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Religion

Prophetisch. Wach. - Eine Herausforderung

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"Wir leb n in einer sich total verändernden Welt. Was für prophetische Präsenzen brauchen die Christen?" Diese Frage stellte Asztrik Várszegi, emeritierter Erzabt des ungarischen Benediktinerstiftes Pannonhalma. Seine Antwort lautete kurz: "Die Liebe." Christen seien die "Barmherzigkeit Gottes", so Várszegi weiter, und diese müsse sich im Handeln mit den Menschen weisen.

"Prophetische Präsenzen" war das Thema des diesjährigen Ordenstags in der Konzilsgedächtniskirche Wien-Lainz, zu der wieder zahlreiche Ordensfrauen und -männer zusammengekommen waren. Der Altabt von Pannonhalma stand auch mit seinem Lebenszeugnis prototypisch für prophetische Präsenz: Das Überleben seines Klosters während der kommunistischen Zeit gehört da ebenso dazu wie sein leiser, aber klarer Widerstand gegen viele Aspekte der Orbán-Regierung, nicht zuletzt in der Flüchtlingsfrage. "Es war Pflicht zu helfen", so Várszegi zum Engagement seines Klosters in der Flüchtlingskrise 2015. Varszegis Resümee: "Es gibt Situationen, wo man anders handeln muss als vorgeschrieben."

Des Erzabts prophetisches Zeugnis

Während Erzabt emeritus Asztrik Várszegis prophetisches Zeugnis von benediktinischer Spiritualität durchdrungen war, ging das Engagement der zweiten Referentin, der langjährigen ORF-Korrespondentin Moskau, Susanne Scholl, vor allem ins Politische. Die Jüdin Scholl ist - gemeinsam mit der evangelischen Pfarrerin Monika Salzer, Initiatorin der "Omas gegen Rechts", einer Gruppierung, die sich öffentlich und kritisch mit der Sozial-und Migrationspolitik der gegenwärtigen Bundesregierung auseinandersetzt.

Vor allem die Unbekümmertheit, mit der die "Omas gegen rechts" agieren -Scholl betonte, dass natürlich auch "Opas" in ihrer Initiative willkommen seien -sprach für sich: Mit ihren altmodischen Wollmützen bei verschiedenen Protestveranstaltungen sehen sich die "Omas gegen Rechts" auch als nötiger Farbtupfer, als eine augenzwinkernde Intervention, auch wenn Scholl, die Teile ihrer Familie in der Schoa verloren hat, ganz klar zum Ausdruck brachte: "Wir können nicht zuschauen, wie dieses Land umgestaltet wird in etwas, von dem wir geglaubt haben, es komme nie mehr wieder."

"Prophetische Präsenz heißt, keine Angst haben", brachte es Sr. Beatrix Mayrhofer, die Präsidentin der Frauenorden, auf den Punkt: "Wovor haben wir Christen Angst?"

Im Vorfeld des Ordenstags wurde auch der größte organisatorische Umbau bei den Ordensgemeinschaften eingeleitet. Wie Abt emeritus Christian Haidinger, der Vorsitzende der Männerorden, den versammelten Ordensleuten berichtete, werden die bislang getrennten Organisationen der Frauen-und Männerorden zusammengeführt. Die jeweiligen Vollversammlungen der "Vereinigung der Frauenorden Österreichs" und der "Superiorenkonferenz der männlichen Ordensgemeinschaften Österreichs" billigten den Zusammenschluss, der in einem Jahr vollzogen sein soll, jeweils mit weit mehr als der nötigen Zweidrittelmehrheit.

Um prophetische Präsenz ging es auch bei Projekten, die zum insgesamt mit 12.000 Euro dotierten "Preis der Orden 2018" eingereicht wurden. Vier Projekte aus dem Umfeld der Orden wurden heuer ausgezeichnet: Die inklusive Theatergruppe "Kainbacher Passionsspiele", bei der Menschen mit und ohne Beeinträchtigung miteinander Theater spielen und das von der "Lebenswelt der Barmherzigen Brüder - Steiermark" (Bild oben) initiiert wurde, gehört ebenso dazu wie ein Flüchtlingshilfsprojekt der Steyler Missionsschwestern in Athen.

Inklusives Theater bis Obdachlosen-Hospiz

Weitere "Preise der Orden" erhielten zwei Initiativen der Elisabethinen, und zwar das Projekt zur Begleitung trauernder Kinder am Ordensklinikum Linz sowie das VinziDorf-Hospiz am Konvent in Graz, das erste stationäre Hospiz für Obdachlose in Österreich.

In den kommenden drei Jahren wollen sich die Ordensgemeinschaften thematisch mit einer "Übersetzung" der Evangelischen Räte, nach denen Ordenschristen leben -Armut, Keuschheit, Gehorsam -in die heutige Sprache und Bilderwelt auseinandersetzen. einfach. gemeinsam. wach. heißt das diesbezügliche Motto, bis 2021 wird je eines dieser Leitworte das Jahresthema bilden. Am Ordenstag erfolgte der Start für die Beschäftigung mit dem Gehorsam, also mit wach. Wach zu sein und das Ordensleben danach auszurichten, wurde in der Konzilsgedächtniskirche wiederholt zur Sprache gebracht.

Orden in einem nur "halb" religiösen Land

Die auf drei Jahre angelegte Kampagne einfach. gemeinsam. wach. ist auch das Ergebnis einer Studie über die Wahrnehmung der Ordensgemeinschaften in Österreich", die das Institut IMAS Anfang Sommer 2018 durchgeführt hat und die am 4. Dezember in Wien präsentiert wurde. In der repräsentativen Umfrage zeigte sich, dass der Hälfte der Österreicher die Ausübung der Religion nicht mehr wichtig ist. Interessant auch, dass gleichfalls die Hälfte der Bevölkerung der Frage zustimmt, dass man nicht mehr so gut wisse, was falsch und richtig ist oder in Politik und Wirtschaft oft eine Orientierung in Lebensfragen fehle.

Hier tut sich zweifelsohne ein Potenzial für die Orden auf -und auch eine Herausforderung, ergab die Studie doch auch, dass drei Viertel der Österreicher die Orden kaum oder nicht wahrnehmen. Bei der Frage der Aufgaben von Ordensgemeinschaften zeigte sich, dass die Gesundheitseinrichtungen der Orden von 80 Prozent als wichtig erachtetet werden, gefolgt von sozialen Projekten und den Bildungsangeboten, auch die internationalen Projekte in Ländern des Süden schätzen noch mehr als zwei Drittel, während nur die Hälfte die Bedeutung der Ordensangebote zur Spiritualität für wichtig halten.

Sr. Beatrix Mayrhofer meinte bei der Präsentation: "Die Studie stellt an uns Ordensleute die Frage: Wie können wir denen Antworten anbieten, die verunsichert sind? Wie können wir die oft daraus erwachsende Angst nehmen? Angstfreiheit kommt aus einer Sicherheit, und Sicherheit kommt von innen her. Wir Ordensleute, die wir uns an Gott gebunden haben und das Evangelium zu leben versuchen, haben eine Botschaft, aus der wir schöpfen können."