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Religion

#PorteOuverte – das Pfingstfest heute

1945 1960 1980 2000 2020

Das Leben ist auf vielerlei Weise bedroht. Aber selbst dem Terrorismus kommt man mit bloßen Sicherungsmaßnahmen nicht an. Plädoyer für ein neues Pfingsten in dieser verwundbaren Welt.

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Das Leben ist auf vielerlei Weise bedroht. Aber selbst dem Terrorismus kommt man mit bloßen Sicherungsmaßnahmen nicht an. Plädoyer für ein neues Pfingsten in dieser verwundbaren Welt.

Kann aus der Trauer etwas Anderes entstehen als der Ruf nach Krieg? Diese Frage stellt sich in besonderer Weise, wenn man durch Gewalt und Terror geliebte Menschen verliert. Die US-amerikanische Philosophin Judith Butler hat nach dem Terroranschlag auf das World-Trade-Center in New York nachdrücklich darauf hingewiesen. Sie formuliert damit eine entscheidende Frage unserer Zeit, die von wachsender Angst vor Terror, Migration und „Überfremdung“ gezeichnet ist. Zugleich wirft diese Frage neues Licht auf die Situation, in der sich die frühe christliche Gemeinschaft nach dem Tod Jesu befand. Auch die Jüngerinnen und Jünger waren Trauernde, die um eine Alternative zum Ruf nach Krieg ringen mussten. Das Pfingstfest zeigt, welche Antwort sie gefunden haben. Eröffnet diese Antwort eine Perspektive für heute, auch in nicht-kirchlichen Kontexten?
Der Tod Jesu lässt seine Anhängerschaft zutiefst verwundet, geradezu traumatisiert zurück. Das zeigt Maria Magdalena, als sie verzweifelt schluchzend vor dem Grab Jesu steht. Auf eine solche Verwundung kann man reagieren, indem man ohnmächtig verstummt und das Leben aufgibt. Oder man kann zu den Waffen greifen, um den Getöteten zu rächen.

Zu seinem Gedächtnis …

Die Jüngerinnen und Jünger tun aber etwas ganz Anderes. Sie erinnern sich an das letzte große Essen, das sie kurz vor seinem Kreuzestod mit Jesus erlebten. Seinen möglichen Tod vor Augen, fordert er sie damals nicht auf, zu den Waffen zu greifen. Vielmehr gibt er ihnen den Wunsch mit auf den Weg, zu seinem Gedächtnis Brot zu teilen, Wein zu trinken und miteinander das Leben zu feiern. Aus dieser Erinnerung entwickeln die Jüngerinnen und Jünger ein Ritual, das der jungen Kirche auf ihren brüchigen Pfaden der Hoffnung alltäglich Orientierung, Beharrlichkeit und Mut verleiht. Aus diesem Ritual gewinnt das frühe Christentum nach und nach seine Stärke.
Dies ist aber nur möglich mit dem Pfingstfest. Denn zunächst bewegt sich die österliche Erfahrung der Auferstehung ausschließlich im internen Kreis. Man trifft sich und spricht über das, was sich nach der Kreuzigung ereignet: der Getötete ist weiterhin präsent, mitten unter ihnen. Diese Präsenz des Abwesenden potenziert jedoch nicht die Gewalt, wie es bei der Rache der Fall ist. Sondern hier wird eine Präsenz des Abwesenden erfahren, die auf erstaunliche Weise Leben eröffnet. Die Jüngerinnen und Jünger kommen zusammen; immerhin hat der Tod sie nicht auseinandergetrieben. Aber sie bleiben in ihren Räumen, die sie zudem ängstlich verschließen (Joh 20,19). Sie wollen nicht raus, dorthin, wo es so gefährlich für sie ist. Niemand will wie Jesus gefoltert und gekreuzigt werden. Auf eine drohende Gefahr mit Schutzstrategien zu reagieren, ist sehr verständlich. Man duckt sich weg, zieht sich hinter dicke Mauern zurück und verschließt die Türen. Und man freut sich an der Gemeinschaft, die sich in verschlossenen Räumen versammelt.
Aber dann kommt das Pfingstfest. Plötzlich weht ein anderer Geist, der die Verzagtheit überwindet und erstaunlichen Mut verleiht. Die Riegel werden gelockert, die Türen geöffnet. Die Jüngerinnen und Jünger gehen raus und beginnen zu reden, und zwar in aller Öffentlichkeit. Die ängstlich Verstummten finden zu Wort. Das ist riskant, denn mit ihren Reden werden sie als Anhänger Jesu erkennbar und könnten ebenfalls getötet werden. Aber sie scheuen das Risiko nicht. Sie wollen keine abgrenzenden Mauern mehr. Sie entscheiden sich für offene Türen.

Sicherung schafft neue Verwundbarkeit

Auch heute noch reagieren Menschen auf Gewalt mit dem Bedürfnis, sich selbst und ihre Gemeinschaft – ihre Familie, ihre Religion, ihren Staat – zu schützen. Dies
ist berechtigt, niemand kann das bestreiten. Aber man muss auch begreifen, dass viele Sicherungsmaßnahmen selbst neue Verwundbarkeiten schaffen und das Leben auf andere Weise bedrohen. Beim Germanwings-Absturz im März 2015 war es die komplett verrammelte Tür zum Cockpit, die verhindert hat, dass der Pilot hineingehen und den Absturz verhindern konnte. Sicherheit allein macht das Leben nicht sicherer.
Wer ausschließlich das Ziel verfolgt, sich selbst und das Eigene zu schützen, braucht immer höhere Mauern, immer mächtigere Grenzanlagen, immer schärfere Waffen. Man verstärkt die Sicherungsmaßnahmen und ruft zu den Waffen, materiellen wie immateriellen. Lieber andere verwunden, als selbst verwundet zu werden. So trägt man zu einer Spirale der Gewalt bei, die letztlich alle bedroht. Pfingsten setzt hierzu eine Alternative. Es ist das Fest der offenen Türen.
Jetzt könnte man meinen, das sei sehr utopisch. Aber es ist realisierbar. Das zeigte sich nach dem furchtbaren Terroranschlag in Paris im November 2015. Am Abend des 13. November, als mehrere Anschläge gleichzeitig die Stadt erschütterten, strandeten unzählige Menschen auf den Straßen von Paris. Sie konnten nicht weg aus der Stadt und suchten einen Ort, wo sie vor weiteren Attacken sicher wären. In Paris, der Stadt der Liebe, erkannte man diese Notlage. Soziale Medien riefen dazu auf, einen Schlafplatz anzubieten: #PorteOuverte.