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Religion, die befreit

DISKURS
justicia - © APA / AFP / Marvin Recinos

Postkoloniale Theologien: Befreiung durch Entkolonisierung

1945 1960 1980 2000 2020

Kolonialisierung ist auch ein theo­logisches Thema geworden. Im Dialog mit den postkolonialen Theorien stellt sich für Christinnen und Christen die Frage, wie sie der kulturellen Dimension von Unterdrückung, Ausgrenzung und Befreiung begegnen können.

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Kolonialisierung ist auch ein theo­logisches Thema geworden. Im Dialog mit den postkolonialen Theorien stellt sich für Christinnen und Christen die Frage, wie sie der kulturellen Dimension von Unterdrückung, Ausgrenzung und Befreiung begegnen können.

Die südamerikanischen Staaten feiern in diesen Jahren fast alle die 200 Jahre ihrer Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Spanien (1809–1825). Trotz dieser langen Zeit staatlicher Selbstständigkeit lassen sich aber weiterhin wirtschaftliche, kulturelle und politische Überreste des Kolonialismus und neue Abhängigkeiten erkennen. Sie geben Anlass für post­koloniale und entkolonisierende Bewegungen und Studien, die seit einigen Jahren in ganz Lateinamerika (wie auch in anderen Teilen der Welt) die Erblasten des Kolonialismus analysieren, bloßstellen und zu transformieren suchen. Von diesen Entwicklungen ist auch die lateinamerikanische Theologie der Befreiung betroffen.

Die vom Kolonialismus geprägte Denkweise in Nord und Süd wurde durch die staatliche Unabhängigkeit nicht einfach außer Kraft gesetzt. Vielmehr blieb sie im kulturellen Gedächtnis erhalten, sowohl in den früheren Kolonien wie in den Staaten Europas. Menschen in kolonial geprägten Ländern wuchsen vielfach mit einer selbstverständlichen Überzeugung ihrer eigenen Unterlegenheit gegenüber Europäerinnen und Europäern auf. Sie konnte sie an der Hautfarbe, an der Muttersprache, an der sozialen Herkunft und an den Bildungsmöglichkeiten festmachen. Ebenso prägen nach wie vor ein patriarchales Geschlechterverhältnis und die Ablehnung anderer als heterosexueller Praktiken viele postkoloniale Gesellschaften noch lange nach dem Abzug der Kolonialmächte.

Unterbewusste Prägung „Kolonialität“

Die Wirtschaft, das Staatswesen, die Religion – sehr viele Bereiche des Alltags werden im postkolonialen Unterbewusstsein nach wie vor völlig selbstverständlich nach europäischem Muster oder kolonialen Interessen gestaltet. Dass es hierzu Alternativen gibt, wird dann als „rückständig“ oder „irrational“ abqualifiziert. Diese tiefe unterbewusste Prägung nennt der peruanische Soziologe Aníbal Quijano die „Kolonialität“: das Überdauern kolonialer Muster im kulturellen Gedächtnis der Kolonisierten. Ebenso muss man in den Ländern der ehemaligen Kolonialmächte von einer andauernden Kolonialität sprechen, die spiegelbildlich die Vorstellung von der eigenen Überlegenheit immer wieder erneuert.

Postkoloniale Studien untersuchen die komplexen Vorgänge, die sich bei dem von Macht und Interessen geleiteten Zusammenstoß von Kulturen ereignen können. Sie nehmen einen Perspektivwechsel vor: Statt wie die kolonialen Wissenschaften aus scheinbar „neutraler“, in Wirklichkeit aber europäisch geprägter Perspektive auf koloniale Beziehungen zu schauen, nehmen sie ausdrücklich die Sichtweise derjenigen ein, die aus verschiedenen Gründen unter dem Kolonialismus und der Kolonialität leiden.

Auch postkoloniale Theologien rekons­truieren in einer mühsamen Spurensuche, wie das Zusammenwirken von Mission und Evangelisierung auf der einen und Eroberung und Kolonialismus auf der anderen Seite die frohe Botschaft des Christentums verändert haben. Vielfach finden sich in den Fragmenten der vorkolonialen Religiosität und im Widerstand der Kolonisierten gegen die Mission eher angemessene Gesprächspartner(innen) für einen konstruktiven Umgang mit der Vergangenheit als in den etablierten Institutionen der kolonialen Kirchen.

Der Dialog mit indigenen Traditionen erweist sich als fruchtbar für ironische Brechungen, da in ihnen Metaphern und Erzählungen gebraucht werden, die für europäische Ohren sehr ungewohnt klingen können. Der indische postkoloniale Theoretiker Homi Bhabha hat den Spott und die Furcht vor Lächerlichkeit als ein wichtiges Werkzeug des antikolonialen Widerstands charakterisiert.

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