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Politik inspirieren und kritisieren

Wie kommt es, dass Religionen von Frieden und Liebe reden und doch immer wieder Gewalt provoziert haben? Es gibt die Behauptung, alle Monotheismen seien gewalttätig, weil sie einen "eifersüchtigen" Gott mit Absolutheitsanspruch verehren; das führe zu Intoleranz. Dagegen steht die gemeinsame Überzeugung, dass jeder Mensch ein Geschöpf Gottes ist, ein Nächster, der meine Zuwendung und Hilfe verdient. Aber offenbar gibt es Umstände, die das jüdische Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe, Herzstück auch des christlichen Glaubens, aushebeln können.

Das Christentum ist in einer Welt vieler Kulte und Riten gewachsen, obwohl es unter Verfolgungen litt; als es Staatsreligion wurde, begann es selbst, Juden, Heiden und Abweichler in den eigenen Reihen zu verfolgen. Religion, mit politischer Macht verbündet, gewinnt Durchsetzungskraft, schafft Volkskirchen - und verliert ihre Glaubwürdigkeit. Gerade so haben die Diktaturen des 20. Jahrhunderts ihre ideologischen "Volkskirchen" erzwungen. Zum Glück gab es Menschen, die den Absolutheitsanspruch des Liebesgebots ernst nahmen. Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen, so Dietrich Bonhoeffer 1935. Solchen Widerstand haben viele mit dem Leben bezahlt, ohne dass damit die kirchliche Schuldgeschichte aufgehoben wäre.

Wie menschenfreundlich Religion sein kann, zeigt sie dort, wo sie nicht regieren will oder in der Minderheit ist. Sie ist kein politisches Programm, sondern ein spiritueller Weg; sie soll die Politik inspirieren und kritisieren, wenn Unrecht geschieht. Da zeigt sich die Qualität des Glaubens an den einen Gott, den Schöpfer aller Menschen; da zeigt sich, was Absolutheitsanspruch wirklich bedeutet: Der Glaube an meine Wahrheit ist nicht disponibel, weil er mir geschenkt wurde. Aber wie käme ich dazu, Anderen zu verübeln, dass sie anders beschenkt wurden?

Die Autorin leitet das Institut für Praktische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät Wien.

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