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Propheten reden immer Klartext

Advent ist die Zeit der Propheten. Die großen Rufer der biblischen Frühzeit waren keine Wahrsager, sondern Visionäre: Sie weissagten, was drohte, wenn das Volk seinen Schöpfer und Herrn der Geschichte verriete. Unsere Zeit ist reich an Angstmachern, aber arm an Propheten. Auch die Stimmen der Kirche Christi sind dünn geworden. Man merkt es auch in einer Frage, die derzeit mehr Menschen bewegt als viele andere: Christentum und Islam, Türkei und Europa.

Amtsträger der Kirche mahnen zum respektvollen Dialog in Wahrheit und Liebe. Aber sie vermeiden konkrete Aussagen. Viele wollen wissen: Wie einzigartig ist unsere Religion? Fühlen wir uns dem Islam überlegen oder dürfen wir das gar nicht mehr andenken? Wenn in allen Religionen Wahres und Gutes steckt, warum sollen wir dann bei der unseren bleiben? Wieviel Respekt sind wir Andersgläubigen in unserer Mitte schuldig, wieviel Anpassung dürfen wir von ihnen erwarten?

Aber auch unseren muslimischen Freunden, die sich in Österreich durch ihr Verhalten alle Hochachtung verdient haben, dürfen wir konkrete Fragen stellen: Wie kommt es, dass Millionen Muslime den Koran falsch lesen und Dschihad, wenn der Begriff nur "charakterliche Anstrengung" meint, als "Heiligen Krieg" missverstehen (und ihn brutal führen)? Wie sollen wir, wenn wir eine humane Integrationspolitik verlangen, die Integrationsverweigerung vieler Muslime deuten? Und geht die offene Christenfeindlichkeit islamischer Regime Muslime in Österreich wirklich nichts an?

Die Schicksalsfrage Türkei-EU heißt übrigens nicht Muslim- contra Christenclub, sondern Einheit von Religion und Politik versus freie Religionen in einer Gesellschaft gleichberechtigter Vielfalt. Das ist noch viel wichtiger als die Anerkennung der Republik Zypern.

Der Autor ist freier Publizist.

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