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Priester für eine nachklerikale Zeit

1945 1960 1980 2000 2020

Vor 30 Jahren analysierte Eugen Drewermann im Buch "Kleriker" den "geweihten" Stand in der katholischen Kirche. Ob der Missbrauchskrise haben sich seine Diagnosen weiter verschärft. Klerus kommt aus dem Griechischen und heißt "Scherbe", die im Neuen Testament (Apg 1,17) als Los für die Wahl des Apostels Matthias diente: ein passendes Bild auch für die Zukunft? Redaktion: Otto Friedrich, Doris Helmberger

1945 1960 1980 2000 2020

Vor 30 Jahren analysierte Eugen Drewermann im Buch "Kleriker" den "geweihten" Stand in der katholischen Kirche. Ob der Missbrauchskrise haben sich seine Diagnosen weiter verschärft. Klerus kommt aus dem Griechischen und heißt "Scherbe", die im Neuen Testament (Apg 1,17) als Los für die Wahl des Apostels Matthias diente: ein passendes Bild auch für die Zukunft? Redaktion: Otto Friedrich, Doris Helmberger

Bilder sind oft tief eingegraben in das Bewusstsein von Kulturen, Organisationen und einzelnen Personen. Das gilt auch für das Priesterbild. Trotz der zaghaften Reformen zum Priesteramt auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist das in "christentümlichen " Jahrhunderten gewachsene Priesterbild nach wie vor wirkmächtig. Es hält sich wohl auch deshalb, weil die Menschen Sehnsucht nach dem "Außeralltäglichen" haben und nach einem "heiligen Außenseiter", der dieses repräsentiert.

Priester für Gemeinden

Viele Priester stehen immer noch für die überwunden geglaubte "Priesterkirche" (Paul Hofmann), in der Kirche zunächst Priester bedeutet, die dann als Hirten die Herde versorgen. Eingebunden in eine "christentümliche" Kultur hatten die Priester in der Kultur hohes Ansehen und Standesehre gewonnen. Ein Blick auf die symbolische Ebene verdeutlicht das gut, worauf der große Innsbrucker Pastoralpsychologe Hermann Stenger hingewiesen hat: Man müsse lediglich die symbolische Inszenierung einer Primiz mit jener einer Taufe vergleichen. Dass sich im Umkreis eines solchen kulturell gut verankerten Priesterbildes Klerikalismus als Missbrauch geistlicher Vollmacht verbreiten konnte, beklagt Papst Franziskus unentwegt. Aber wie kann dieses Priesterbild überwunden werden? Wie kann ein Priester der Zukunft aussehen? Wird es für diesen tiefgreifenden Umbau des priesterlichen Amtes ausreichen, die Priesterausbildung zu modifizieren?

Reicht es aus, Priesteramtskandidaten ein paar Jahre aus dem kirchengemeindlichen Leben herauszuziehen, sie praxisfern theologisch auszubilden, ein paar unverbindliche Praktika einzustreuen, die Ausbildung zu individualisieren und dabei pastorale Solisten und Besserwisser zu formen, die Versuchung zur geistlichen Macht zu thematisieren, vielleicht noch ein psychologische Screening hinsichtlich der sexuellen Reife zu verlangen, um dann diese Männer kontroll-und supervisionsfrei gleich mehreren Gemeinden "vorzusetzen"? Und das alles mit einer rechtlich abgesicherten Pflicht, sich zwar von "Laien" beraten zu lassen, dennoch durch die durch den Canon rechtlich abgesicherte Leitungsposition befugt, letztlich machen zu können, was man will?

Priester aus Gemeinden

Ich stelle eine Vision für Priester der Zukunft vor. Dabei gehe ich davon aus, dass es auf dem Weg dieser Entwicklung auch Schritte zu einem Eintritt von Frauen in den Ordo in seinen vielfältigen Stufen geben wird, längerfristig in alle Ämter. In den folgenden Ausführungen soll es aber vorläufig um die Priester gehen. Ein Moment an der Vision ist auch, dass es sich um eine "arme Kirche mit den Armen"(Papst Franziskus) handeln wird, die keine Kirchensteuer/keinen Kirchenbeitrag mehr einheben kann.

Der Entwurf einer solchen Vision beginnt nicht beim Priester, sondern bei der Berufung des Volkes Gottes. Diese lebt davon, "dass wir Christen nicht dazu auf Erden sind, um in den Himmel zu kommen, sondern dass der Himmel zu uns kommt" (Klaus Hemmerle). In Spuren wenigstens, füge ich hinzu. Den Anfang aller Überlegungen muss also das Kommen des Reiches Gottes in diese heutige Welt bilden. Ziel ist die Mitarbeit an einer menschliche(re)n Welt unter dem offenen Himmel Gottes, in der die Schöpfung geachtet und verschont sowie Gerechtigkeit und Frieden geschaffen werden.

Diese künftige Kirche wird einer "Bewegung" gleichen. Diese "Jesusbewegung mit offenen Grenzen" wird sich wie ein Netzwerk organisieren, das "Knoten" hat. Diese sind wie "Herbergen"(Jan Hendriks), in denen Menschen, die sich entschieden haben, sich der Jesusbewegung anzuschließen, gemeinschaftlich aus dem Geist des Evangeliums leben. Sie feiern das Herrenmahl, aus dem sie als Fußwaschende in das alltägliche Leben hinausgehen. Sie tauchen in Gott ein und bei den Arm(gehalten)en auf.

Diese Herbergen sind offen, gastfreundlich: Suchende Gäste, Menschen guten Willens, die vielleicht nur auf begrenzte Zeit mitleben, arbeiten in Projekten mit. Auch sind sie miteinander und mit anderen zivilgesellschaftlichen Playern vernetzt und verantworten in größeren pastoralen Räumen professionelle Projekte.

Träger dieser Jesusbewegung sind alle, die sich ihr angeschlossen haben. Sie besitzen alles, was sie für ihr gläubiges Leben brauchen. Sie sind reich an Begabungen, für das Feiern, das Verkünden und den Dienst der Fußwaschung. Es gab Zeiten in der Geschichte der Bewegung (so in Tertullians Zeiten um 209 in Karthago), da konnte getauft (tinquere) und das Herrenmahl gefeiert werden (offere), auch wenn "die kirchliche Autorität keinen Ordo zugewiesen" hat. Die Gemeinde selbst galt als priesterlich. Diese Regelung besteht bei der Not-Taufe bis heute.

Der Ordo sichert die Spurtreue

Erst an dieser Stelle kann mit der Skizze begonnen werden, wie Priester(innen) der Zukunft aussehen könnten. In den Lima- Dokumenten aus 1982, in denen sich christliche Kirchen über das Amt geeinigt haben, wird der Ordo als eine Einrichtung gesehen, die anvertrauten Gemeinden in der Spur des Evangeliums zu halten. Katholisch kommt hinzu, dass der Ordo auch die Gemeinden untereinander verbindet.

Symbolisch wird deshalb einem Bischof bei seiner Ordination das Evangelium auf das Haupt gelegt. Das prägt auch den künftigen Priester: Er ist randvoll mit dem Evangelium, versucht es zu leben -tief eingewoben in eine Gemeinde, die ihn trägt und inspiriert.

Ansonsten ist er nicht mehr und nicht weniger ein Mitglied der Gemeinde. Er versteht sich nicht so sehr von der Ordination, sondern primär von der Taufe her. Wie alle, welche der Jesusbewegung "hinzugefügt"(Apg 2,47) sind, kennt er seine Begabungen, entfaltet sie und bringt sie zum Wohl der Gemeinde ein. Das Gemeindeleben und ihr pastorales Wirken ist von allen getragen, der Priester trägt dazu bei.

Amtlich gefordert ist er aber, wenn die Gemeinschaft von der Spur des Evangeliums abweicht. Wenn ein Pfarrgemeinderat vor geraumer Zeit mit 95 Prozent dagegen votiert hat, dass im Ort ein Flüchtlingsaufnahmezentrum eingerichtet wird, dann muss der Pfarrer ihn mit Matthäus daran erinnern, dass dieser Entscheid nicht auf der Spur des Evangeliums liegt.

Ein plausibles Moment des Sicherns der Spurtreue besteht darin, dass Ordinierte im Gemeindealltag der Gemeinschaft wie den sakramentalen Feiern "vorstehen", in denen die freie Zuwendung Gottes sinnenhaft erfahrbar wird. Hier repräsentieren sie den auferstandenen Christus "amtlich", handeln also "im Namen der Kirche", ohne die alltägliche Repräsentation Christi durch die Gemeinde und ihre einzelnen Mitglieder zu ersetzen, die alle "kirchlich" handeln (Karl Rahner).

Neuer Weg ins Priesteramt

Zu solchen Priestern wird die Kirche künftig auf neuen Wegen kommen. Der verbreitete Normalfall wird sein, dass die gläubigen Gemeinschaften "erfahrene Personen" (personae probatae) wählen (!), sie berufsbegleitend ausbilden lassen (die Ausbildungseinrichtungen werden sich auf diese neue Aufgabe vorbereiten) und dem Bischof vorschlagen, sie für die Gemeinde in ein "Presbyterteam" zu ordinieren. Damit wird der derzeitige Priestermangel in gläubigen Gemeinden schlagartig behoben sein: was aufdeckt, dass das Problem weniger der Priestermangel, sondern ein Gemeindemangel ist.

Allerdings wird die Kirche für professionelle pastorale Projekte (in der Bildung, in der Diakonie, in der Kunst, in den Medien) Personen gewinnen, die eine voll akademische Ausbildung in Theologie und einschlägigen Fächern der Wissenschaften vom Menschen absolvieren. Dazu müssen sie nicht ordiniert werden.

Zugleich aber benötigt die Kirche speziell ausbildete Priester (die vielleicht auch ehelos in Priestergemeinschaften leben), um Presbyterteams zu begleiten. Einige werden auch die besondere Berufung haben, Gemeinden zu gründen, an neuen Orten und in wichtigen Bezügen heutigen Lebens. Der akademisch ausgebildete und ehelos lebende Priestertyp, der heute (noch) der Normalfall ist, wird morgen eine dienende Minderheit sein. Der Normalfall werden ehrenamtlich tätige Priester aus den Gemeinden sein, die in "Presbyterteams" deren Spurtreue sichern, ansonsten aber wie gewöhnliche Gemeindeglieder leben und begabungsgerecht mitarbeiten. Der Klerikalismus wird in solch einer Zukunft nur geringe Chance haben.

Der Autor ist Pastoraltheologe in Wien

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