Weltreligionen - © Illustration: Rainer Messerklinger

Regeln für interreligiöse Gespräche

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Der Dialog der Religionen ist nicht nur ein Thema für Theolog(inn)en an Universitäten. Denn wo Menschen unterschiedlicher Religionen zusammenleben, gibt es auch Gesprächsbedarf darüber. Für das Gelingen des Dialogs müssen aber dessen Voraussetzungen bedacht werden.

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Der Dialog der Religionen ist nicht nur ein Thema für Theolog(inn)en an Universitäten. Denn wo Menschen unterschiedlicher Religionen zusammenleben, gibt es auch Gesprächsbedarf darüber. Für das Gelingen des Dialogs müssen aber dessen Voraussetzungen bedacht werden.

Der katholische Theologe Christian Troll reserviert den Religionsdialog für die theologischen Experten, im Unterschied zum nachbarschaftlichen „Dialog des Lebens“. Aber auch dort kann das Thema Religion schnell aufkommen. Soll darüber gesprochen werden, bedarf es der Einigung über die Voraussetzungen des Gesprächs, die sich als Haltung auch im Alltag bewähren können. Dazu sieben Thesen.

These 1: Der Unterschied zwischen Wissen und Wahrheitsgewissheit

Religion wird vermittelt über Erzählungen, Praktiken, Riten in der Familie, in der Gemeinschaft, in der Schule, in der Umwelt. Das Ergebnis sind religiöse, nicht selten ­minimale Wissensbestände sowie gewohnheitsmäßige Praktiken, worin Menschen ihre religiöse Identität sehen.

Die Herausforderung beginnt mit der Begegnung mit Menschen anderer Religionen oder ohne Religion. Darauf sind zwei Reaktionen möglich. Zum einen die Abgrenzung: Ich bin nicht katholisch, ich bin nicht evangelisch. Das hatten wir in Österreich für lange Zeit. Heute heißt es dann: Ich christlich, nicht muslimisch. Oder: Ich bin nicht religiös. Jedenfalls: Ich bin nicht wie die anderen. Bloße Negation stiftet aber keine Identität.

Zum anderen ist eine gewisse Offenheit möglich: die Bereitschaft, sich Information über verschiedene Religionen über ein Lexikon zu holen. Das bleibt aber in der Distanz einer Vogelperspektive, die einen Vorteil zu haben scheint: Sie klammert die Wahrheitsfrage aus, die für wechselseitige Absolutheitsansprüche und Konflikte verantwortlich gemacht wird. – Nun ist eine religiöse Wahrheit keine Tatsache, sondern ein Weltverständnis und -verhältnis, das in alle Lebensbereiche hineinreicht und Denken und Urteilen, Empfinden und Handeln bestimmt. Ich nenne das eine persönliche Glaubens- bzw. Wahrheitsgewissheit.

Die Unterscheidung zwischen Wissen und Wahrheitsgewissheit hilft, bei interreligiösen Gesprächen zwei Fallen zu vermeiden. Die eine besteht darin, einen übergeordneten Standpunkt einzunehmen und einander Wissensbestände mitzuteilen, die in der je eigenen Wahrheitsgewissheit nicht verankert sind. Die andere Falle tut sich dann auf, wenn persönliche Wahrheitsgewissheit mit subjektiven Ansichten verwechselt wird, die von der je eigenen Lehrtradition und Interpretationsgemeinschaft abgekoppelt sind. Wahrheitsgewissheit und inhaltliches Wissen sind zwar nicht identisch, lassen sich aber auch nicht trennen.

These 2: Gewissheit bleibt unverfügbar

In der Regel entscheiden die Herkunft, die Familie, der Kulturkreis darüber, welcher Religion ein Mensch angehört. Damit ist aber noch keine persönliche Wahrheitsgewissheit gegeben. Eine Gewissheit lässt sich nicht einfach aus einer Tradition übernehmen, auch nicht willentlich und absichtlich herstellen, nicht „machen“. Gewissheit geschieht, wird empfangen, verdankt sich dem, was der Sprachwissenschafter Wim de Pater eine „disclosure“ nennt, eine Erschließungserfahrung: Es erschließt sich mir etwas. De Pater verknüpft das mit alltagssprachlichen Wendungen wie: der Groschen fällt, das Eis bricht, die Augen gehen auf.

Der religiöse Begriff Offenbarung hat damit zu tun: Gott gibt den Menschen seinen Willen und seine Verheißungen zu erkennen. Ob die Menschen dann verstehen, ihnen ein Licht aufgeht, sie die Erfahrung von Evidenz machen, liegt nicht in ihrer Hand. Sie können nur warten und hoffen, dass sich Gewissheit ereignet. Wahrheitsgewissheit lässt sich nicht erzwingen, anderen nicht aufzwingen und niemandem austreiben.

These 3: Das Prinzip der Selbstvertretung

Gehen Religionsgespräche von der je eigenen Wahrheitsgewissheit aus, dann kann niemand die eigene Gewissheit für andere verpflichtend machen, die einer anderen Wahrheitsgewissheit folgen. Das zu versuchen, würde nicht nur dem widersprechen, was Gewissheit bedeutet, sondern wäre auch ein Angriff auf das Herz eines Menschen.

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