstler. Die meisten stammen aus Kiew und der Westukraine. Aus der eher russisch geprägten östlichen Ukraine trifft man hingegen kaum jemanden. Da sind etwa Maria und Marta, beide Anfang 20, die frierenden Demonstranten Tee reichen. Am Samstag sind sie mit dem Bus aus Iwano-Frankowsk gekommen. Sie träumen von einem anderen Leben nach europäischen Regeln. "Am Anfang wird es sicher schwierig, aber mit der Zeit besser“, glaubt Maria. Sie meint damit einen möglichen EU-Beitritt der Ukraine. Ein Traum, der - Assoziierungsabkommen hin oder her - in naher Zukunft illusorisch ist.

"Banditenregime“ und "Schakale“

Im Versammlungsraum schimpft gleichzeitig ein Kommandeur der ukrainischen Kosaken über das "Banditenregime“, den Okkupan-ten Russland. Die Spezialeinheiten der Polizei seien "Schakale, die sich in der Dunkelheit ihre Opfer suchen und das Licht fürchten.“ Wie er vertreten viele Demonstranten einen militanten ukrainischen Nationalismus, der sich aus dem Hass auf die Russen speist. Ihr großes Idol ist der Nationalist Stepan Bandera, der im zweiten Weltkrieg mit den Faschisten kollaborierte und dessen Einheiten Massaker an Kommunisten und Juden verübten.

Inzwischen stehen auf dem Maidan große Armeezelte, die Lebensmittellager sind bis oben gefüllt, auf der Bühne wird rund um die Uhr gesungen und zum Durchhalten aufgerufen. Der Maidan hat sich eingerichtet, auf unbestimmte Zeit. Und auch wenn immer wieder Gerüchte über heimtückische Überfallspläne - etwa eine Gasattacke der Polizei - die Runde machen: Dass der Platz gestürmt wird, daran glaubt niemand mehr.

Misstrauisch sind die Menschen trotzdem: Veteranen und junge Nationalisten kontrollieren die Eingänge, einige nutzen ihre plötzlich erlangte Macht dazu, die Menschen zu drangsalieren. Man fürchtet hier die "Tituschki, von den Gegnern bezahlte Provokateure, die für Unruhe sorgen sollen. "Vorhin haben wir einen mit einem dreißig Zentimeter langen Messer erwischt“, erzählt Alexander, ein kräftiger 42-jähriger Ukrainer. Der ehemalige Fallschirmjäger ist am nordöstlichen Eingang des Maidan so etwas wie der Leiter der Wachmannschaft. Vor einer Woche hat er ein paar Minibusse organisiert und ist nach Kiew gekommen. Warum er hier ist? "Ich will nicht, dass der Präsident meines Landes ein ehemaliger Knasti ist, und dass seine Familie sich grenzenlos bereichert.“

Vielgesichtiger Widerstand

Für "Politiker“ - das Wort zieht er verächtlich in die Länge - hat er allerdings generell wenig übrig. Das gilt auch für die drei, die auf die Protestwelle aufgesprungen sind und gerade wieder auf der Bühne von Freiheit, Demokratie und Europa erzählen - und von ihrer Strategie, wie sie die Regierung in die Knie zwingen wollen: Wladimir Klitschko, der populäre (und nunmehr emeritierte) Boxer und Wunschkandidat der EU, der an den neuen, deutschen Außenminister Hans-Walter Steinmeier appelliert hat, in Kiew zu vermitteln; Arsenij Jazenjuk, der etwas farblose Politprofi; und Oleh Tjahnybok, der nationalische Populist aus der Westukraine.

Alexander glaubt, dass keiner der drei wirklich zum Präsidenten taugt. Vielmehr hofft er, dass Pjotr Poroschenko das Rennen macht. Der Milliardär hatte immer wieder politische Ämter inne, bis 2012 war er unter Janukowitsch Handelsminister. Nun unterstützt Poroschenko die Proteste, hält sich allerdings auffällig im Hintergrund: Er könnte der lachende Vierte sein, wenn das Oppositionstriumvirat sich über die Frage eines gemeinsamen Präsidentschaftskandidaten zerstreitet.

Derzeit heißt der Präsident aber noch Viktor Janukowitsch, und von Neuwahlen will er bislang nichts hören. Stattdessen versucht er, mit geschickten Schachzügen den Forderungen der Opposition den Wind aus den Segeln zu nehmen: Er entlässt am Wochenende nicht nur die während der Unruhen inhaftierten Demonstranten, sondern auch den Kiewer Bürgermeister und den Vizechef des Nationalen Sicherheitsrates: Sie sollen angeblich die Schuld für das brutale Vorgehen gegen die Demonstranten Ende November tragen. Nach Medienberichten will Janukowitsch auch jene Minister entlassen, die für den Assoziierungsprozess mit der EU verantwortlich waren: Er habe das Dokument nicht unterzeichnen können, weil es "schlecht vorbereitet“ gewesen sei und den ukrainischen Interessen geschadet hätte. Schließlich reist er am Dienstag nach Moskau, um mit Wladimir Putin den "Fahrplan“ für den Weg zu einer Zoll-union mit Russland zu erörtern, wie es heißt. Im Gegenzug bewilligt Putin deutlich niedrigere Gaspreise und einen 15 Milliarden US-Dollar-Kredit für Kiew.

Die Empörung auf dem Maidan ist entsprechend groß. Ein paar hundert Meter entfernt, hinter mehreren Ketten aus Polizisten und Bussen, versucht Viktor Janukowitsch derweil zu demonstrieren, dass es im Land noch Menschen gibt, die ihn unterstützen. Bereits vergangenen Samstag hatten mehrere zehntausend Anhänger der "Partei der Regionen“ für ihn demonstriert; seitdem haben sie sich im Marinsky-Park in einer Zeltstadt eingerichtet.

Herbeigekarrte Anhänger

Sie sollen den Gegenpol zum Maidan darstellen - wie es Wladimir Putin im Protestwinter 2011/2012 vormachte, als er aus der Provinz zehntausende Unterstützer herankarren ließ. Aber der von oben angeordnete "Antimaidan“ gibt ein trauriges Bild ab. Wer mit den Teilnehmern spricht, erfährt, dass kaum einer hier aus eigener Initiative steht. Und der große Unterschied zu Russland: Dort demonstrierte die gebildete, urbane Mittelschicht gegen den Präsidenten, und Putin fiel es leicht, dagegen die "einfachen“ Menschen zu stellen. In der Ukraine jedoch steht ein großer Teil des Volkes auf dem Maidan.

Den vergangenen Sonntag hatte die Opposition zum "Tag der Würde“ erklärt. Die "Würde“ ist das Vorzeichen, unter dem der Protest seit seinem Beginn steht, sagt Swjatoslaw Wakartschuk, Sänger der populärsten ukrainischen Rockgruppe "Okean Elzy“: "Es gibt einen großen Unterschied zur orangefarbenen Revolution: Damals sind die Leute hinter den Politikern hergelaufen, heute laufen die Politiker hinter den Menschen her“, sagt der 38-Jährige, der gerade das größte Konzert seines Lebens vor weit über hunderttausend Menschen gespielt hat. "Und egal, wie das hier ausgeht: Sie werden auf die Menschen hören müssen.“

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