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Politischer Katholizismus

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„Zwischen Politik und Theologie gibt es keine grundsätzliche Neutralität.“

„Neue Ordnung“ 3/1965 Helmut Gehrig

Jedes öffentliche Handeln, welches auf das Ganze der Gesellschaft und auf ihre bürokratische Verdichtung, das heißt den Staat, bezogen ist, erweist sich seiner Natur nach — ob deklariert oder nicht — als ein politisches Handeln. Auch der von der Kirche und gläubigen Laien unternommene Versuch, das christliche Sittengesetz in der Mitte dieser Welt zu lehren und zu verwirklichen, ist Politik, eine von katholischen Grundsätzen inspirierte Politik, Politischer Katholizismus. Soweit der in der Welt wirkende Christ an die Kirche denkt, wird von ihm der Staat und eine Bestordnung desselben mitgedacht, sein Handeln wird stets und unvermeidbar ein politisches sein, welche Bezeichnung für sein Tun er auch zu finden sucht.

Die in der Welt wirkende Kirche bietet das Sittengesetz allen Menschen an, nicht nur einer Gruppe, sei sie nun als Klasse oder Rasse integriert, da die Kirche „in jeder Gesellschaftsform existieren“ kann (Kardinal König). Daher kann grundsätzlich Politischer Katholizismus nicht als parteipolitischer Katholizismus verstanden und dadurch auf einen Teilkatholizismus reduziert werden. Das gilt grundsätzlich. Anderseits gibt es — und oft ganze Generationen hindurch — bestehende Situationen, in denen sich die Kirche zum Zweck einer optimalwirksamen Durchsetzung des Sittengesetzes des Anbotes politischer Gruppen bedienen muß, vor allem, wenn sie am wirksamen Dargebot ihrer Heilswahrheiten von Behörden oder von anderen politischen Gruppen gehindert wird. In einer solchen Situation, und nur für die Dauer ihres Bestandes, ist eine erklärte oder faktisch christliche Partei ein wesentliches Instrument der Kirche im politischen Vorfeld, ein „Mittel der Zeit“ (Kardinal König) im Interesse einer Verkündigung der Frohbotschaft, die einer profanen Welt zum Nachvollzug angeboten wird. Dann hat der Politische Katholizismus den Charakter eines parteipolitischen Katholizismus.

Von einem politisch belangreichen Weltverhalten des Christen, von dem, was wir Politischen Katholizismus nennen, gibt es für den Christen, der seinen Glauben auch anderen mitteilen und diesen nicht gleichsam nur im eigenen Haushalt konsumieren will, keine Dispens.

Der Christ ist in seinem Gewissen verpflichtet, die in ihm gespeicherten Ansichten über die rechte Ordnung in der Welt — in eben dieser Welt — zu investieren. Wie wäre es etwa in Europa nach 1945 zugegangen, hätten nicht unmittelbar nach Kriegsende christliche Politiker gemeinsam mit Männern aus den anderen Lagern aus einer Substanz von Null ihre Vaterländer aufbauen geholfen? Das war also Politischer Katholizismus, ausgeführt von Menschen, die einfach, wenn und wo sie handelten, bemüht gewesen sind, Christen zu sein, wenn sie es auch vermieden, „mit der Kirchenfahne in den Wahlkampf“ zu ziehen. Eben deshalb, weil jedes Engagement des Christen in der Welt zur Bewältigung der Dinge in der Welt von dieser als politisch interpretiert wurde, darum das Martyrium seit Bestand unserer Kirche, daher im Ablauf der Geschichte permanente Auseinandersetzung zwischen den Mächtigen dieser Erde und der Kirche — wenn diese eine freie Kirche war und nicht selbst im Besitz von herrschaftlicher Macht gewesen ist; wodurch sich die Kirche geradezu naturgesetzlich bestimmt an die Welt verlieren mußte, weil sie in dieser als Folge einer Selbstprofanierung nur sich selbst begegnen konnte. Jedenfalls ist Kirchengeschichte auch (also „auch“ und keineswegs „nur“) Teil der politischen Geschichte; eine Summe von heroischen, politisch wirksamen Akten, aber nicht weniger von Ver-irrungen, deren Summe manche mit Kirchengeschichte gleichsetzen, während man Kirchen-„Geschichten“ meint.

II

Die unverkennbare und heilsame Unruhe im österreichischen Katholizismus der Gegenwart — im Weltvergleich keineswegs eine drastische Bewegung — steht auch im Zusammenhang mit der Vermutung mancher Christen, daß die Kirche, die in bestimmten politischen Fragen schweigt — seit 1945 beharrlich und hörbar schweigt —, gewillt ist, sich auf die Praxis des Kultus, der Liebestätigkeit und der Individualseel-sorge zurückzuziehen, also geneigt ist, lediglich den einzelnen zum Adressaten ihrer Frohbotschaft zu ien. Das Schweigen der Kirche wurde und wird jedoch mißverstanden. Es wird mißverstanden von denen, für welche die Kirche bestenfalls Instrument ihres unter liberalen Formeln notdürftig verdeckten skeptischen Atheismus ist, nicht minder allerdings auch von gläubigen Christen. Die einen, die verschieden etikettierte Atheismen praktizieren, vermuten im Schweigen der Kirche in Fragen, zu deren Beantwortung mehrere Antworten naturrechtlich legitim sind (oder in denen die Vernunft des Christen nicht einer kirchlichen Mahnung als Stütze bedarf), einen Rückzug auf jene Igelstellung, welche der Kirche im Übergang sogar ein deklariert atheistischer Staat als beschauliche Reservation zugesteht. Die anderen, die Christen vor allem im institutionellen Bereich der christlichen Demokratie, wähnen sich durch das Schweigen der Kirche verlassen, ohne Mandat, ausgesetzt, wenn nicht illegitim, falls sie bei ihrem Bemühen, an der Ordnung in der Welt mitzuwirken, auch noch das für sie im besten Sinn des Wortes schmückende Beiwort „christlich“ verwenden.

Tatsächlich hat die Kirche nie

einen Zweifel daran gelassen, daß es für sie keine Äquidistanz zu allen Parteien gibt, etwa eine gleich große Entfernung zwischen dem, was die Kirche in der Welt realisiert wissen will, und dem, was die einzelnen Parteien zu praktizieren suchen. Auch die Parteien selbst, sosehr sie oft die Zustimmung, zumindest aber das Schweigen der Kirche begehren, legen auf eine angemessene Distanz gegenüber der Kirche Wert, die nicht selten so gezogen ist, daß alles Christliche aus Programm und Verhalten geradezu am Horizont verschwindet. Die Auswahl der Mandatare und noch höherer Funktionäre durch einzelne Parteien ist Beweis für diesen Sachverhalt, der keineswegs mit dem Wort Pluralismus (das auch eine Leerformel sein kann) zu überdecken ist. Freilich ist es heute so, daß man die Distanzen zumindest zwischen den Parteiprogrammen oft kaum noch mit freiem Auge erkennen kann. Daher muß mehr denn je auf die Parteipraxis bedacht genommen werden; diese aber läßt neuerdings bemerkenswerte Schlüsse zu. Auch in Österreich.

III

Wenn man von der „Öffnung der Kirche“ spricht und diese als eine Öffnung nur nach einer Seite wahrhaben will, so wäre dies eine tragische Verkennung dessen, was die Väter beim Konzil wirklich gewollt haben, als sie das Anbot an christ-

lichen Heilswahrheiten an die Totale einer Welt richteten und jede gesellschaftliche und national-rassische Schicht ansprachen. „Öffnung“ heißt — wenn sie als katholisch zu interpretieren ist — nicht Öffnung nach einer Seite, sondern nach allen Seiten. So nebenher: Öffnung erfordert auch Gegenöffnung, soll sie nicht Preisgabe sein und zur Schutz-losigkeit der Kirche führen, die sich in einer großzügigen Art einer Infiltration darbietet, aber dann, wenn sie selbst die Frohbotschaft auch denen verkünden will, denen sie sich öffnet, verschlossene Türen findet.

Schweigen in besonderen politischen Fällen und angemessene Toleranz können daher nicht bedeuten, daß die Kirche nunmehr die Konfrontation mit der Welt vermeiden will. Im Gegenteil! Gerade durch Unbefangenheit, weil eben nicht an profane Institutionen und Interessen gebunden, schafft sich die Kirche Voraussetzungen, um die Frohbotschaft auch in Bereichen zu verkünden, die zu betreten ihr bisher nicht gestattet worden war. Schweigen setzt aber Gegenschweigen, Öffnung also Gegenöffnung voraus. Für den christlichen Laien aber, der in seinen Entscheidungen von seinem Gewissen programmiert wird, ist ein Engagement in der Politik nicht etwa fragwürdiges Tun, sondern eine Form von Werkfrömmigkeit.

Für das Verhältnis der bekennenden Christen zu den Parteien aber kann gelten, was das Zentralkomitee

der Deutschen Katholiken im Dezember des Vorjahres in seiner „Politischen Erklärung“ festgestellt hat:

„Wir orientieren uns in unserem Verhältnis zu den politischen Parteien daran, ob ihr Programm unserer Auffassung vom Gemeinwohl entspricht, ob ihre Personen ihren politischen Einsatz vor einem christlichen Gewissen verantworten und ob ihre politische Praxis unsere politischen Anliegen verwirklicht. Wir betrachten es als sittliche Pflicht, mit Männern und Frauen auf der Basis christlicher Grundsätze zusammenzuwirken und dadurch unseren Beitrag in der Mitverantwortung an der demokratischen Ordnung zu leisten.“

Die im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien haben der „Politischen Erklärung“ und auf diese Weise auch der obenzitierten Feststellung zugestimmt. Damit wurde aber von den großen deutschen Parteien zugegeben, f'daß der Christ in seinem politischen Verhalten von ihnen, von den Politikern bestimmt wird, daß er in konformer Reaktion auf das Verhalten von offenkundig nichtchristlichen Parteien das Recht hat, diesen Stimme und vor allem Mitarbeit zu versagen, wenn dies sinnlos geworden ist.

Nicht die Kirche verengt den politischen Katholizismus in manchen Situationen auf einen parteipolitischen Katholizismus, sondern jene, welche sich katholischen, im Sittengesetz begründeten Forderungen nachhaltig versagen.

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