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Pontifikat der überraschenden Wenden

Noch fehlt die nötige historische Distanz für eine wirkliche Bilanz der Ära Benedikts XVI. Die Spurensuche dazu kann und darf dennoch schon längst beginnen.

Was wird vom gegenwärtigen Pontifikat, dessen Ablaufdatum nun so unvermutet klar wurde, bleiben? Wahrscheinlich ist es ein wenig vermessen, schon bevor die nötige historische Distanz möglich ist, eine Antwort darauf zu finden. Aber dennoch stellt sich diese Frage dem Beobachter vom ersten Augenblick an. Denn seit 11. Februar Mittag ist klar, dass die Beurteilung der Ära Benedikt eine fast dramatische Neubewertung erfährt: Da geht einer mit der Ansage, seine Kräfte reichten für das Amt nicht aus; und gleichzeitig gibt er zu verstehen, dass in der sich rasant entwickelten Welt auch für die Kirche entscheidende Weichenstellungen anstehen. Diese Weichenstellungen sind zu treffen, und es wird nicht mehr dieser Pontifex sein, der sie vornimmt. Es ist die letzte Wende eines an freiwilligen und unfreiwilligen Wenden reichen Pontifikats.

Auch der Regensburger Dogmatiker und Ratzinger-Nachfolger Wolfgang Beinert meint, dass Rücktritt "bleiben“ wird. Ganz sicher, so Beinert, werde die historische Entscheidung, in voller Freiheit zurückzutreten, Schule machen: "In 200 Jahren wird im Lexikon der Päpste beim Eintrag ‚Benedikt XVI.‘ vielleicht nichts von den Pius-Brüdern stehen, aber dass er freiwillig das Amt aufgegeben hat, wird drinstehen - weil dieser Schritt eben auch theologische Konsequenzen hat.“ (vgl. dazu das Interview links). Das zweite, was nach der Überzeugung Beinerts überdauern wird, sind die Enzykliken dieses Papstes.

Drei an der Zahl hat Benedikt XVI. veröffentlicht, und vor allem seine erste "Deus caritas est“ über die Liebe ist für den Regensburger Dogmatiker wegweisend: ",Deus caritas est‘ halte ich für ein so großartiges Dokument der Kirche, dass die sich verändern müsste, wenn sie diese Enzyklika erst nimmt. Da ist etwas ausgesät, das noch gar nicht aufgegangen ist.“

Das Zeugnis der Enzykliken

"Deus caritas est“ erinnert auch an die Entdeckung von Zügen, die man zuvor am obersten Glaubenshüter Joseph Ratzinger nicht wahrgenommen hatte. Die Befürchtungen waren zunächst groß gewesen, nachdem Joseph Ratzinger nach seiner flammenden Predigt gegen die "Diktatur des Relativismus“ vor Beginn des Konklaves am 19. April 2005 zum Pontifex gekürt worden war. Schlagzeilen reichten bis zu "Gottes Rottweiler“, mit der sich ein britisches Boulevardblatt hervortat. Doch Benedikt XVI. entpuppte sich nicht als Kampfhund auf dem Stuhl Petri, sondern als leiser, beharrlicher Werber für seine Überzeugung.

Dieser Zug ist auch in "Deus caritas est“ von Anfang an präsent. Man kann Ähnliches auch in der päpstlichen Sanktionspolitik festmachen: Stand Joseph Ratzinger, der Chef der Glaubenskongregation, für hartes Durchgreifen etwa gegen Befreiungstheologen, so beschränkte sich Benedikt XVI. als Papst weitgehend auf symbolische Gesten und verbale Ermahnungen. Dass etwa Helmut Schüller, der Obmann der Pfarrer-Initiative, vom Papst zwar öffentlich ermahnt wurde, aber keine wirklichen Sanktionen erfuhr (die die Hardliner-Fraktion vom Vatikan bis nach Deutschland gern gesehen hätte), stützt diesen Befund.

Man kann auch dieses Papstes Zugehen auf die Pius-Bruderschaft unter diesem Gesichtspunkt sehen: Ein verirrter Teil der Herde war zurückzuholen - Wenn auch beinah um jeden Preis. Die Tragik dieser päpstlichen Bemühungen, die ja von den Pius-Brüdern nicht in der Weise rezipiert wurden, wie es der Papst gewünscht hatte, liegt daran, dass das Werben um die Traditionalisten weite Teile des Mainstream-Katholizismus vor den Kopf stieß. Bis zum heutigen Tag verweigern die Lefebvrianer die Anerkennung von Ökumene, interreligiösem Dialog, Gewissens- und Religionsfreiheit, wie es das II. Vatikanum lehrte. Es ist für den nachkonziliaren Katholizismus schlicht undenkbar, dass diese Werte auch nur theoretisch zur Disposition stehen könnten. Es gelang Benedikt XVI. somit weder, die Pius-Bruderschaft in die Kirche zurückzuholen, noch den Verdacht zu zerstreuen, hier treibe innerkirchlicher Revisionismus fröhliche Urständ.

Fehler in der Kommunikation

Dazu kommt, dass das Zugehen auf die Traditionalisten auch deren latenten bis offenen Antijudaismus zutage treten ließ (der Fall des Holocaustleugners Richard Williamson, dessen Exkommunikation vom Papst ebenso wie die der drei anderen, von Erzbischof Lefebvre illegal geweihten, Bischöfe Anfang 2009 aufgehoben wurde, war da zusätzlich ein politischer Super-GAU). Die dadurch aufgetretenen Irritationen im Verhältnis mit dem Judentum scheinen wieder planiert, aber vertrauensbildend und die Linie Johannes Pauls II., der auf die Juden zuging wie kein Papst zuvor, war das nicht.

Ähnliches ereignete sich in den Beziehungen zum Islam, die durch Benedikts XVI. Vorlesung an der Universität Regensburg im September 2006 erschüttert wurden: Das missverständliche Zitat in dieser Rede, das viele Muslime erzürnte, und das sich dann medial verkürzt weltweit verbreitete, musste durch nachgeschobene Erklärungen und Entschuldigungen zurecht gerückt werden.

Die Turbulenzen nach der Regensburger Rede sind geradezu paradigmatisch als Indiz für fehlende Kommunikationsstrategien und auch Fachkompetenz im Umgang mit geopolitisch heiklen Themen. Bald nach seinem Amtsantritt hatte Benedikt XVI. den hervorragendsten Islamkenner in der Kurie, den Präsidenten des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog, John Fitzgerald, abgelöst, weil dieser offenkundig zu liberal gegenüber dem Islam erschien. Aber das Revirement bedeutete auch, dass sich die Kirchenspitze der Expertise in Bezug auf die Muslime begab. Die Folgen sind bekannt.

Das hier dargestellte Beispiel mag typisch für die der Personalpolitik in diesem Pontifikat gelten. Ähnliches gilt für den Umgang mit den Problemen der Moderne, denen sich die Kirche nach Meinung auch vieler Katholiken bis dato nicht stellt. Manche lesen im Satz in der Rücktrittserklärung Benedikts XVI., dass die Welt, die sich so schnell verändere, "heute durch Fragen, die für das Leben des Glaubens von großer Bedeutung sind, hin- und hergeworfen“ werde, dass dies dem Papst durchaus bewusst sei. Die "fehlenden Kräfte“ des Pontifex werden dahingehend interpretiert, dass er die Problem sehe und auch wisse: Hier sind Entscheidungen zu treffen. Zu diesen sieht sich Benedikt XVI. selber aber außerstande. In derartigem Licht ist es erst recht ein ebenso konsequenter wie revolutionärer Schritt, das Gesetz des Handelns in die Hände des Nachfolgers zu legen. Man wird sehen, was der nächste Papst da angehen wird.

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